In der Corona-Pandemie war Isolation verordnet - haben wir uns zu sehr daran gewöhnt? © picture alliance/dpa
Interview mit Psychiater

Raus aus der Isolation: Sind wir durch Corona antisozial geworden?

Über ein Jahr haben wir Menschenansammlungen, körperliche Nähe und sogar Verwandte gemieden - zum Schutz vor dem Coronavirus. Das beeinflusst unser Sozialverhalten nachhaltig. Was ein Dortmunder Psychiater rät.

Immer mehr Menschen sind vollständig geimpft oder von einer Coronavirus-Infektion genesen. Aufgrund sinkender Inzidenzen werden Einschränkungen gelockert, Einzelhandel und Gastronomie dürfen wieder öffnen, sogar Reisen sind erlaubt.

Es scheint es, als stünde die Rückkehr in eine sorglosere Welt – zumindest eine Variante der Vor-Corona-Welt – bevor. Doch nicht alle Menschen können ungehemmt die Freiheiten wieder genießen. Wir haben mit Dr. med. Harald Krauß, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Marienhospital in Dortmund-Hombruch, über die Auswirkungen der Pandemie auf unser Sozialverhalten gesprochen.

Dr. Krauß, ich war pandemiemüde, habe mir nichts sehnlicher gewünscht, als Freunde zu treffen, in Biergärten zu sitzen, unter Leute zu kommen. Jetzt ist die Normalität zum Greifen nahe – und irgendwas in mir sperrt sich. Was ist mit mir los?

Ich kann Sie gut verstehen. Es sind mehrere Aspekte. Zum einen ist der Mensch ein Gewohnheitstier. Zurzeit sind wir an Gefahr gewöhnt, haben das verinnerlicht – und um umzuschalten, braucht man ein bisschen Zeit. Anderseits ist es so, dass die Pandemie in Wellen verlaufen ist.
Am Ende jeder Welle dachte man, jetzt haben wir es, aber es kam doch noch eine hinterher, vielleicht eine noch schlimmere, und es weiß keiner, ob man dem Braten jetzt trauen kann. Die Angst steckt in einem drin. Die Menschen sind so angelegt und verlassen sich auf ihre Lebenserfahrung, dass sie nicht von 0 auf 100 gehen. Das ist auch richtig so.

In Großbritannien kam es nach der Lockerung des Lockdowns zu ausgelassenen Partys.

Hier auch, siehe Hamburger Schanzenviertel. Es wird solche geben und Menschen wie Sie, die eher vorsichtig sind. Eine Bekannte von mir war jetzt in der Stadt und hat auf entsprechenden Plätzen geguckt. Da saßen Menschen unter Heizpilz und Regenschirm, während es regnete. Hauptsache raus.
Aber Menschen sind unterschiedlich. Und die, die sowieso alles für Tinnef und Humbug gehalten haben, haben jetzt keine Probleme. Aber die, die das alles zu Recht sehr ernst genommen haben, die brauchen jetzt ein bisschen, um sich an die neue Normalität zu gewöhnen.
Und wer weiß, wie die aussehen wird? Vielleicht sitzen wir nur noch draußen, vielleicht müssen wir jedes halbe Jahr geimpft werden.

Hat Corona mir die Offenheit, die Kontaktfähigkeit abgewöhnt?

Das hat es definitiv, bei uns allen. Das ist aber erst mal nicht schlimm, denn es zeigt ja, dass Sie sich auf neue Situationen einstellen können. Es wird auch wieder anders ein. Wir müssen alle noch eine zeitlang vorsichtig und umsichtig sein – schrittweise werden wir zur Normalität zurückfinden – und nicht wie mit einem Lichtschalter, den man umlegt.

Einigen Menschen kamen die Corona-Maßnahmen sogar entgegen, war mein Eindruck.

Die haben eben nichts vermisst. Bei mir persönlich fand ich auch nicht alles falsch. Ich bin auch mittlerweile müde, aber ich fand alles viel ruhiger, ich konnte einige Dinge mit mehr Muße tun. Es hat sich mehr auf die Familie konzentriert, das fand ich richtig toll.
Sinnlose Ablenkungen und Scheinverpflichtungen, irgendwelche Treffen, bei denen man dachte, hingehen zu müssen – das ist weggefallen. Vor Corona war der Terminkalender sehr voll, extrem eng getaktet jetzt habe ich mehr Zeit, kann Dinge mehr in Ruhe machen – auch privat.

Wo sehen Sie als Psychiater und Psychotherapeut langfristig das größte Problem, das durch die Corona-Krise verursacht wurde?

