Pfarrer im Spagat zwischen Verwaltungsdschungel und Seelsorge

mlzKirche in Dortmund

Ein Pfarrer, eine Kirche, eine Gemeinde: Das war einmal. Heute betreuen die Geistlichen meist mehrere Gemeinden zeitgleich. Der Beruf des Pfarrers ist nicht mehr der, der er einst war.

Dortmund

, 24.02.2019, 04:21 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Kirchenbänke scheinen fast verwaist, nur etwa ein Dutzend Gläubige hat sich für den Sonntagsgottesdienst eingefunden. Pfarrer Christian Höfener-Wolf von der Elias-Gemeinde im Dortmunder Westen schmerzt der Anblick. So sehr er sich auch über jeden Besucher freue, sagt er: „Das macht einem Pfarrer zu schaffen.“

Christian Höfener-Wolf (57) ist Pfarrer der Evangelischen Elias-Kirchengemeinde, die sich über Marten, Dorstfeld, Oespel und Kley erstreckt. Er besetzt eine von drei Pfarrstellen. Mit Stefanie Elkmann und Kerstin Schiffner hat er noch zwei Kolleginnen.

„Es waren einmal zehn - heute sind wir drei“

Eine Gemeinde, drei Pfarrer, das klingt zunächst nach einer guten Besetzung – ist es aber nicht unbedingt. „Die Entwicklung ist heftig: Es waren einmal zehn Menschen, die hier im Pastoralen Dienst gearbeitet haben. Heute sind wir drei“, sagt Höfener-Wolf. Die Belastung sei gestiegen. Gemeinsam kümmern sie sich um rund 9500 Gläubige.

Pfarrer im Spagat zwischen Verwaltungsdschungel und Seelsorge

Die Immanuel-Kirche in Marten wird seit 1993 von Pfarrer Christian Höfener-Wolf geleitet. © Stephan Schütze

Die drei Pfarrer versuchen, sich gegenseitig zu entlasten. So hat an Wochenenden immer nur einer Dienst und übernimmt die Gottesdienste an allen Standorten. Die Kollegen haben Vertretungsdienst oder ganz frei. Das klappt, weil sie einander helfen.

Jeden dritten Sonntag im Monat gibt es einen Gottesdienst für alle drei Standorte, der ein wenig spezieller ist – einen Kino-Gottesdienst zum Beispiel. Pfarrer Christian Höfener-Wolf mag diese Gottesdienste ganz besonders. Sie ziehen die Leute in die Kirche, dann kämen auch schon mal 150 Besucher, sagt er. An der Großgemeinde Elias ist gut zu erkennen, wie sich die Gemeinde-Landschaft in Dortmund verändert und was das für die Arbeit der Pfarrer bedeutet.

Problemfelder: Mitgliederzahlen, Finanzen und Personal

Sinkende Mitgliederzahlen, die Finanz- und Personalsituation haben die Veränderungen angestoßen.

Die Mitgliederzahlen der Kirchen fallen seit Jahren – sowohl auf evangelischer als auch auf katholischer Seite. Hatte der Kirchenkreis der Evangelischen Kirche in Dortmund 1975 beinahe 400.000 Gemeindemitglieder, waren es Ende 2017 nur noch etwa 200.000. Die katholische Kirche in Dortmund hat heute rund 153.000 Mitglieder, im Jahr 2006 waren es knapp 170.000.

Doch nicht nur die Mitglieder schwinden, auch die finanzielle Situation der Kirchen wird sich künftig verschlechtern. Zwar sorge die gute Konjunktur derzeit für sprudelnde Einnahmen aus der Kirchensteuer, das aber werde nicht so bleiben, sagt Wolfram Scharenberg, Sprecher des Evangelischen Kirchenkreises Dortmund.

Austritte und der demografische Wandel machen sich schon bald finanziell bemerkbar – wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen, fallen viele Steuerzahler aus.

