Obdachlose in Dortmund: Verwahrlosung und psychische Belastung nehmen zu

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Wer am Rand der Gesellschaft lebt, leidet unter den Einschränkungen wegen des Coronavirus besonders. Obdachlose stehen vor vielen Problemen. Doch in Dortmund gibt es viel Unterstützung.

Dortmund

, 18.04.2020, 17:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

In den mittlerweile vier Wochen der Kontaktsperre hat sich einiges verändert auf Dortmunds Straßen. Menschen, die in Obdachlosigkeit leben, gab es auch vor Corona schon. Rund 600 oder sogar mehr sind es in Dortmund, die Zählweise variiert.

Aber wenn die meisten anderen Menschen von der Straße verschwunden sind, dann fallen die besonders auf, die übrig bleiben. Wenn die Straße dein Zuhause ist, dann bekommt „stayhome“ eine andere Bedeutung.

Viele der ohnehin schon raren Angebote für Menschen, die keinen festen Wohnsitz haben, sind mit den Veränderungen durch die Pandemie weggebrochen. Es hat bis zum 15. April, also gut vier Wochen, gedauert bis sich wieder so etwas wie feste Strukturen gebildet haben.

Duschen und Toiletten gegen die Verwahrlosung

An der Leuthardstraße hat ein „Hygienezentrum“ eröffnet. Den Betrieb übernehmen sowohl ehrenamtliche Kräfte der Wohnungslosenhilfe („Gast-Haus Ökumenische Wohnungslosen-Initiative e.V.“ in Kooperation mit Bodo e.V., Team Wärmebus, AWO, Caritas, Diakonisches Werk sowie Deutsches Rotes Kreuz) als auch ein Sicherheits- und Reinigungsunternehmen.

In dem zuletzt als Unterkunft für Geflüchtete genutzten Gebäude in der Nordstadt finden die Menschen Sanitäranlagen vor. Außerdem gibt es eine Kleiderkammer. „Damit können wir der zunehmenden Verwahrlosung begegnen, die wir wahrnehmen“, sagt Bastian Pütter von Bodo.

Nur noch zwei Duschen für mehrere hundert Menschen waren zuletzt in Dortmund bei der Diakonie verfügbar. Der Brückentreff, das Gast-Haus und weitere Einrichtungen mussten ihre Angebote aus Gründen des Infektionsschutzes stark einschränken.

Übernachtungsstellen kommen für viele nicht in Frage

Übernachtungsstellen sind zwar weiterhin geöffnet. Sie sind aber für einen großen Personenkreis keine Option, weil man sich für die Plätze qualifizieren muss und damit Bürokratie verbunden ist.

In einer Mitteilung der Stadt Dortmund zum „Hygienezentrum“ findet sich diese Formulierung: „Die Dusch-Station an der Leuthardstraße richtet sich an Obdachlose, die städtische Angebote wie die Übernachtungsstellen ablehnen.“

Mitarbeiter von Obdachlosenhilfsorganisatione bei der Einrichtung des Hygienezentrums mit Kleiderkammer an der Leuthardstraße.

Mitarbeiter von Obdachlosenhilfsorganisatione bei der Einrichtung des Hygienezentrums mit Kleiderkammer an der Leuthardstraße. © Bodo e.V.

In der seit Wochen leeren Stadt wird vieles sichtbar, was sonst verborgen ist. Der Eingang eines leerstehenden Ladenlokals am Ostenhellweg ist zum Lager aus Schlafsäcken und Taschen geworden. Es liegen Menschen auf Bänken mitten in der City.

An einem gerade in den vergangenen Wochen viel befahrenen Fahrrad- und Spazierweg zwischen der Innenstadt und Hörde sitzt regelmäßig ein Mann, der sich über einem offenen, improvisierten Feuer eine Dose Ravioli erwärmt.

Wohnungslose Frau lebt in ihrem Auto

Eine 54-jährige Wohnungslose meldet sich bei der Redaktion und erzählt, sie sei mehrfach vorerkrankt und nach einem Jobverlust obdachlos geworden. Nach schlechten Erfahrungen in Übernachtungsstellen und Angst vor der Ansteckungsgefahr lebe sie seit dem 18. März in ihrem Auto.

In einem Toyota Yaris ziehe sie seit Beginn der Coronakrise von Ort zu Ort, halte sich im Moment im Münsterland auf. Die Frau berichtet von einer zunehmenden Aggressivität gegenüber Menschen, die als obdachlos oder verwahrlost wahrgenommen werden. „Es ist demütigend und entwürdigend“, sagt die 54-Jährige. Sie fragt sich: „Wer ist auf meiner Seite?“

„Rapide verschlechternde psychische Situation“

Bastian Pütter schildert aus Sicht der Aktiven in der Wohnungslosenhilfe ähnliche Beobachtungen. „Wir erleben eine sich rapide verschlechternde psychische Situation bei den Leuten. Da bricht jetzt viel auf. Die Menschen sind unter Druck und haben Ängste.“

Ein Schlaflager im Eingang eines leer stehenden Ladenlokals am Ostenhellweg.

Ein Schlaflager im Eingang eines leer stehenden Ladenlokals am Ostenhellweg. © Felix Guth

So treffe die aktuelle Situation inbesondere diejenigen, deren Wohnungslosigkeit sonst zunächst gar nicht auffällt. „Wir treffen Menschen, die wir lange kennen, bei denen es gesundheitlich in einen problematischen Bereich geht.“

Das „Hygienezentrum“ im ehemaligen Kreiswehrersatzamt an der Leuthardstraße könne ein Stück Tagesstruktur zurückgeben, sagt Bastian Pütter. „Wir sind total glücklich, dass wir, wenn auch mit großem Zeitverzug, jetzt mit dem breitesten denkbaren Bündnis eine Lösung gefunden haben“, sagt er.

An der Leuthardstraße 1-7 ist nach Angaben der Stadt Dortmund an jedem Montag, Mittwoch und Freitag von 12 bis 16 Uhr Platz für bis zu 40 Personen je Öffnungstag.

Viele Dortmunder helfen Menschen auf der Straße

Es gibt eine Reihe von Dortmundern, die in den vergangenen Wochen versucht haben, die entstandenen Lücken zu füllen. Dazu gehört etwa eine Gruppe Ehrenamtlicher mit dem Namen „Menschenwürde to go“, die Mitglieder einer Wohngemeinschaft vor einigen Wochen ins Leben riefen

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Mitgründerin Marina Markgraf beschreibt das Prinzip: „Wir kaufen Lebensmittel, Getränke und andere Gebrauchsartikel ein und verteilen diese abgepackt auf der Straße an bedürftige Menschen. Dabei kommen wir ins Gespräch und versuchen Menschen das Gefühl zu geben, nicht allein gelassen worden zu sein.“ Das alles geschehe mit Mundschutz und mit ausreichendem Abstand.

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