Martin Strauch hat als Unternehmer im Kaiserviertel ein Corona-Jahr mit einigen Höhen und Tiefen erlebt. © Peter Wulle
Strauch’s Deli statt Suppenfabrik

Neueröffnung nach Corona-Insolvenz: Dortmunder Gastronom erlebt Achterbahn-Jahr

Martin Strauch hat das Corona-Jahr besonders intensiv erlebt. Er meldete mit der Suppenfabrik als einer der ersten Dortmunder wegen Corona Insolvenz an – und eröffnete trotzdem wieder neu.

Es sollte ein Neustart sein, mit dem er der Krise trotzen wollte. Martin Strauch wollte Anfang September einfach wieder Gastronom sein, einfach wieder seine Geschäftsidee verwirklichen. Also eröffnete er nach der mit dem Lockdown im April geschlossenen Suppenfabrik an der Kaiserstraße 43 noch einmal neu – jetzt gemeinsam mit seinem Bruder Christoph unter dem Namen Strauch‘s Deli.

„Für mich begann eine neue Zeitrechnung“, sagt Martin Strauch. Sein rundum renoviertes und liebevoll umgestaltetes kleines Mini-Restaurant für ein schnelles und trotzdem gesundes Mittagessen war auch sofort wieder der Anlaufpunkt für die Beschäftigten des Landgerichts oder die Bewohner und Besucher des Kaiserviertels. „Wir waren hier sofort wieder beliebt und bei unseren Umsätzen schnell auf Vor-Corona-Niveau“, so Martin Strauch.

Mitten in der Corona-Krise neu durchstarten – das schien diesmal wenig riskant zu sein. Einen zweiten Lockdown sollte es ja auf keinen Fall geben. Aber, Pustekuchen!

„Mit dem 1. November begann wieder eine neue Zeitrechnung, für Gastronomen war ab dem Tag nur ein Außer-Haus-Verkauf erlaubt. Und als der sich so gut entwickelt hatte, dass wir damit den wegfallenden Umsatz im Restaurant kompensiert hatten, kam am 16. Dezember der harte Lockdown“, sagt Martin Strauch.

Strauch‘s Deli ist ein Drei-Mann-Betrieb

Für ihn bedeutet das wieder eine neue Zeitrechnung – wieder fallen Kunden weg, die im Homeoffice bleiben oder für die Weihnachtseinkäufe nicht mehr ins Kaiserviertel kommen. Wieder muss neu gerechnet und kalkuliert werden.

Anders als im Frühjahr reicht Martin Strauch diesmal aber das „Grundrauschen auf der Kaiserstraße“, wie er sagt. Die Stammkundschaft bleibt ihm treu und angesichts etlicher Lebensmittel-Geschäfte, die nach wie vor geöffnet sind, gibt es auch noch etwas Publikumsverkehr.

Der 42-Jährige managt Strauch‘s Deli mit seinem Bruder Christoph und einer Hilfskraft. Für dieses Klein-Unternehmen sind die Einbußen besser zu verkraften, als im März/April, als die mit dem Geschäftspartner Pascal Dürr vor zehn Jahren aufgebaute Suppenfabrik, von der Corona-Pandemie kalt erwischt wurde.

Mit seinem Bruder Christoph (l.) hat Martin Strauch mitten in der Corona-Krise das kleine Restaurants Strauch‘s Deli am alten Standort der Suppenfabrik in Dortmund eröffnet. „Das Jahr war eine Achterbahnfahrt“, sagen beide.
Mit seinem Bruder Christoph (l.) hat Martin Strauch mitten in der Corona-Krise das kleine Restaurants Strauch‘s Deli am alten Standort der Suppenfabrik eröffnet. „Das Jahr war eine Achterbahnfahrt“, sagen beide. © Peter Wulle © Peter Wulle

„Wir hatten gerade nochmal expandiert und damit sechs Standorte in Dortmund, Bochum, Essen und Münster. Zu Jahresbeginn dachten wir noch an eine weitere Expansion und einen neuen Sortimentaufbau. Lockdown war ein unbekannter Begriff“, erinnert sich Martin Strauch.