Immer weniger junge Menschen entscheiden sich für ein Theologiestudium

Hinzu komme, erklärt Scharenberg, dass „Pfarrstellen heute schwieriger zu besetzen sind“. Es gebe schlicht nicht mehr so viele Leute, die Theologie studieren und Pfarrer werden wollten.

Die Zahlen geben ihm Recht: 1984 nahmen in Westfalen noch 1449 Studierende das Theologiestudium auf, 2016 waren es nur noch 168. Das geht aus dem Personalbericht der Evangelischen Kirche von Westfalen aus dem Jahr 2017 hervor.

Die dünne Personaldecke, sinkende Mitgliederzahlen und erwartbar geringere Einnahmen haben längst für ein Umdenken in den Kirchen gesorgt. So hat das Erzbistum Paderborn im Jahr 2010 damit begonnen, die in Pastoralverbünden organisierten Pfarreien in größeren Pastoralen Räumen zu bündeln.

Durch die Strukturveränderungen werden personelle Ressourcen effizienter genutzt, die Organisation soll einfacher werden und so mehr Zeit für Seelsorge und andere pastorale Arbeit geschaffen werden.

Pfarrer im Spagat zwischen Verwaltungsdschungel und Seelsorge

Die Karte zeigt die zehn Pastoralen Räume, in denen die Pastoralverbünde seit 2010 neu organisiert werden. © Katholische Kirche Dortmund

Zehn Pastorale Räume – orientiert an Stadtteilgrenzen – soll es künftig in Dortmund geben, wenn der langjährige Prozess abgeschlossen ist. Wann genau das sein wird, steht nicht fest. Die letzten beiden Räume entstehen in Dortmund-Nord-Ost und durch die Zusammenführung der Pastoralverbünde Eving-Brechten und Dortmund-Nord-West.

Aus einst vier Kirchenkreisen wurde 2014 in Dortmund ein großer

Der Evangelische Kirchenkreis hat sich ebenfalls neu formiert. Aus den ehemals vier Kirchenkreisen – drei in Dortmund und einer in Lünen – wurde 2014 ein großer Kirchenkreis.

In ihm vereint sind heute 28 Gemeinden in Dortmund (24), Lünen (3) und Selm (1). „Es war ein schwieriger Prozess zusammenzuwachsen, bis dahin hatte ja jeder Kirchenkreis seine eigene Synode und eigene Strukturen“, sagt Scharenberg.

„Das war die schwerste Entscheidung in meinem Berufsleben.“
Christian Höfener-Wolf, Pfarrer

Die Veränderungen durchdringen die Kirchen bis hin zur Gemeinde-Ebene. Kleine Gemeinden müssen zusammengelegt werden, um den Mitgliederschwund mit einer Großgemeinde auffangen zu können. So wurde aus fünf kleinen evangelischen Gemeinden in Marten, Dorstfeld und Oespel/Kley die große Elias-Gemeinde.

Weniger Mitglieder, weniger Personal, weniger Kirchen

„Wir mussten uns aus finanziellen Gründen auch von Gebäuden trennen“, erinnert sich Höfener-Wolf. Drei Gemeindehäuser und auch die Kirche in Dorstfeld musste die Elias-Gemeinde aufgeben. „Das war die schwerste Entscheidung in meinem Berufsleben“, sagt Höfener-Wolf.

Auch in der katholischen Kirche stelle man sich längst die Frage, wie viele Kirchen noch gebraucht würden, sagt Michael Bodin, Sprecher der Katholischen Stadtkirche. Für Kirchen, die nicht mehr gebraucht würden, müssten Lösungen gefunden werden.

