Eine Impfpflicht gegen Masern finden viele Dortmunder gut

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Die Bundesregierung diskutiert über eine Impfpflicht für Masern - ein kontroverses Thema. In Dortmund gibt es nur wenige Masernfälle. Dennoch sind viele Menschen für eine Pflicht - was denken Sie?

Dortmund

, 02.04.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Weil die Zahl an Maserninfektionen deutschlandweit hoch ist, erwägt die Große Koalition die Einführung einer verpflichtenden Impfung gegen diese Krankheit. Weiteren Nährstoff erhält die Debatte durch die Entscheidung eines privaten Kita-Trägers in Essen im Februar, keine ungeimpften Kinder mehr aufzunehmen.

Wo die Diskussion geführt wird, ist sie hoch emotional. Impfungen sind ein Thema unter Dortmunder Eltern in Krabbelgruppen und Kitas. In Dortmunder Kinderarztpraxen. Im Internet ohnehin, wo sich Befürworter und Gegner in gegenseitigen Dummheitsbezichtigungen überbieten.

„Gefährdung der eigenen Kinder und Verantwortungslosigkeit gegenüber der Gesellschaft“ ruft eine große Mehrheit. „Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung“ rufen die anderen.

Auf der Facebook-Seite dieser Redaktion ergibt sich ein klares Bild: Eine große Mehrheit der Dortmunder würde der Einführung einer Impfpflicht zustimmen. Es gibt nur vereinzelte Gegenredner. Unter diesem Artikel können Sie in der Kommentarspalte mitdiskutieren.

2018 gab es in Dortmund drei Neuinfektionen mit Masern

Im gesamten Jahr 2018 gab es in Dortmund drei Neuinfektionen mit Masern. 2017 erreichte die Zahl mit 17 Fällen ihren Höchstwert der vergangenen fünf Jahre.

Im April 2017 war ein Fall im katholischen Krankenhaus Dortmund-West an die Öffentlichkeit gekommen, bei dem eine Masernerkrankung eines Mannes aus Polen zunächst nicht erkannt worden war und sich deshalb auch Pflegepersonal und Besucher angesteckt hatten.

Zudem verbreitete 2017 ein Dortmunder Student das Virus, als er unwissentlich infiziert zu einem BVB-Spiel nach Monaco flog und zwei weitere Personen ansteckte.

Die Zahl der beim Gesundheitsamt gemeldeten Masernfälle schwankt in den vergangenen Jahren stark: 2013 und 2015 gab es nur einen Fall, 2014 waren es 12.

In Kindertagesstätten sind Impfungen keine Voraussetzung für einen Platz

Zur Situation in den städtischen Kindertagesstätten von Fabido sagt Stadtsprecherin Anke Widow: „Das Bestehen eines vollständigen Impfschutzes ist keine Voraussetzung für die Aufnahme in eine Kindertageseinrichtung.“ Erziehungsberechtigte müssen nachweisen, dass es eine ärztliche Beratung zum „vollständigen, altersgemäßen Impfschutz“ gab.

Vor dem ersten Kita-Tag am 1. August müssen Impfausweis, das Kinderuntersuchungsheft (U-Heft) oder die Teilnahmekarte des U-Hefts vorgelegt werden. Private und kirchliche Kita-Träger verfahren genauso. Freie Träger könnten wie im Essener Fall Impfungen zum Aufnahmekriterium machen – Voraussetzung ist ein Einverständnis aller Eltern.

Kitas sind seit 2017 verpflichtet, fehlende Impfberatungen beim Gesundheitsamt zu melden.

Es gibt keine Übersicht darüber, wie viele Kinder nicht geimpft sind

Da keine Impfpflicht besteht, gibt es beim Gesundheitsamt keine Übersicht darüber, wie viele Kinder ungeimpft in Kindergarten oder Schule gehen. 88 Prozent der Eltern legen den Impfausweis ihrer Kinder bei der gesetzlich vorgeschriebenen Einschulungsuntersuchung vor.

Eine Tagesmutter aus einem bei Akademikern beliebten Dortmunder Innenstadtviertel berichtet, dass rund 50 Prozent der von ihr betreuten Kinder nicht geimpft seien. Kolleginnen aus anderen Stadtvierteln berichteten von deutlich niedrigen Zahlen. Es gebe aber gleichzeitig andere Eltern, die ihre Kinder sogar über das ärztlich empfohlene Maß hinaus impfen lassen.

Das sind die Argumente von Eltern, die sich gegen Impfungen entscheiden

Warum entscheiden sich Eltern gegen Impfungen? So offen die Debatte im Internet geführt wird: Viele Eltern sprechen nicht gerne über das Thema.

Wer sich gegen das Impfen entscheidet, verweist auf sein Recht, diese Entscheidung frei zu treffen. Viele befürchten negative Konsequenzen, wenn sie sich als „Impfgegner“ bekennen.

Was deutlich wird: Viele fällen eine sehr bewusste, oft lange überlegte Entscheidung. Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat eine Mehrheit der Impfverweigerer eine überdurchschnittliche Schulbildung und ein überdurchschnittliches Einkommen. So wie eine 42-Jährige Dortmunderin mit anthroposophischem Hintergrund, die ihr erstes von drei Kindern nicht impfen ließ und bis heute dazu steht.

Die Argumente, die Dortmunder Eltern nennen, sind dieselben, die weltweit benutzt werden: Nebenwirkungen und Langzeitfolgen von Impfstoffen, Zweifel an der Wirksamkeit und Abhängigkeit von der Pharma-Lobby. Vieles ist wissenschaftlich widerlegt, manches verschwörungstheoretisch untermauert.

Ärzte treten für eine „individuelle Impfentscheidung ein“

Auf der Liste des Vereins „Ärzte für Individuelle Impfentscheidung e. V.“ stehen auch zwei Dortmunder Adressen. Der Verein spricht sich grundsätzlich für Impfungen „als einen Bestandteil ärztlicher Vorsorge“ aus.

Zugleich tritt er für den „Erhalt einer freien, individuellen Impfentscheidung nach differenzierter, umfassender und ergebnisoffener Beratung“ ein und schätzt eine Impfpflicht als „kontraproduktiv“ ein.

Eine Impfpflicht müsste auf Bundesebene festgelegt werden. Eine politische Mehrheit dafür ist wahrscheinlich, auch der Präsident der Ärztekammer sprach sich zuletzt für eine Masern-Impfpflicht aus.

Für eine Impfpflicht müsste das Grundgesetz geändert werden

Die Verpflichtung zu einer medizinischen Untersuchung bedeute allerdings einen Eingriff in ein Grundrecht. Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestags hat 2016 dazu ein Gutachten erstellt.

Die vielfältig interpretierbare Schlussfolgerung: „Eine Impfpflicht für bedrohte Teile der Bevölkerung im Falle der epidemischen Ausbreitung einer übertragbaren Krankheit mit schweren Verlaufsformen würde somit einen Eingriff in das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit aus Art 2 Abs. 2 GG darstellen, der verfassungsrechtlich jedoch gerechtfertigt erscheinen kann.“

Bis 1983 gab es in Deutschland eine Impfpflicht gegen Pocken. Nach Ausrottung der Krankheit wurde diese wieder abgeschafft.

Bei der Frage nach eventuellen Vorbereitungen auf eine Impfpflicht verweist die Stadt Dortmund auf die Zuständigkeit des Gesetzgebers.

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