Mehrere Krankenhäuser berichten von steigenden Patientenzahlen, die aber weit unter den bisherigen Höchstständen der Pandemie lägen. © picture alliance/dpa
Hospitalisierungsinzidenz

Neuer Corona-Maßstab: Dortmunder Amtsleiter spricht von „Chaos“

Die Zahl der Covid-Patienten in den Kliniken ist jetzt das Maß der Dinge bei den Corona-Entscheidungen der Politik. Deutliche Kritik kommt aus Dortmund. Ausgerechnet vom Gesundheitsamt.

Seit einer Woche sind Neuerungen beim Infektionsschutzgesetz in Kraft. Danach ist nicht mehr die 7-Tage-Inzidenz, sondern die Hospitalisierungsinzidenz der wichtigste Gradmesser für die Pandemielage im Land und damit Grundlage für politische Entscheidungen.

Die Hospitalisierungsinzidenz ist der Anteil jener Patienten pro 100.000 Einwohner, die wegen ihrer Corona-Infektion innerhalb der vergangenen sieben Tage ins Krankenhaus mussten. Doch nach einem Bericht der Zeitung „Die Welt“ ist dieser neue Indikator nicht sehr aussagekräftig, weil er auf fehlerhaften Daten beruht.

Denn Krankenhäuser melden nicht, wie vom Gesundheitsministerium beabsichtigt, nur jene Patienten, die „wegen“ Corona stationär behandelt werden, sondern auch die „mit“ Corona, die aber gar keine Symptome zeigen, sondern nur bei der Einweisung wegen einer anderen Krankheit durch den routinemäßigen PCR-Test aufgefallen sind. Letztere Gruppe ist also gar nicht spürbar am Virus erkrankt.

Eigene Recherche des Amtsleiters

Die Kliniken schicken den Meldebogen für die Statistik nicht direkt an das Robert-Koch-Institut, sondern an die örtlichen Gesundheitsämter. Die sollen dann überprüfen, ob die gemeldeten Patienten echte Covid-Patienten oder nur Zufallsbefunde sind, die zum Beispiel wegen eines Beinbruchs in der Klinik liegen.

Dass auch die Dortmunder Kliniken bei der Meldung zwischen den beiden Patienten-Gruppen nicht differenziert haben, habe auch der Dortmunder Gesundheitsamtsleiter Dr. Frank Renken bei einer eigenen Recherche festgestellt, schreibt die „Welt“.

Für den Leiter des Dortmunder Gesundheitsamtes, Dr. Frank Renken, müssten für eine Neubewertung der 7-Tage-Inzidenz zwei Voraussetzungen erfüllt sein.
Für den Leiter des Dortmunder Gesundheitsamtes, Dr. Frank Renken, müssten für eine Neubewertung der 7-Tage-Inzidenz zwei Voraussetzungen erfüllt sein. © Schütze © Schütze

Nach kurzer Zeit wieder entlassen

Dr. Renken ist zurzeit im Urlaub, doch das Gesundheitsamt bestätigt auf Anfrage: „Das RKI zählt in seiner Statistik alle Krankenhauseinweisungen von Patienten mit SARS-CoV-2-Infektion, die dem Gesundheitsamt gemeldet wurden und die das Gesundheitsamt in die RKI-Meldesoftware eingegeben hat.“

Darunter fielen „zu einem geringen Anteil – wie es die Recherche von Herrn Dr. Renken ergeben hat – auch diejenigen, die nur durch ein routinemäßiges Screening bei der Aufnahme aufgefallen sind, wegen eines anderen Behandlungsgrundes stationär aufgenommen worden waren und nach kurzer Zeit wieder entlassen werden konnten.“

Die Welt zitiert Dr. Renken dazu so: „Das ist leider viel chaotischer, als ich mir das vorgestellt habe.“

Veraltete Daten

Die Datenlage sei auch noch aus zwei anderen Gründen verzerrt und verfälsche die Inzidenz, so das Gesundheitsamt. Zum einen beruhe die Hospitalisierungsinzidenz auf den Klinikpatienten, die in den vergangenen sieben Tagen einen positiven PCR-Test hatten. Weil jedoch bei einigen Patienten dieser Test länger zurückliegt, fließen deren Daten gar nicht in die Berechnung der Inzidenz ein.

Zum zweiten seien die Daten systematisch veraltet, nach Renkens Recherche um drei bis vier Tage. Das Gesundheitsamt sagt zu den tagesaktuellen RKI-Zahlen: „Sie fallen bei ansteigender Welle deutlich zu niedrig aus; bei abfallender Welle fallen sie zu hoch aus.“

Für Renken, der laut „Welt“ im Winter mit steigenden Inzidenzen auch eine größere Verzerrung der Hospitalisierungsrate erwartet, ist dieser Indikator „nutzlos“, wenn man erkennen wolle, ob die Krankenhäuser überlastet werden.

Das Gesundheitsamt fasst es so zusammen: „Fest steht, dass sich die Hospitalisierungsinzidenz nicht dafür eignet, frühzeitig eine drohende Überlastung in den Krankenhäusern anzuzeigen.“

Über die Autorin
Redaktion Dortmund
Stellvertretende Leiterin der Dortmunder Stadtredaktion - Seit April 1983 Redakteurin in der Dortmunder Stadtredaktion der Ruhr Nachrichten. Dort zuständig unter anderem für Kommunalpolitik. 1981 Magisterabschluss an der Universität Bochum (Anglistik, Amerikanistik, Romanistik).
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Gaby Kolle

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