Auch wenn 2020 die Zahl der Anträge auf Privatinsolvenz in Dortmund gesunken ist, stecken viele Menschen in einer Schuldenfalle. (Symbolbild) © picture alliance/dpa
Schuldneratlas 2020

Ohne Job in die Insolvenz: „In der Demenzpflege war es die Hölle“

In der Corona-Pandemie ist die Zahl der Privatinsolvenzen in Dortmund kurioserweise gesunken. Experten verraten, warum das so ist – und warum das nur scheinbar eine gute Nachricht ist.

Er war Pflegehelfer in der Altenpflege, hatte in dem Job eigentlich seine Erfüllung gefunden. Mit Nacht- und Wochenendschichten war auch der Nettoverdienst von 1100 Euro ganz okay. Bis Corona für den 27-jährigen Dennis K. alles veränderte.

Dennis K. heißt eigentlich ganz anders. Wir nennen ihn hier so, weil er uns anonym seine wahre Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die zeigt, wie ein junger Mensch nicht nur, aber auch wegen der Pandemie den Boden unter den Füßen verlor und tief in die Schuldenfalle geriet.

Dennis ist einer von 425 Menschen, die laut der Wirtschaftsauskunftei Crif Bürgel in Hörde im vergangenen Jahr in Dortmund Privatinsolvenz anmelden mussten.

Plötzlich stapelten sich die Rechnungen

„Ich war in der Demenzpflege in einer Dortmunder Alteneinrichtung – und es war plötzlich die Hölle“, sagt Dennis. Gleich zu Beginn der Corona-Pandemie sei ein Großteil des Personals krank geworden.

„Die Mehrarbeit wurde auf die verbliebenen Gesunden abgewälzt. Man ging am Stock, alle waren überfordert und schnell nervlich und körperlich am Ende. Ich konnte das nicht mehr aushalten, ich war nach wenigen Wochen ausgebrannt.“

Der 27-Jährige kündigte den Job und fing im Juli in einer Spielhalle als Servicekraft an. „Das war echt gut, der Verdienst war gleich, aber nach vier Monaten kam dann der zweite Lockdown und die Spielhalle musste Ende Oktober schließen.“ Dennis K. wurde in Kurzarbeit geschickt – mit nur 60 Prozent des ohne Sonderschichten eh nur dürftigen Einkommens.

Damit war es unmöglich, den Lebensunterhalt zu bestreiten und gleichzeitig die Schuldenlast von rund 20.000 Euro, die ihn seit dem plötzlichen Tod seiner Mutter drückt, abzutragen. „Ich war überfordert und die Rechnungen stapelten sich. Ich wusste nicht mehr weiter“, sagt Dennis K.

Schuldnerberatung als wichtige Anlaufstelle

Er wendete sich an die Schuldnerberatung bei der Verbraucherzentrale. Dort riet man ihm, einen Antrag auf eine Privatinsolvenz zu stellen – allerdings nicht sofort. Warum Dennis K. gut beraten war, damit noch zu warten, wird deutlich, wenn man Antworten auf die Frage sucht, warum die Privatinsolvenzen 2020 insgesamt zurückgingen.

Wie in ganz Deutschland ist auch in Dortmund laut Schuldneratlas trotz der Corona-Krise die Zahl gesunken – von 934 Anträgen im Jahr 2019 auf 425 im Jahr 2020. Mit 73 Insolvenz-Beantragungen je 100.000 Einwohner liegt Dortmund damit fast exakt auf NRW-Niveau.

Olaf Döneke von der Wirtschaftsauskunftei Crif Bürgel  in Hörde sagt: „Die Verbraucherinsolvenz-Statistik ist nur die Spitze des Eisbergs, wenn wir Überschuldung messen.“
Olaf Döneke von der Wirtschaftsauskunftei Crif Bürgel in Hörde sagt: „Die Verbraucherinsolvenz-Statistik ist nur die Spitze des Eisbergs, wenn wir Überschuldung messen.“ © Crif Bürgel © Crif Bürgel

Dass es trotz der Corona-Krise erneut zu einer Abnahme der Insolvenzen kam, ist laut der Hörder Wirtschaftsauskunftei Crif Bürgel auf zwei Faktoren zurückzuführen:

Durch die Pandemie war 2020 das Angebot bei den Schuldnerberatungen zeitweise stark eingeschränkt, sodass viele überschuldete Verbraucher auf eine persönliche Beratung verzichtet oder diese bewusst verschoben haben. Im Gegensatz zur Unternehmensinsolvenz besteht für Verbraucher keine Antragspflicht, sie können selber entscheiden, ob sie eine Insolvenz durchlaufen möchten.

Hauptgrund ist jedoch ein anderer. Der Gesetzgeber hat im vergangenen Jahr eine Änderung im Insolvenzrecht umgesetzt, die zum 1. Januar 2021 in Kraft trat. Betroffene können nunmehr schon nach drei, statt wie bisher nach sechs Jahren eine sogenannte Restschuldbefreiung erhalten, wenn sie sich an die gesetzlichen Bedingungen halten.

Gründe für Überschuldung verlagern sich

Diese Gesetzesreform wurde schon länger erwartet. Verbraucherberatungsstellen und Schuldnerberater haben ihre Klienten – und so eben auch Dennis K. – frühzeitig darauf aufmerksam gemacht, dass sich ein Abwarten bei der Antragstellung lohnen würde.

