„Bisher hatte ich nur Prellungen - andere Kollegen hatten da weniger Glück“

mlzAlltag eines Streifenpolizisten

Sebastian Czylok ist einer von 700 Streifenpolizisten, die auf Dortmunds Straßen im Einsatz sind. Seit Jahren steigt die Belastung. Daran haben auch die Dortmunder Schuld.

Dortmund

, 07.11.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sebastian Czylok legt die Stirn in Falten. Die Antwort will ihm einfach nicht einfallen: Der Polizeioberkommissar kann nicht sagen, wann er seinen letzten Sondereinsatz hatte – nicht, weil der so lange her ist, sondern, weil er mittlerweile so viele hat.

„Das gesonderte Einziehen ist so normal geworden, das ich mir das gar nicht mehr merke“, sagt er. Dann muss er Straßen für Demos sperren oder die An- und Abreise von Fußballfans sichern.

Czyloks Revier ist die südliche Innenstadt

Seit 2010 fährt Czylok Streife auf Dortmunds Straßen, sein Revier sind die südliche Innenstadt und die City: Egal ob häusliche Gewalt im Kaiserstraßenviertel, Einbruch im Unionviertel oder Schlägerei an der Brückstraße – der 34-Jährige ist vor Ort. „Wir sind die Allrounder der Polizei“, sagt Czylok und man hört ein wenig Stolz in seiner Stimme. Da für den Bürger zu sein und für Gerechtigkeit zu sorgen, das sei das Tolle an seinem Job.

Der Selmer ist Polizist durch und durch: Sein Vater war schon Polizist, seine Ehefrau und sein Bruder sind es auch, dazu ist Czylok auch noch im erweiterten Vorstand der Gewerkschaft der Polizei in Dortmund. Er will, dass die Polizei in einem guten Licht dasteht. Entsprechend bedächtig wählt er seine Worte, wenn man ihn fragt, ob er und seine Kollegen nicht zu stark belastet seien.

„Das Umplanen von Schichten gehört zum Alltag“

“Wir arbeiten an der Belastungsgrenze“, antwortet Czylok dann, schiebt aber sofort hinterher, dass das nicht dazu führe, dass die Polizei ihre Arbeit nicht schaffe. Auf jeden Notruf werde reagiert, jeder Einsatz mit der notwendigen Sorgfalt bearbeitet. Die Polizei als Herrin über Recht und Ordnung, dieses Bild will Czylok nicht beschädigen.

Doch mittlerweile kommen dem direkten Dienst am Bürger, den Czylok als seine Kernaufgabe begreift, immer häufiger Großeinsätze in die Quere. „Das ständige Umplanen von Schichten gehört mittlerweile zum Alltag“, sagt er. Vor ein paar Jahren sei das noch anders gewesen.

Dieses Jahr wird es in Dortmund voraussichtlich rund doppelt so viele Demo-Einsätze für die Polizei geben wie noch 2013. Dazu kommen noch Schwerpunktkontrollen in der Nordstadt oder am Wall und Fußball-Einsätze.

Mehr Einsätze, weniger Polizisten

Dieser Anstieg an Einsätzen bei Großlagen, aber auch rund um Rechtsextremismus und Clankriminalität müsse von immer weniger Polizisten geschultert werden, kritisiert die Gewerkschaft der Polizei (GdP). Seit 15 Jahren gehen ihren Zahlen zufolge mehr Polizisten in Rente, als eingestellt werden.

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Besonders schlimm sei es 2003 bis 2007 gewesen, als es landesweit nur 500 Kommissaranwärter pro Jahr gab, sagt der Dortmunder GdP-Vorsitzende Frank Schniedermeier. Obwohl danach die Zahlen wieder stiegen – zuletzt auf 2500 Kommissaranwärter – gebe es 2019 in NRW ein Polizisten-Minus von 150 beim Vergleich von Einstellungen zu Pensionierungen. „Uns fehlt der Mittelbau“, sagt Schniedermeier.

Momentan „nur“ 120 Überstunden

Zu diesen ausgedünnten Jahrgängen zählt Czylok. Laut Vertrag muss er 41 Stunden pro Woche arbeiten, verteilt auf 5 Tage. In der Praxis haut das aber nicht hin.

Oft seien die Schichten mittlerweile ein Gehetze, schon bei der Anfahrt zum Einsatz hänge häufig der Folgeauftrag der Leitstelle in der Warteschleife. Weil so viel los sei, „verlagern wir viel unserer Schreibarbeit aus der regulären Arbeitszeit heraus.“ Momentan steht Czylok bei 120 Überstunden, drei vollen Arbeitswochen – und das sei vergleichsweise wenig. Sein Rekord liegt bei 300.

Immerhin: Besserung ist in Sicht. Ab 2020 sollen die Zahl der Neueinstellungen laut GdP wieder über der der Pensionierungen liegen, ab 2023 soll es spürbar mehr Polizisten geben, ein Ziel, auf das die GdP seit Jahren hinarbeitet.

Weniger Respekt vor der Polizei

Doch es sind nicht allein mehr Kollegen, die sich Streifenpolizist und Gewerkschafter Sebastian Czylok wünscht. Er hofft auf einen generellen gesellschaftlichen Klimawandel: Die normalen Einsätze seien stressiger geworden, weil es immer weniger Respekt gegenüber den Polizisten gebe. Angriffe auf Polizeibeamte würden sich häufen, sagt Czylok.

Als Beispiel erzählt er von einem Einsatz in der City, als er die Personalien eines herumschreienden Menschen aufnehmen wollte. Als dieser sich nicht beruhigte, wollten ihn Czylok und sein Kollege auf die Wache mitnehmen. „Dabei biss er mir in den Arm.“ Bisher blieb es bei ihm bei Prellungen und Hämatomen – „aber andere Kollegen hatten da weniger Glück“. Er spricht von Knochenbrüchen und Bänderrissen.

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Den Respekt vor Polizisten und Einsatzkräften insgesamt wieder zu stärken, ist ein langfristiger gesellschaftlicher Prozess. Eine wohl etwas schneller umzusetzende Entlastung der Polizei wäre in Czyloks Augen eine bessere Zusammenarbeit mit anderen Behörden. Er denkt etwa an längere Erreichbarkeiten des Ordnungsamtes, damit er sich nicht mehr nachts mit blockierten Einfahrten oder Falschparkern herumschlagen muss.

Nicht im gleichen Boot, aber im selben Teich

„Auch wenn wir in unterschiedlichen Booten sitzen, treiben wir doch im gleichen Teich“, sagt Czylok. „Wir sollten versuchen, nicht so viele Wellen zu machen, dass die anderen Boote kentern.“ Am Ende habe man das gleiche Ziel: „Den Dienst am Bürger für den Bürger.“

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