Kann man in Dortmund für vier Euro pro Tag essen und trinken? Eine Mutter hat es versucht

mlzSpar-Experiment

Immer wieder entfacht zwischen Mutter und Tochter eine Debatte, wie viel Geld man zum Essen braucht. Die 20-jährige Tochter brauchte mehr. Daraufhin startete die Mutter eine Challenge.

Dortmund

, 06.02.2019, 04:50 Uhr / Lesedauer: 4 min

Am Sonntag, 27. Januar, war es mal wieder so weit: Die Diskussion, wie viel Geld Julia Kauertz (20), Studentin, pro Tag für ihr Essen braucht, ist ein Dauerbrenner in der dreiköpfigen Familie aus dem Sölderholz. Mutter Sigrun (54) und Vater Frank (57) sind der Meinung, dass 300 Euro, die Julia allein für Lebensmittel bekommt (einschließlich Auswärtsverzehr von Essen und Getränken), eigentlich zu viel sind. Auf jeden Fall aber müssten sie reichen. Zumal Julia noch zu Hause wohnt und Sigrun Kauertz, selbst berufstätig, an mehreren Tagen der Woche kocht.

Doch Vater und Mutter waren in diesem Jahr eine Woche verreist. In dieser Zeit musste die Tochter sich selbst versorgen. Und das ging ins Geld. Es wurde eng mit dem Budget. 10 Euro am Tag seien nicht genug, maulte sie nach der Rückkehr der Eltern – und biss bei ihrer Mutter auf Granit.

Die Rechnung von Thilo Sarrazin

„Thilo Sarrazin hat gesagt, man kann locker von 4 Euro pro Tag und Person für Lebensmittel leben“, sagte Sigrun Kauertz, erwähnte aber nicht, dass der frühere Bundesbank-Vorstand und Berliner Finanzsenator diese ohnehin umstrittene Rechnung bereits im Jahr 2008 aufgemacht hatte.

„Ich habe sie nur angeguckt und gesagt, das ist nicht möglich“, erinnert sich die Tochter. Schließlich koste das Essen in der Uni-Mensa schon drei Euro am Tag. Das war der Auslöser für die Mutter, es ihrem Nachwuchs zu beweisen. Sie startete zwei Tage später eine Challenge, eine Herausforderung. Wenn sie es schaffe, eine Woche lang mit 4 Euro pro Tag für Essen und Trinken auszukommen, sei Schluss mit dem Genörgel und Julia müsse eine Woche lang mit Hund Basti Gassi gehen. „Ich bin gespannt“, sagte Julia zu Beginn, „mal sehen, wie sie überleben wird.“

Keine tiefgekühlten Pizzen

Der Deal war, dass Sigrun Kauertz alle Lebensmittel kaufen muss, sich nicht zum Essen einladen und sich nichts schenken lassen darf. Und sie wollte ihrer Tochter zeigen, dass der Backofen ursprünglich nicht dafür erfunden wurde, tiefgekühlte Pizzen aufzutauen.

Vollkornbrot, Butter, Ei, Salz, Pfeffer, Schnittlauch, Espresso, Tee und Wasser – ein Frühstück für 58 Cent.

Vollkornbrot, Butter, Ei, Salz, Pfeffer, Schnittlauch, Espresso, Tee und Wasser – ein Frühstück für 58 Cent. © Kauertz

Die erste Mahlzeit zum Frühstück war eine Scheibe Vollkornbrot mit 5 Gramm Butter und einer Scheibe luftgetrocknetem Schinken (beides aus dem Angebot), eine Portion Mango (war bei Edeka im Angebot für 77 Cent, eingeteilt in drei Portionen), fünf Weintrauben, drei Tassen Espresso und eine große Tasse Tee - machte zusammen 1,06 Euro.

Mittagessen für 54 Cent

Wenn Sigrun Kauertz beim Mittagessen auch nicht vor der Frage stehen wollte, „Spaghetti oder Spaghetti?“, kochte sie fürs erste Mittagessen der Challenge Nudeln. 125 Gramm rohe Spiralnudeln gekocht, eine Soße aus Tomaten, Knoblauch, Zwiebeln und Basilikum, Pfeffer und Salz (Salz gab‘s im Edeka an dem Tag für die Inhaber der Edeka-App geschenkt) und zwei große Gläser Mineralwasser – für zusammen 54 Cent.

Zum Abendessen gab‘s einen Hähnchenschenkel (für 1,90 Euro das Kilo im Angebot), eine Tüte Kochbeutelreis, einen halben Liter Mineralwasser und einen halben Liter Leitungswasser – zusammen 1,20 Euro.

Backkartoffeln mit Kräuterquark, zwei Mandarinen und ein Glas Mineralwasser – ein Mittagessen für 1,48 Euro.

Backkartoffeln mit Kräuterquark, zwei Mandarinen und ein Glas Mineralwasser – ein Mittagessen für 1,48 Euro. © Kauertz

Am ersten Tag für 18 Euro eingekauft

Am ersten Tag hatte Sigrun Kauertz – auch auf Vorrat – bereits für 18 Euro eingekauft. Alles neu für die Challenge, bis auf die Zwiebeln und Crema Balsamico, die sie noch im Haus hatte. „Die hab‘ ich anteilig berechnet.“

Sie hat während der sieben Tage der Challenge nach eigenen Angaben täglich frisch gekocht. „So sparsam zu leben, bedarf einer ganz genauen Planung“, sagt Sigrun Kauertz, „man kann nicht einfach in den Laden gehen und sagen, heute hätte ich mal gern dies und das. Das geht nicht.“ Samstagnachmittag sei sie zum Penny gefahren, wo es kurz vor Ladenschluss sehr günstig Frisches gebe, das sie eingefroren habe.

