Swenja Reil ist eine der Macherinnen hinter dem Restaurant Fabulose in der Nordstadt. Staatshilfen erhält sie bisher nicht. Deshalb rechnet sie hin und her und versucht mit kreativen Ideen, das Restaurant durch den Lockdown zu bringen. © Peter Wulle
Gastronomie

Nordstadt-Restaurant rettet Lebensmittel – und kämpft selbst ums Überleben

Im Fabulose gibt es seit kurzem Gerichte aus Lebensmitteln, die vor der Vernichtung gerettet wurden. Doch nun steht das Nordstadt-Restaurant vor dem Aus. Das liegt an einer bestimmten Regelung.

Mit ihrer Geschäftsidee, nicht verkaufte Lebensmittel zu retten und daraus wunderbare 5-Gänge-Menüs zu zaubern, schienen sie im Spätsommer auf der Siegerstraße zu sein. Jetzt müssen Swenja Reil und ihre Mitstreiterinnen schwer kämpfen, um das Pop-up-Restaurant „Fabulose“ in der Nordstadt durch die Corona-Krise zu bringen.

Der Teil-Lockdown zur Bekämpfung der Corona-Pandemie reißt gerade alles ein, was sich Swenja Reil, Hannah Fischer und Julia Mohr in den vergangenen Wochen im Kulturzentrum Langer August an der Braunschweiger Straße 22 aufgebaut haben.

„Das Restaurant zu halten ist gerade sehr schwierig“

Während sich in dem von den drei Unternehmerinnen an der Rheinischen Straße gegründeten Unverpackt-Laden „Frau Lose“ der Umsatz wieder normalisiert habe, so Swenja Reil, muss das davon völlig unabhängig betriebene Restaurant „Fabulose“ wohl für den Rest des Jahres geschlossen bleiben.

„Das Restaurant zu halten ist gerade sehr schwierig“, sagt Swenja Reil. Die in Dortmund einmalige Küche, in der Koch Bernd Gröning Lebensmittel verwendet, die nicht verkauft wurden, ging erst im September dieses Jahres an den Start. „Wir können also für die 75-prozentige Novemberhilfe keinen Umsatz für 2019 angeben“, sagt Swenja Reil. Ihr Steuerberater prüfe gerade, ob man Geld aus irgendeinem Corona-Nothilfe-Programm erhalten könne.

Außer-Haus-Verkauf von veganen Gerichten

„Fest steht: wenn wir keine Hilfen vom Staat bekommen, trägt sich der Restaurantbetrieb nicht. Wir müssten dann versuchen, irgendwie anders an Geld zu kommen. Und sei es, indem wir noch einmal – wie schon zur Gründung – zu einer Spendenkampagne aufrufen“, sagt Swenja Reil.

5500 Euro Fixkosten fallen an, um den kleinen Betrieb jeden Monat gewährleisten zu können. Das sind die Kosten, die für die Bezahlung eines Kochs und seiner Sous-Chefin sowie für die Betriebskosten anfallen. „Bei der Miete kommt uns das Haus hier dankenswerterweise entgegen“, so Swenja Reil.

Die Drei vom Unverpackt-Laden Frau Lose in Dortmund bieten an der Rheinischen Straße auch Gerichte des Restaurants Fabulose zum Mitnehmen an (von l.): Julia Mohr, Swenja Reil und Hannah Fischer.
Die Drei vom Unverpackt-Laden Frau Lose bieten an der Rheinischen Straße auch Gerichte des Restaurants Fabulose zum Mitnehmen an (von l.): Julia Mohr, Swenja Reil und Hannah Fischer. © Frau Lose/Carmen Körner © Frau Lose/Carmen Körner

60 Mittagessen für je fünf Euro müssten jeden Tag beim Außer-Haus-Verkauf die Küche verlassen, um die Kosten decken zu können. Das zu erreichen, daran wird nun – nachdem klar ist, dass das Restaurant auch im Dezember nicht öffnen darf – unermüdlich gearbeitet.

„Durchschnittlich“, sagt Swenja Reil, „verkaufen wir derzeit 10 Mittagstische täglich. Man kann zwischen zwei veganen Gerichten aus geretteten Lebensmitteln auswählen.“

Die ursprünglichen Kalkulationen sind jetzt endgültig hinfällig. „Nach der Eröffnung im September haben wir mittags 30 Gerichte verkauft und waren im Oktober abends bei einer kleinen Maximal-Auslastung aufgrund der Abstandsregel jeden Tag ausgebucht“, erzählt Swenja Reil. Allein durch die 5-Gänge-Menüs am Abend, die jeweils 65 Euro inklusive aller Getränke kosten, habe man 1300 Euro pro Woche sicher gehabt.

