Pseudo-cooles Nordstadt-Graffito ist reiner Rassismus

mlzKlare Kante

Das Graffito mit dem Spruch „Welcome to the Jungle“ soll den wilden Charme der Nordstadt spiegeln. Das ist nicht nur geschmacklos - sondern menschenverachtend. Ein Meinungsbeitrag.

von Deniz Greschner

Dortmund

, 16.12.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Erinnern Sie sich an die rassistische Reklame des schwedischen Modekonzerns H&M aus dem letzten Jahr?

Ein schwarzer Junge in einem Kapuzenpullover mit der Aufschrift „Coolest Monkey in the Jungle“ („Coolster Affe im Dschungel“) war auf den Plakaten des Modelabels zu sehen. Weltweit war die Empörung darüber groß, und H&M erntete schärfste Kritik. In Südafrika mussten die Filialen sogar schließen, weil aufgebrachte Menschen die Läden stürmten.

Während dieser Debatte interessierte mich dringlich die Frage: Was hatte sich H&M mit dieser Aktion eigentlich gedacht, und welche Botschaft sollte diese Werbung transportieren? Es war doch hinlänglich bekannt, dass „Affe“ eine verbreitete rassistische Erniedrigung für schwarze Menschen ist.

Ignorantes Marketing

Wie ignorant musste also die Marketingabteilung dieses Konzerns sein, um diese rassistischen Stereotype zu übersehen?! Gleichzeitig wunderte ich mich über das Unverständnis seitens weißer Menschen, die keinen Zusammenhang zwischen dem Spruch auf dem Pullover und der Hautfarbe des Jungen sahen.

Waren wir als Gesellschaft, was rassistische Bilder angeht, so ignorant? War uns so wenig bewusst, welche Wirkung und Funktion diese Bilder haben und welche Kontinuitäten sie fortführen?

Wütend machte es mich, als ich neuerdings eine sehr ähnliche Erfahrung in meiner Wahlheimatstadt Dortmund machen musste…

Willkommen im Dschungel

Zufällig war ich in der Nordstadt und sah das neue Graffito an der Münsterstraße. Da brüllte mich regelrecht ein Affe aus dem Bild an, mit seinem aufgerissenen, gigantischen Maul und zeigte dabei seine bedrohlichen Zähne. Daneben der Schriftzug: „Welcome to the Jungle“, auf Deutsch „Willkommen im Dschungel“.

„Das ist doch nicht euer Ernst, oder?!“, dachte ich. Wessen Idee war das? War den Machern dieses Bildes nicht bewusst, welche Botschaft sie damit transportierten?

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Ich fand heraus, dass dieses „Kunstwerk“ von sieben Künstlern im Einvernehmen mit einem Immobilienbesitzer, dem Bezirksbürgermeister Dr. Ludwig Jörder und dem Bezirksmanagement Nordstadt erstellt worden war. Gesteuert wurde das Ganze vom Sozialen Zentrum.

Eins ist klar: Dieses Bild ist rassistisch - und eine Stadt wie Dortmund mit einer etablierten und zahlenmäßig starken Neonazi-Szene muss sich mit diesem Vorwurf auseinandersetzen.

Nicht „nur“ ein gewöhnliches Bild

Anzunehmen, es sei doch „nur“ ein gewöhnliches Bild, das eine triste Fassade zieren und somit den Stadtteil aufregender, vermutlich attraktiver gestalten soll, wäre verharmlosend. Dieses Bild übermittelt die Botschaft eines „undurchdringlichen“ Stadtteils mit „gefährlichen“ Bewohnern… Wenn Sie nun meinen, ich würde übertreiben: Werfen Sie doch ein Blick in die Geschichtsbücher.

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Eine jahrhundertelange Kolonialgeschichte mit Rassismus und Sklaverei bietet nämlich den historischen Kontext zu diesen Abbildungen. Im Kolonialismus wurden nicht nur Territorien erobert; es wurde auch ein verzerrtes Wissen über den „Anderen“ generiert. Dies geschah mit Gleichsetzungen mit Tieren wie Affen, und diese hatte die Funktion einer Entmenschlichung der schwarzen Bevölkerung.

Somit sicherten sich die europäischen Kolonialisten eine vermeintliche Überlegenheit gegenüber dem „Anderen“ und gleichzeitig die kulturelle Deutungshoheit.

Empörung über Nordstadt-Graffito

Auch der renommierte Bochumer Prof. Dr. Karim Fereidooni empört sich über dieses Grafitto in der Nordstadt und schreibt in seiner Stellungnahme dazu: „Auch der ,NSU‘ hat bestimmte Bürger dieses Landes nicht als gleichberechtigte menschliche Wesen, sondern als wilde Tiere wahrgenommen, die zum Wohl der ,Volksgemeinschaft‘ ausgelöscht werden müssen. Dieses Graffito deute ich in der Tradition dieses rassistischen Darstellungsmusters.“

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Wenn der Rassismus hinter diesem Bild nicht erkannt oder hinreichend ernst genommen wird - dann, weil man vermutlich privilegiert genug ist, sich nicht mit Rassismus auseinandersetzen zu müssen.

Schwarze Fußballspieler werden diskreditiert

Immernoch werden heute in Fußballstadien schwarze Fußballer von Fans mit Affenrufen diskreditiert. Und wenn das funktioniert, dann liegt der Grund dafür sehr tief… Wenn wir den Rassismus hinter diesem Bild in der Nordstadt nicht erkennen, dann nicht, weil wir alle Rassisten sind. Sondern weil Kontinuitäten so gut funktionieren, und wir oft nicht selbstreflexiv genug sind.

Wir wollen nicht, dass die Nordstadt eine „No go Area“ ist? Dann dürfen wir nicht mit den Bildern arbeiten, die diese Eindrücke verfestigen.

Und wenn all das nicht hilft; dann vielleicht, mal darüber nachzudenken, ob wir dieses Bild auch in Benninghofen in Auftrag geben würden? Ach ja, stimmt! Benninghofen ist ja nicht „schrill, laut und bunt und besonders“… Warum denn auch?!

Info

DAS IST DIE AUTORIN

Deniz Greschner arbeitet am Institut für Islamische Theologie der Uni Osnabrück sowie an der FH Dortmund.
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