Eine Scheibe Vollkornbrot mit Jagdwurst, Senf und Gurkenscheiben, dazu Gurkensalat, eine Mandarine, eine Tasse Tee und einen halben Liter Leitungswasser – ein Abendessen für 1,06 Euro.

Eine Scheibe Vollkornbrot mit Jagdwurst, Senf und Gurkenscheiben, dazu Gurkensalat, eine Mandarine, eine Tasse Tee und einen halben Liter Leitungswasser – ein Abendessen für 1,06 Euro. © Kauertz

Die sieben Tage durchgehalten

Sie sei mit dem Auto zum Supermarkt gefahren, hätte aber auch das Fahrrad nehmen können: „Bewegung schadet nicht.“ Doch Kochen und Essen unter diesen Zwangsvorgaben mache „nicht wirklich Spaß“, räumt sie ein. Sich die Hacken abzurennen für Sonderangebote und mit dem Taschenrechner Grammzahlen umzurechnen, ist nicht jedermanns Sache.

Dennoch hat sie die sieben Tage durchgehalten und am Ende 25,36 Euro ausgegeben. Sigrun Kauertz: „Und das, was ich gegessen habe, war eine absolut gesunde Ernährung. Ich habe alle Nährstoffe gekriegt, die man braucht.“ Aus den Resten der Tomatensoße vom ersten Tag hat sie am dritten Tag eine Bolognese-Soße gemacht.

Obst und Gemüse sind teuer

Fleisch könne man billig bekommen, sagt sie, die sonst außerhalb der Challenge Biofleisch kauft. Das sei natürlich nicht im Budget von 4 Euro, außer man beschränke sich auf einmal Fleisch pro Woche und kaufe das Bio-Hackfleisch im Aldi. „Teuer sind Obst und Gemüse. Da muss man gucken, was im Angebot ist.“ Auch Gewürze wie Petersilie und Basilikum kaufe man besser gleich im Topf: „Dann kommt man damit eine ganze Woche aus.“

Eine Scheibe Vollkornbrot mit Jagdwurst, Gurkenscheiben, drei kleine Tomaten mit Basilikum, drei Tassen Espresso, eine Tasse Tee und ein halber Liter Leitungswasser – ein Frühstück für 79 Cent.

Eine Scheibe Vollkornbrot mit Jagdwurst, Gurkenscheiben, drei kleine Tomaten mit Basilikum, drei Tassen Espresso, eine Tasse Tee und ein halber Liter Leitungswasser – ein Frühstück für 79 Cent. © Kauertz

Gesunde Ernährung hängt nicht allein vom Einkommen ab, sondern ist auch eine Sache der Motivation. Wenn man eine Familie für vier Euro pro Person ernähren müsste, wäre es einfacher, als nur eine Person zu versorgen, meint Sigrun Kauertz: „Denn dann kann man größere Packungen kaufen, das kommt billiger.“ Drei Champignons, für die sie 63 Cent bezahlt habe, seien im Verhältnis zu einer ganzen Packung ziemlich teuer.

Schöner Nebeneffekt

Die Woche hatte für Sigrun noch einen schönen Nebeneffekt. Gehungert habe sie nicht, aber nach dem Kurzurlaub mit üppigem Essen durch die Challenge zwei Kilo abgenommen, „auch weil ich bei der Arbeit und dem Stress nicht zu Süßigkeiten zwischendurch gegriffen habe. Das hätte ich nicht gedurft oder es hätte mehr gekostet.“ Auch spöttische Bemerkungen wie „Wenn du was zu knabbern möchtest, kannst du dich an meinem Vogelhäuschen bedienen“, haben sie nicht von ihrem Vorhaben abbringen können.

Möhrengemüse mit Kartoffeln, dazu ein halber Liter Mineralwasser und ein Espresso – ein Mittagessen für 1,72 Euro.

Möhrengemüse mit Kartoffeln, dazu ein halber Liter Mineralwasser und ein Espresso – ein Mittagessen für 1,72 Euro. © Kauertz

Mit 10 Euro pro Tag hätte sie sich noch Gambas kaufen können, sagt Sigrun Kauertz. Trotzdem ist die Challenge die Familie nicht ganz so billig gekommen, denn Vater und Tochter sind einmal zwischendurch Essen gegangen, Argentinisches Rindersteak für zusammen 70 Euro.

Julia Kauertz darf sich nun nicht mehr beschweren und muss eine Woche mit Hund Basti gehen. Für den Labrador war die Challenge eine harte Zeit, kriegt er doch sonst schon mal von Frauchen bei den Mahlzeiten einen Happen Essen zugesteckt. Sigrun Kauertz: „Der hat die Welt nicht mehr verstanden und ist nun ziemlich pikiert.“

Nach Angaben des Statistikportals Statista geben Deutsche im Schnitt pro Person und Monat 171 Euro für Nahrungsmittel, Getränke und Tabak aus. Im Warenkorb für Hartz-IV-Empfänger sind laut Bundesagentur für Arbeit Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke im Wert von 147,90 als Regelleistung für eine allein lebende, erwachsene Person vorgesehen.
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