G

erade eben vor unserem Gespräch hatte ich einen Patienten bei mir, der durch Corona seinen Beruf verloren hat. Und nicht nur die Anstellung, sondern das was er vorher gemacht hat, gibt es nach Corona nicht mehr. Das wäre langfristig eh eingetreten, aber jetzt wurde es massiv beschleunigt. Daran hat dieser Mensch sehr zu tragen.
Da gibt es einzelne Schicksale, sehen Sie sich die Künstler, Gastronomen, Sportstudiobetreiber an, da sind viele, die wissen nicht, wie es weitergeht. Die Unsicherheit bleibt. Auch seelisch: Es gibt Menschen, die sich völlig zurückgezogen haben. Zunächst haben sie das Haus nicht mehr verlassen, weil sie gefährdet waren. Jetzt sind sie so verängstigt, dass sie sich – obwohl sie geimpft sind – auch jetzt nicht trauen, ihr Haus zu verlassen, einschließlich Essen anliefern lassen. Die haben einen Riesenschritt vor sich, um sich überhaupt zu trauen, sie sind geradezu paranoid.

Wie können die Betroffenen dort wieder hinausfinden?

Indem sie nach dem Verstand gehen. Wenn es objektiv sicher ist – also, so ein Virus kann man ja nicht sehen, aber wenn ich geimpft bin, Hygiene-Richtlinien beachte, Abstand halte, Maske trage – dann ist es auch gut, diese Angst zu überwinden.
Am Anfang war es sinnvoll, der Angst zu gehorchen. Jetzt kann ich den Verstand einschalten, jetzt mache ich die ersten Schritte. Wenn ich antriebslos auf dem Sofa sitze, muss ich aktiv werden. Wenn es wirklich Ängste sind, muss ich mich den Ängsten stellen und mich fragen: Gibt es eine objektive Gefahr?

Was raten Sie Menschen wie mir?

Ich rate Ihnen, auf die innere Stimme zu hören: Sie sollten sich nicht zwingen, sich draußen hinzusetzen, aber schon probieren zu machen, was wieder geht. Vielleicht mal eine gute Freundin treffen.
Nochmal: Die Vorsicht ist ja durchaus berechtigt. Weg ist Corona nicht. Wir wissen auch mittlerweile, dass die Impfung den Geimpften schützt, nicht unbedingt das Gegenüber.

Wie wird uns diese Erfahrung beeinflusst haben?

Wir alle verändern uns immer, wir sind nicht ein Stück Stein, und selbst der verändert sich. Wir passen uns an, entwickeln uns ständig weiter. Ob das gut ist oder nicht, können nur Sie beurteilen – das geschieht ja nicht über sie hinweg. Sie sind aktiver Teil der Veränderung. Sie können Einfluss nehmen. Wenn Sie denken, dass es nicht gut ist, alleine zu sein, dann setzen Sie sich ins Auto und fahren zu jemandem hin.

Sehen Sie auch einen positiven Effekt auf die Gesellschaft?

Das ist eine spannende Frage, zu der ich mir selber viele Gedanken gemacht habe. Wie wir zum Beispiel in Bezug auf beruflich bedingte Reisen gelernt haben, geht alles irgendwie online. Das wird uns erhalten bleiben, dass wir bestimmt Dinge nicht mehr persönlich machen.
Die Digitalisierung hat in der Pandemie einen Schub bekommen, das dreht sich nicht zurück. Aber gleichzeitig steigt der Wert einer persönlichen Begegnung. Dadurch, dass viel online stattfindet, gewinnt das echte Zwischenmenschliche bei Freunden an Bedeutung. 100 Prozent zurück werden wir nicht gehen. Allerdings hoffe ich, dass die Spaltung in der Gesellschaft in Corona-Maßnahmen-Gegner und -Befürworter nicht erhalten bleibt.

Gibt es im Blick auf die seelische Gesundheit etwas aus der Pandemie zu lernen?

Das kann jeder nur für sich selbst beantworten. Manchmal ist weniger mehr – das wäre jetzt meine Lehre.

Über die Autorin
Redaktion Dortmund
Sarah Bornemann, Jahrgang 1986, arbeitet seit Oktober 2013 als Redakteurin in der Dortmunder Lokalredaktion. Sie hat Journalistik in Leipzig sowie Germanistik und Soziologie in Münster studiert. Für das Volontariat bei Lensing Media kehrte sie nach sieben Jahren ins Ruhrgebiet zurück.
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