Was die neue „Stadtbeschreiberin“ in Dortmund vorhat

mlzLiteratur-Stipendium

Im Mai zieht die Berliner Autorin Judith Kuckart für sechs Monate nach Dortmund, um als „Stadtbeschreiberin“ den Strukturwandel zu begleiten. Die Stadt lässt sich das einiges kosten.

von Daniel Reiners

Dortmund

, 12.02.2020, 06:20 Uhr / Lesedauer: 2 min

Was unterscheidet die Stadtbeschreiberin von der einfachen Stadtchronistin? Das Wort „Beschreiberin“ trägt den wichtigsten Unterschied schon in sich, erklärte Kulturdezernent Jörg Stüdemann am Dienstag bei der Vorstellung von Autorin und Literatur-Stipendantin Judith Kuckart im Literaturhaus Dortmund.

„Für die Beschreiberin liegt das Hauptaugenmerk in der subjektiven Einarbeitung in Themen, die eine Stadt wie Dortmund ausmachen. Das kann natürlich nur derjenige richtig gut tun, den auch eine eigene Geschichte mit der Stadt verbindet.“

Auf einen Anstoß des internationalen Autorenverbandes PEN hin hatte sich eine Jury zusammengefunden, bestehend unter anderem aus der Bürgermeisterin Birgit Jörder, Kulturdezernenten Jörg Stüdemann, Isabel Pfarre vom Kulturbüro sowie Hartmut Salem, Leiter des Literaturhauses Dortmund.

Gefunden werden sollte eine Autorin beziehungsweise ein Autor, der im Namen von Kunst und Literatur die Stadt beobachtet, erfasst und mit einem subjektiven Auge literarisch in sein Werk mit einfließen lässt. Unter den 20 Bewerbern befand sich auch Judith Kuckart, die letztlich durch ihr vielseitiges Arbeiten und den persönlichen Bezug zu Dortmund überzeugen konnte.

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Kindheitserinnerungen sollen mit in Arbeit einfließen

In ihrer Kindheit hatte die 60-jährige Autorin und Tanzchoreografin eine Zeit in Hörde gelebt, genauer am Winterberg 72A, in einer alten Bergbau-Siedlung. Die Erinnerungen an diese Zeit beschreibt sie sehr prägnant:

„Wenn ich mich an diese Phase meiner Kindheit zurückerinnere, fällt mir zum Beispiel das Fahrradfahren ohne Sattel ein. Und das ist ein Bild, das man über die gesamte Zeit setzen könnte. Auch das Verhältnis zwischen Männern und Frauen in dieser Gegend war oftmals mehr als problematisch. Und trotzdem habe ich auch zahlreiche bereichernde Erinnerungen an die Zeit. In einem Satz: Es war schmutzig und schön.“

Geplant während des sechsmonatigen Aufenthalts von Mai bis Oktober sind unter anderem die Arbeit an dem neuen Roman „Die Unsichtbaren“, in dem eine Figur aus Hörde eine tragende Rolle spielt. Eine besondere Rolle spielen soll auch die Arbeit an einem Erzähl-Theaterstück, das ebenfalls in Hörde spielen und auch dort aufgeführt werden soll.

Beim Spaziergang am Phoenix-See mit ihrer Cousine, der leidenschaftlichen Kettenraucherin Conny, kam der Autorin die Idee, Dortmunds Transformation von der Zeit der Montanindustrie hin zum Standort von Wissenschaft, Technik und Dienstleistungen auf den Punkt zu bringen. Und zwar anhand von Alltagsbegegnungen und der Beschäftigung mit eigener Wahrnehmung.

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Autorin arbeitet auch interdisziplinär

Durch interdisziplinäres Arbeiten möchte die Autorin, die auch ausgebildete Tänzerin ist, außerdem den innerstädtischen Diskursen aktuelle Impulse geben. „Auf den Stufen sitzen und sich austauschen will keiner mehr. Wenn aber einer wieder damit anfängt, ziehen plötzlich alle nach“, sinniert Kuckart.

Die Wichtigkeit von kultureller Förderung betont Hendrikje Spengler, die Leiterin vom Kulturbüro der Stadt Dortmund. Ein solches Stipendium sei vergleichbar mit einem frisch eingesäten Boden, wobei die Förderung das Gießen darstellt: Was letztlich herauskommt, lasse sich nicht beeinflussen. Aber sobald etwas entsteht, profitierten viele Seiten davon. Darin sind sich Kulturbüro, Literaturhaus Dortmund und die regionale Literaturszene einig.

Für die Zeit des Stipendiums zahlt die Stadt der Autorin eine monatliche Vergütung von 1800 Euro und stellt eine Wohnung in der Nordstadt. Es bleibt abzuwarten, ob und wie stark Judith Kuckart in dieser Zeit von der Muse geküsst werden wird.

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