Gäste aus der ganzen Region

„Die Gäste sind aus ganz Dortmund und aus den Nachbarstädten gekommen“, sagt Swenja Reil. Bis dann der Abend des 30. Oktober kam. Ein Freitagabend, an dem das Restaurant Fabulose zum letzten Mal für Gäste öffnen durfte – wahrscheinlich zum letzten Mal in diesem Jahr.

Seitdem rechnen Swenja Reil und Hannah Fischer hin und her, wie man den Lockdown überstehen kann. „Wir haben von unserer Crowdfunding-Kampagne, bei der zur Gründung des Restaurants 11.000 Euro zusammenkamen, noch 4000 Euro übrig. Die brauchen wir jetzt auf. Die reichen aber maximal für den November. Da wir nun auch im Dezember nicht wieder öffnen dürfen, müssen wir Kurzarbeitergeld anmelden und wohl auch als Inhaberinnen an unsere Gehälter im Unverpackt-Laden Frau Lose an der Rheinischen Straße gehen“, sagt Swenja Reil.

Mit ihrer Frauenpower, so hoffen die drei Unternehmerinnen, bekommen sie auch die Verlängerung des Lockdowns in den Dezember irgendwie gestemmt, ohne das Lokal aufgeben zu müssen. „Aber im Januar“, so Swenja Reil, „entscheidet sich dann definitiv, ob wir so weitermachen können oder über neue Formate nachdenken müssen.“ Denkbar seien der Aufbau eines Lieferservices mit einem Lastenfahrrad oder der verstärkte Verkauf von frischem Brot und Kuchen.

„Die Begeisterung der Leute motiviert uns“

„Wenn wir wieder regulär öffnen dürfen, könnten wir auch nicht nur an einem Abend für das 5-Gänge-Menü die Türen öffnen, sondern noch an weiteren Abenden“, sagt Swenja Reil. Und überlegt werde auch, ob man noch an einem dritten Standort auf der Rheinischen Straße – zusätzlich zu Fabulose und Frau Lose – Essen verkaufen kann, um mehr Menschen zu erreichen.

Den Gedanken, dass es das außergewöhnliche Restaurant, in dem über den Tellerrand geschaut und der massenweisen Vernichtung von genießbaren Lebensmitteln entgegengewirkt wird, quasi nur für einen Oktober gegeben haben soll, lassen die Macherinnen nicht zu. „Wir möchten“, sagt Swenja Reil, „unbedingt weitermachen. Die Begeisterung der Leute, die schon bei uns waren, motiviert uns unheimlich.“

Restaurant Fabulose

Fensterverkauf im Lockdown

  • Das neu gegründete Restaurant Fabulose bietet an der Braunschweiger Straße 22 weiterhin Gerichte aus geretteten Lebensmitteln an. Durch das Küchenfenster verkauft das Team an fünf Tagen die Woche Mittag- bzw. Abendessen – abgefüllt in Schraubgläser oder andere nachhaltige Mehrwegverpackungen. Ein Gericht kostet 5 Euro.
  • Der Fensterverkauf findet montags, dienstags, donnerstags, freitags und samstags von 12 bis 19 Uhr statt.
  • Eine zweite Mitnahmestelle ist auch bei dem Unverpackt-Ort Frau Lose auf der Rheinischen Straße eingerichtet. Auch dort können zu den genannten Zeiten Gerichte zum Mitnehmen gekauft werden.
  • Weitere Informationen unter www.frau-lose.de/fabulose
Über den Autor
Redaktion Dortmund
Nach mehreren Stationen in Redaktionen rund um Dortmund bin ich seit dem 1. Juni 2015 in der Stadtredaktion Dortmund tätig. Als gebürtigem Dortmunder liegt mir die Stadt am Herzen. Hier interessieren mich nicht nur der Fußball, sondern auch die Kultur und die Wirtschaft. Seit dem 1. April 2020 arbeite ich in der Stadtredaktion als Wirtschaftsredakteur. In meiner Freizeit treibe ich gern Sport: Laufen, Mountainbike-Fahren, Tischtennis, Badminton. Außerdem bin ich Jazz-Fan, höre aber gerne auch Rockmusik (Springsteen, Clapton, Santana etc.).
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Peter Wulle

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