„Die rückläufigen Privatinsolvenzen sind daher keinesfalls als Zeichen der Entspannung zu interpretieren, sondern als der Anfang einer neuen Privatinsolvenzwelle,“ sagt Olaf Döneke, Geschäftsführer der Wirtschaftsauskunftei Crif Bürgel. Er sieht etwa beim Blick auf die Schufa-Einträge, dass viele Menschen in Dortmund gerade am finanziellen Scheideweg sind.

Die Hauptauslöser für Überschuldungsprozesse, so stellt sein Kollege Wolfgang Scharf von der anderen Wirtschaftsausfkunftei am Phoenix-See, Creditreform, fest, seien nicht mehr „ökonomische“ Faktoren wie Arbeitslosigkeit und gescheiterte Selbstständigkeit.

Vielmehr verstärke sich der Trend, sagt Wolfgang Scharf, dass „Erkrankung, Sucht, Unfall“ und „unwirtschaftliche Haushaltsführung“ die Hauptüberschuldungsauslöser sind. „Längerfristiges Niedrigeinkommen“ wie im Fall von Dennis K. gewinne ebenfalls zunehmend an Bedeutung.

Spaltung zwischen nördlichem und südlichem Stadtgebiet

Ein sehr uneinheitliches Bild ergibt sich bei der Auswertung der absoluten Zahlen, die das Stadtgebiet betreffen. Nahezu 30 Prozent aller Dortmunder Verbraucherinsolvenzen betreffen Bürger aus den vier Postleitzahlgebieten 44145 (Nordstadt, Lindenhorst), 44339 (Eving), 44388 (Lütgendortmund) und 44147 (Innenstadt-West). Der Norden und Westen Dortmunds sind also von Überschuldung am meisten betroffen.

„Die Spaltung zwischen dem Dortmunder Norden und Süden bleibt bestehen“, stellt Wolfgang Scharf fest. „So weisen viele südliche Stadtteile verhältnismäßig geringe Schuldnerquoten zwischen 5,69 und 6,86 Prozent auf. In nördlichen Stadtteilen wie Lindenhorst, Deusen oder der Nordstadt (Postleitzahlen-Gebiete 44147 und 44145) liegen die Werte hingegen zwischen 25,03 und 28 Prozent – und damit rund vier Mal so hoch.“

Wolfgang Scharf von Creditreform Dortmund am Phoenix-See sieht unter anderem ein langes Niedrigeinkommen als Hauptauslöser für Überschuldung.
Wolfgang Scharf von Creditreform Dortmund am Phoenix-See sieht unter anderem ein langes Niedrigeinkommen als Hauptauslöser für Überschuldung. © Creditreform © Creditreform

„Die Verbraucherinsolvenz-Statistik“, erklärt Olaf Döneke von Crif Bürgel, „ist nur die Spitze des Eisbergs, wenn wir Überschuldung messen.“ In Dortmund sei jeder siebte Einwohner davon betroffen, seinen Zahlungsverpflichtungen gar nicht oder nur zeitweise nachkommen zu können. Das seien über 14 Prozent der Bevölkerung.

„Deshalb“, so Olaf Döneke, „müsste die Reform der Verbraucherinsolvenz mit der Möglichkeit der schnellen Entschuldung in Dortmund auf besonders großes Interesse stoßen.“

Entschuldung der Verbraucher betrifft die Gläubiger

„Der vermeintlich positive Befund zurückgegangener Antragstellungen ist kein Zeichen der Entspannung“, sagt resümierend auch Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform.

Unterm Strich stuft Creditreform die langfristigen Perspektiven für die Überschuldungsentwicklung als besorgniserregend ein. Die Folgen für Wirtschaft, Gesellschaft und Verbraucher „werden gravierender sein als die der Weltfinanzkrise 2008 und 2009“, sagt Hantzsch.

Zu guter Letzt weist Finanzexperte Olaf Döneke von Crif Bürgel darauf hin, dass die verbesserte Entschuldungsmöglichkeit durch eine schnellere Restschuldbefreiung auch eine Kehrseite hat.

„Denn“, so sagt er, „von der Entschuldung der Verbraucher sind ihre Gläubiger betroffen, die ihre Leistung bereits erbracht haben und dann auf einen Großteil ihrer Forderung verzichten müssen.“

Daher sei es also für Vermieter, Lieferanten oder Handwerker jetzt noch wichtiger, die Zahlungsfähigkeit ihrer Kunden vorher zu überprüfen.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Nach mehreren Stationen in Redaktionen rund um Dortmund bin ich seit dem 1. Juni 2015 in der Stadtredaktion Dortmund tätig. Als gebürtigem Dortmunder liegt mir die Stadt am Herzen. Hier interessieren mich nicht nur der Fußball, sondern auch die Kultur und die Wirtschaft. Seit dem 1. April 2020 arbeite ich in der Stadtredaktion als Wirtschaftsredakteur. In meiner Freizeit treibe ich gern Sport: Laufen, Mountainbike-Fahren, Tischtennis, Badminton. Außerdem bin ich Jazz-Fan, höre aber gerne auch Rockmusik (Springsteen, Clapton, Santana etc.).
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Peter Wulle

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