Als der Lockdown dann für jeden ein Begriff war, wurde es für die Suppenfabrik finanziell schnell eng. Die Kunden blieben aus, die Kosten liefen davon, die nach der letzten Standort-Eröffnung in Essen nur noch geringen Rücklagen waren schnell aufgebraucht. „Wir sahen plötzlich die Gefahr einer Insolvenzverschleppung“, so Martin Strauch.

Suppenfabrik-Aus: „Es war deprimierend“

Man zog einen Fachanwalt für Insolvenzrecht zu Rate und dann sofort die Reißleine. Die Suppenfabrik war Anfang April eines der ersten Unternehmen in Dortmund, das aufgrund von Corona Insolvenz anmeldete. „Wir wollten erst gar keine hohen Gläubigerforderungen aufbauen. Es war klar, dass diese Pandemie kein Wochending ist, sondern etliche Monate dauern wird“, sagt Martin Strauch.

Nach den hochfliegenden Plänen am Neujahrstag saß er also nur gute drei Monate später vor den Trümmern seines unternehmerischen Schaffens: „Ich war von heute auf morgen quasi arbeitslos, musste keine Ware mehr beschaffen oder ausfahren, keine Buchführung machen. Es war deprimierend.“

Martin Strauch ist allerdings kein Typ, der sich in einer solchen Situation in eine Ecke verzieht und die Wand anstarrt. Der Dortmunder Junge und BVB-Fan aus Aplerbeck kommt aus dem Lebensmittelhandel, hat bei Rewe Dortmund gelernt, dann studiert und in der Schweiz gearbeitet.

„Dort habe ich mich mit Konzepten für die Außer-Haus-Versorgung beschäftigt. Zeit ist für viele Menschen knapp. Daher also etwas Nahrhaftes fürs Büro anzubieten, das schnell zu bekommen ist, ist ein Geschäftsmodell. Ich hatte selbst lange im Büro gearbeitet und wollte so einen Laden dann selbst bauen“, sagt Martin Strauch.

Strauch‘s Deli: Sowohl Linsensuppe als auch Garnelen

Dieser Ehrgeiz war mit dem Ende der Suppenfabrik nicht verschwunden. Nach der Firmenabwicklung im Mai hat er sich im Juni kurz geschüttelt und im Juli die baldige Wiedereröffnung der Suppenfabrik 2.0 mit Hausgemachtem von der Westfälischen Linsensuppe, über den Salat mit Garnelen, Ei und Avocado bis zum Milchreis geplant.

„Corona war ja im Sommer nicht mehr so‘n Thema. Und ich wollte es neu angehen. Das war auch möglich. Unser Insolvenzverwalter hatte uns im März gesagt, dass man mit einem Insolvenzverfahren schon nach vorne denken kann. Das sei der Grundstein für einen Neubeginn. Genau so war es. Es war alles geregelt, es war beim Vermieter die Tür nicht zugeschlagen und ich konnte im September ganz neu starten.“

Da war er also wieder oben auf seiner Achterbahnfahrt durch das Corona-Jahr 2020. Klein und fein mit seinem Strauch‘s Deli und mit weniger Expansionsdrang und starker lokalpatriotischer Erdung im Kaiserviertel. Es begann eine neue Zeitrechnung. Am 1. November allerdings wieder eine. Und am 16. Dezember noch eine.

„Klar, hätte ich noch warten können. Aber das Warten hätte das Risiko erhöht, dass ich dieses Lokal an der Kaiserstraße nicht wieder hätte mieten können. Und ich wollte schon hier bleiben, weil der Zusammenhalt im Kaiserviertel ein ganz besonderer ist.“ Dort soll es jetzt ohne Schussfahrt weitergehen bis zur nächsten neuen Zeitrechnung – ohne Lockdown, ohne Corona.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Nach mehreren Stationen in Redaktionen rund um Dortmund bin ich seit dem 1. Juni 2015 in der Stadtredaktion Dortmund tätig. Als gebürtigem Dortmunder liegt mir die Stadt am Herzen. Hier interessieren mich nicht nur der Fußball, sondern auch die Kultur und die Wirtschaft. Seit dem 1. April 2020 arbeite ich in der Stadtredaktion als Wirtschaftsredakteur. In meiner Freizeit treibe ich gern Sport: Laufen, Mountainbike-Fahren, Tischtennis, Badminton. Außerdem bin ich Jazz-Fan, höre aber gerne auch Rockmusik (Springsteen, Clapton, Santana etc.).
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Peter Wulle

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