Pfarrer: „Verwaltung wird nie mein Steckenpferd“

Durch die Umstrukturierungen verändert sich die Arbeit der Pfarrer. Die Verwaltung der Gemeinde und der Gebäude nehme mehr Zeit in Anspruch, sagt Christian Höfener-Wolf: „Das wird nie mein Steckenpferd. Wir brauchen einen Geschäftsführer, der das übernimmt, damit wir wieder mehr eigentliche pastorale Arbeit machen können. Die Seelsorge kommt oft zu kurz.“

Pfarrer im Spagat zwischen Verwaltungsdschungel und Seelsorge

Seitdem es die Pastoralen Räume in Dortmund gibt, betreut Pfarrer Ludger Keite mit seinem Team vier Gemeinden im Dortmunder Osten mit insgesamt 13.600 Mitgliedern. Hier steht er vor der Kirche St. Clemens in Brackel. © Lena Beneke

Im Pastoralen Raum Dortmund-Ost sind sie da schon weiter. Pfarrer Ludger Keite ist hier gemeinsam mit zwei Pastoren und einer Gemeindereferentin für vier Gemeinden zuständig. Seit einem Jahr bekommt Keite Unterstützung in der Verwaltung. Büro-Organisation, Schriftverkehr, die Leitung der vier Pfarrbüros, diese und weitere Aufgaben übernimmt für ihn Verwaltungsleiterin Anna Werner. „Ich habe dadurch wieder mehr Zeit für die Seelsorge. Es ist toll, mehr Zeit zum Zuhören zu haben.“

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Es sei ein Pilotprojekt des Erzbistums Paderborn, erklärt Keite. Zusätzliche Stellen in der Verwaltung sollen Pfarrer entlasten, ab 2020 werde dies in allen Pastoralen Räumen angeboten – finanziert vom Erzbistum.

Pfarrer - ein erfüllender und fordernder Beruf

Gemeindeleitung, Verwaltungsaufgaben, Seelsorge: So sehr Ludger Keite und Christian Höfener-Wolf in sich ruhen, ihr Beruf ist fordernd. Er durchdringt ihr gesamtes Leben, einen richtigen Feierabend gibt es nicht. Beide genießen den intensiven Kontakt zu Menschen. Es ist wohl der Teil ihrer Arbeit, den beide Pfarrer lieben. Doch zu jeder Zeit erreichbar zu sein, Emotionen auszuhalten, Halt zu geben – das ist anstrengend.

„‚Unser Pastor‘, den gibt es nicht mehr.“
Ludger Keite, Pfarrer

Die Pfarrer schaffen sich daher Auszeiten. Keite hat immer montags frei, an diesen Tagen versucht er, Abstand zu bekommen und abzuschalten. „Dann fahre ich meistens weg. Im Pfarrhaus gelingt mir kein freier Tag“, sagt er.

Auch Christian Höfener-Wolf braucht für Auszeiten einen Ortswechsel, Urlaub macht er am liebsten in Irland. Außerdem spielt er regelmäßig Tennis und lässt sich einmal im Monat in einer Supervision coachen.

Weniger Stress wird es bei den beiden aber auch künftig nicht geben. Ein Ende des Personalmangels ist nicht in Sicht. Ein Pfarrer, eine Kirche, eine Gemeinde, das war einmal. Pfarrer und Pastoren betreuen heute mehrere Standorte zeitgleich. Sie müssen flexibel sein – ihre Gemeinden auch. Keite: „‚Unser Pastor‘, den gibt es nicht mehr.“

Hintergrund

Die Mitgliedzahlen der Kirchen

  • NRW-weit ist die Zahl der Kirchenaustritte 2018 um 22 Prozent gestiegen. Nach Mitteilung des NRW-Justizministeriums erklärten bei den Amtsgerichten im vergangenen Jahr insgesamt 88.510 Menschen den Kirchenaustritt. 2016 gab es 70.717 Austritte.
  • Der Evangelische Kirchenkreis Dortmund, Lünen und Selm hat noch rund 200.000 Mitglieder, die katholische Kirche in Dortmund rund 153.000 Mitglieder
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