Thomas und Niko (r.) leben auf der Straße. Sie wurden kürzlich gegen das Coronavirus geimpft. © Robin Albers
Wohnungslose und Corona-Impfung

„Obwohl ich so scheiße lebe, hänge ich an meinem Leben!“

150 wohnungslose Dortmunderinnen und Dortmunder wurden kürzlich gegen das Coronavirus geimpft. Wie geht es ihnen damit? Wir haben mit Wohnungslosen gesprochen.

Das Gelände rund um den Dortmunder U-Turm ist für Thomas R. notgedrungen zur Heimat geworden. Hier verbringt der 52-Jährige Tag und Nacht, macht „Platte“.

Seit Ende Januar 2020 ist er wohnungslos. Thomas habe zunächst seine Arbeit verloren. Dann die Wohnung, weil die Ämter nicht schnell genug zahlten und er deshalb seine Miete nicht zahlen konnte. „Ich musste meine sieben Sachen packen und das war’s!“ Einkommen habe er keines, auch keine Hilfen vom Staat.

Egal, ob er tot umfällt – aber irgendwie auch nicht

Mit Beginn der Corona-Pandemie ist er also in die Obdachlosigkeit gerutscht. Wie es davor war, wohnungslos in Dortmund zu sein, weiß Thomas nicht. Die mit dem Coronavirus aufgetretenen Probleme, die andere Wohnungslose beschreiben, kennt er nicht: „Draußen schlafen, kein Geld haben – das trifft einen schon hart genug. Ich könnte von mir aus auch tot umfallen, das ist mir sowas von egal!“

Ganz egal ist es ihm dann doch nicht. Thomas hat sich am Montag (10. Mai) als einer von 150 Wohnungslosen im FZW an der Ritterstraße mit dem Impfstoff von Johnson & Johnson gegen das Coronavirus impfen lassen.

„Klar, warum nicht? Obwohl ich so scheiße lebe, hänge ich an meinem Leben“, so die Erklärung des wohnungslosen Mannes. Das mit dem „tot umfallen“, sei halt so „ein bisschen Ying und Yang“, das der 52-Jährige wegen seiner Lebensumstände durchlaufe.

Impfung war unkompliziert

Eine Woche zuvor sei Thomas beim Hygienezentrums über die Impfung informiert worden. Am Hygienezentrum an der Leuthardstraße bekommen Wohnungslose neue Kleidung und Hygieneartikel, dreimal in der Woche können sie dort kostenlos duschen.

Gemeinsam wurde mit dem wohnungslosen Mann der Aufklärungsbogen ausgefüllt, anschließend konnte er sich in eine Liste für die Impfung eintragen.

Die eigentliche Impfung verlief recht unspektakulär, wie Thomas es etwas mürrisch beschreibt: Er schlug ohne gesonderten Termin beim FZW auf, stellte sich in die Schlange und „dann bin ich halt geimpft“ worden. „Ich musste mich noch eine halbe Stunde auf einen Stuhl setzen“ – wegen eventueller Nebenwirkungen – „und dann konnte ich gehen.“ Er habe noch vier Schmerztabletten bekommen, da der Impfstoff von Johnson & Johnson ein bis zwei Tage später Gliederschmerzen auslösen könne.

„Bis jetzt habe ich keine Schmerzen“, erzählt Thomas einen Tag nach der Impfung unserem Reporter. Die Nacht sei auch in Ordnung gewesen – abgesehen vom „Platte machen“, draußen schlafen, natürlich.

Wohnungslose haben andere Sorgen als Corona

Im Gespräch mit unserem Reporter stößt noch Thomas‘ Kumpel Niko B. dazu. Der 34-Jährige ist genauso wie Thomas seit über einem Jahr wohnungslos, durch die Nächte schlagen sich die beiden gemeinsam. Auch er ist am Montag geimpft worden, auch ihm geht es einen Tag später gut: „Ich habe die Spritze noch nicht mal gemerkt!“

Beide sind zwar froh, gegen das Coronavirus geimpft worden zu sein. Eine Sorge weniger – ihre größte Sorge sei das Infektionsrisiko allerdings nicht. „Ich kenne keinen einzigen, der ein Corona-Opfer kennt, und ich kenne auch keinen“, so Thomas. Niko bestätigt das. Was die beiden vielleicht nicht wissen: Die Corona-Pandemie hat neben hoher Todesfälle noch mehr Folgen. Aufgrund des Infektionsrisiko ist die Versorgung für Wohnungslose weitestgehend runtergefahren worden.

Die beiden wohnungslosen Männer sind merklich frustriert. Das Leben auf der Straße sei auch ohne Corona schon hart genug. Keine Unterstützung vom Staat, leben am Rand der Gesellschaft. Bei jedem Wind und Wetter auf hartem Boden, kein richtiges Dach über dem Kopf. Thomas: „Wenn man morgens aufsteht, weiß man erst mal, wie alt man ist.“

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
1990 im Emsland geboren und dort aufgewachsen. Zum Studium nach Dortmund gezogen. Seit 2019 bei den Ruhr Nachrichten. Findet gerade in Zeiten von Fake News intensiv recherchierten Journalismus wichtig. Schreibt am liebsten über Soziales, Politik, Musik, Menschen und ihre Geschichten.
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Robin Albers

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