Online-Community spürt Unionviertel-Angreifer auf: Warnung der Polizei

mlzFahndung in Eigenregie

Ein 41-jähriger Dortmunder ist am Wochenende im Unionviertel getötet worden. Nach einem Social-Media-Aufruf wurde ein Verdächtiger festgenommen. Die Polizei hat dabei gemischte Gefühle.

Dortmund

, 18.05.2020, 18:01 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ibrahim D. war am späten Freitagabend schon fast zu Hause, als er auf der Adlerstraße „brutal und gewissenlos“ niedergeschlagen wurde, wie sein Bruder es formuliert. Der 41-jährige Dortmunder wurde so schwer verletzt, dass er noch vor Ort im Unionviertel starb.

Der Bruder des Opfers, Serhat D., hat sich sofort am nächsten Tag via Social Media an die Dortmunder gewandt. Jeder, der etwas zur Aufklärung des Falls beitragen konnte, sollte bei einer angegebenen Handynummer anrufen. Der Aufruf verbreitete sich schnell. Am Sonntag, keine 48 Stunden nach der Tat, wurde ein Verdächtiger festgenommen, der „körperliche Misshandlungen“ eingeräumt habe, so die Ermittler.

Jetzt lesen

Zu diesem schnellen Erfolg herrschen bei der Polizei Dortmund gemischte Gefühle. „Der Aufruf der Familie hat mit zum Fahndungserfolg beigetragen“, sagt Sprecher Gunnar Wortmann: „Für uns ist es aber wünschenswert, wenn das Vorgehen mit Polizei und Staatsanwaltschaft abgestimmt wird.“

Die Öffentlichkeitsfahndung sei nun mal eine Aufgabe der Polizei: „Sie ist dabei an Recht und Gesetz gebunden“, so Wortmann. Dazu gehört bei der Veröffentlichung von Fahndungsfotos zum Beispiel meistens auch, dass ein Richter sie erst freigeben muss. Rechtlich ist dann alles einwandfrei, das kann aber je nach Delikt Monate dauern.

Warnung vor „gefährlichem Halbwissen“

Bei Vermisstenfällen oder Kapitalverbrechen kann die Polizei die Bilder aber zur Gefahrenabwehr auch kurzfristig herausgeben. Jedenfalls sagt Gunnar Wortmann zur Fahndung in Eigenregie: „Wir warnen davor, dass gefährliches Halbwissen gepostet wird.“

In Dortmund ist vor einiger Zeit mal ein Bild von einem mutmaßlichen Pädophilen verbreitet worden: „Das kann ganz gefährlich sein“, so Wortmann. In dem Ermittlungsverfahren stellte sich heraus, dass der abgebildete Mann unschuldig war. Viele Menschen haben sein Bild in dem betroffenen Stadtteil aber mit dem schlimmen Tatvorwurf verbunden.

Beim Aufruf von Serhat D., der unserer Redaktion vorliegt, ist allerdings niemand vorschnell verdächtigt worden. Er hat nur geschildert, dass sein Bruder angegriffen wurde und an den Folgen gestorben ist. Dazu bat er um Hinweise zur Tat.

Nach solch einem Zeugenhinweis ist ein 39-jähriger Dortmunder am Sonntag festgenommen worden. „Er hat von Schlägen und einer Schubserei gesprochen“, berichtet Staatsanwältin Sandra Lücke gegenüber unserer Redaktion von der Vernehmung.

Handydaten sollen ausgewertet werden

Der Verdächtige soll das Opfer laut Schilderung dessen Bruders aus der Nachbarschaft gekannt und in der Vergangenheit häufiger schikaniert haben. Im Vorfeld habe es offenbar verbale Auseinandersetzungen gegeben, formuliert es die Staatsanwältin: „Möglicherweise ist das über einen längeren Zeitraum passiert.“ Unter anderem soll eine Handyauswertung weitere Erkenntnisse bringen.

Wegen des „dringenden Tatverdachts der Körperverletzung mit Todesfolge“ sitzt der Verdächtige seit Montag in Untersuchungshaft. Polizeisprecher Wortmann freut sich, dass der Verdächtige schnell gefasst wurde, richtet an die Dortmunder für ähnliche Fälle aber einen Appell: „Unsere Kollegen sind ständig in Kontakt mit Angehörigen und möchten das Vorgehen gemeinsam abstimmen.“

Bereits am Samstag ist ein anderer Mann festgenommen, dann aber schnell wieder freigelassen worden. Staatsanwältin Lücke sah am Montag keinen Zusammenhang zwischen dieser Person und dem Tod von Ibrahim D.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt