Plötzlich Homeoffice wegen des Coronavirus: Ein Experte aus Dortmund gibt Tipps

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Wegen des Coronavirus arbeiten zurzeit viele Menschen im Homeoffice. Eine besondere Herausforderung - weil sie gleichzeitig ihre Kinder betreuen müssen. Ein Arbeitspsychologe gibt Tipps.

Dortmund

, 24.03.2020, 12:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Homeoffice, das Arbeiten von zu Hause aus - momentan ist es Alltag in vielen Familien. Damit auch alles glatt geht im häuslichen Büro, hat Arbeitspsychologe Jan Digutsch wichtige Tipps parat.

Und die kann man wirklich gut gebrauchen. Um ganz ehrlich zu sein: Die erste Woche im Homeoffice hat die Autorin dieses Artikels an den Rand der Verzweiflung gebracht.

Üblicherweise sind die Kinder nämlich bis nachmittags in der Schule - und man kann sich gemütlich am Esstisch ausbreiten, sobald alle das Haus verlassen haben und Ruhe eingekehrt ist. Dabei sollte man allerdings nicht zu gemütlich sein.

Zu einer festen Zeit beginnen - und nicht im Schlafanzug arbeiten

Wie ein guter Start in den Homeoffice-Tag gelingen kann, erklärt Jan Digutsch vom Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo). „Es kann schon viel ausmachen, sich wie gewohnt morgens fertig zu machen und anzuziehen“, sagt der 24-Jährige.

„Vielen hilft es auch, an konkreten Arbeitszeiten festzuhalten und jeden Tag zur selben Uhrzeit anzufangen, aber auch Feierabend zu machen.“ Auch Pausen dürften nicht fehlen.

„Was willst du heute schaffen?“ Druck zur Motivation aufbauen

Ansonsten helfen, so der Experte, grundsätzlich erstmal die gleichen Hilfsmittel wie im Büro auch. „Man kann sich To-do-Listen schreiben und die dann systematisch abarbeiten. Bei mittel- und langfristigen Aufgaben kann es helfen, die Aufgabe in mehrere Schritte zu unterteilen und sich einen gewissen Zeitpunkt auszumachen, an dem man einen bestimmten Schritt geschafft haben möchte.“

Mit den Kollegen in Kontakt bleiben

Ein besonders einfaches Mittel dabei sei es, seine Ziele und Aufgaben mit jemandem zu teilen. Dazu braucht man nicht immer unbedingt eine digitale Konferenz mit Videoschalte. „Man kann die Kollegen auch anrufen und fragen: Was machst du heute? Was will ich heute schaffen?“

Dadurch, so Jan Digutsch, mache man seine eigenen Ziele transparent und es entstehe ein „selbst gemachter sozialer Druck“, die Aufgaben fristgerecht zu erledigen. Dann könne man in Ruhe loslegen.

Wenn es eng wird: Der ideale Arbeitsplatz

Ach ja, Ruhe: Das war mal. Bevor die Schulen schlossen. Jetzt sind alle zu Hause. Der Mann (auch im Home-Office), der Fünftklässler und der Siebtklässler. Und die Katze.

Womit sich der Traum vom gemütlichen Arbeitsplatz erledigt hat. Den Esstisch teilen sich jetzt Mann und Sohn Nr.1, der kleine Sohn bleibt in seinem Zimmer, die Mutter weicht aus in das Kinderzimmer mit Internet-Empfang.

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„Beim Homeoffice sollte man unbedingt versuchen, sich einen Ruhebereich zu schaffen“, rät Jan Digutsch. „Es kann auch helfen, Zeitpläne zu erstellen und im Wohnbereich ausschließliche Arbeitsbereiche festzulegen, in denen sich jeder konzentrieren kann.“

Was bedeutet: Auch im Kinderzimmer, umgeben von Darth-Vader-Figuren und Chipskrümeln, kann man sich konzentrieren. Solange man nur die Tür hinter sich schließen kann.

Das Kind hat Hunger, das Internet funktioniert nicht, die Katze will rein

Unterbrechungen sind im Homeoffice vorprogrammiert. Denn für viele Kinder gibt es gerade zwei umwälzende Entdeckungen, die ihr Weltbild völlig auf den Kopf stellen: Erstens sind die verordneten schulfreien Wochen KEINE Ferien, und zweitens sind Computer nicht nur zum Spielen da, sondern auch zum Arbeiten.

Auch die Kinder haben im Homeoffice Stress. Und viele Fragen.

Auch die Kinder haben im Homeoffice Stress. Und viele Fragen. © Niehaus

Also wird man ständig unterbrochen: Von Kindern, die ihre Aufgaben nicht verstehen oder nicht wissen, wie sie eine E-Mail öffnen. Von der Katze, die raus will. Vom Mann, der flucht, weil die Internetverbindung weg ist. Von den Kindern, die Hunger haben. Von der Katze, die wieder rein will.

Feste Zeiten fürs Arbeiten, aber auch kurze Auszeiten für andere Dinge

„Man sollte in so einem Fall mit den Kindern feste Zeiten verabreden, zu denen sie Fragen stellen können“, sagt Digutsch. Klappt es also mit Mathe nicht so gut, kann man erst einmal auf Englisch umschalten. „Es wäre gut, wenn die Eltern es schaffen, sich mindestens eine Stunde lang konzentrieren zu können“, sagt der Experte.

„Dazwischen kann man dann den Kindern bei den Hausaufgaben helfen.“ Oder, wenn es hilft, einfach mal gemeinsam mit den Kindern fünf Minuten entspannen.

Alles, was ablenkt, ausschalten

Wer zusätzlich Probleme damit hat, sich nicht ablenken zu lassen, kann sich über Funktionen und Programme informieren, mit denen man die Nutzung gewisser Programme „mit Ablenkgarantie“ für einen spezifischen Zeitraum einschränken oder gleich ganz ausschalten kann.

„Das empfiehlt sich aber auch natürlich bei der Arbeit im Büro“, sagt Digutsch. Denn allein der Blick aufs Smartphone, auf dem gerade eine Nachricht eintrudelt, lenke von der eigentlichen Arbeit ab. Zwar nur kurz, aber eben auch sehr oft am Tag. „Alles, was unnötig ist, sollte man abschalten“, sagt der Arbeitspsychologe.

Man muss auch abschalten können

Bei allem Stress darf man auch die guten Seiten des Homeoffices nicht vergessen. „Es gibt Personen, die ihre Arbeit gerne in ihr Privatleben integrieren, da sie sich so besser organisieren können“, sagt Jan Digutsch.

Rein, raus, wieder rein. Die Katze macht das Homeoffice-Chaos perfekt.

Rein, raus, wieder rein. Die Katze macht das Homeoffice-Chaos perfekt. © Niehaus

Und wenn dann am Abend alles geschafft ist, kann man die Katze wieder reinlassen und es sich gemeinsam mit der Familie gemütlich machen.

Dabei macht es aus eigener Erfahrung Sinn, sowohl Laptop als auch Mathebücher ganz weit weg zu stellen, damit man sie ein paar Stunden lang nicht mehr sehen muss. Denn, auch das sagt Jan Digutsch: „Man muss auch abschalten können.“

Arbeitspsychologe Jan Digutsch (24)

Arbeitspsychologe Jan Digutsch (24) © privat

Ein Experte, wenn es um strukturiertes Arbeiten geht
  • Jan Digutsch ist 24 Jahre alt. Er forscht seit 2019 am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo) in der Forschungsgruppe „Flexible Verhaltenssteuerung“ in der Abteilung „Psychologie und Neurowissenschaften“. Wie viele arbeitet er zurzeit im Homeoffice.
  • Digutsch erforscht, wie sich Selbstkontrollanforderungen und Selbstregulationsprozesse auf das Wohlbefinden und die Motivation von Beschäftigten auswirken.
  • Das Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo) unter Rechtsträgerschaft der Forschungsgesellschaft für Arbeitsphysiologie und Arbeitsschutz e.V. erforscht die Potenziale und Risiken moderner Arbeit auf lebens- und verhaltenswissenschaftlicher Grundlage.
  • Das Institut beschäftigt rund 220 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

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