„Ich schneide dir den Kopf ab!“ – Ein Schwarzfahrer droht einem Kontrolleur mit Mord. Dieser aktuelle Fall im RRX nach Dortmund bewegt. Wie gefährlich ist der Kontrolleurs-Job?

Dortmund

, 17.07.2019 / Lesedauer: 4 min

Ist der Beruf des Kontrolleurs gefährlich? An Fahrscheinen stempeln und scannen sollte eigentlich nichts Gefährliches sein. Ein jüngster Fall in einem RRX Richtung Dortmund lässt aber anderes vermuten: „Holst du die Polizei, schneide ich dir den Kopf ab“ soll ein 22-jähriger Schwarzfahrer einem Kontrolleur am Sonntagmorgen, 14. Juli, gedroht haben.

„Das hat das Personal schon aufgeschreckt“, sagt Rainer Thumann, Sprecher des Betreibers Abellio. „Das war einfach respektlos“, sagt der Sprecher, der in Berlin sitzt.

„Beleidigungen gehören zur Tagesordnung“

„Der Kollege ist, laut seiner Vorgesetzten, wohlauf. Da ist alles okay“, sagt Julia Limia y Campos, seine Kollegin, die Abellio in NRW vertritt, über den bedrohten Kontrolleur.

Dennoch: „Beleidigungen gehören mittlerweile zur Tagesordnung“, sagt sie auf Nachfrage. Auch körperliche Angriffe seien mittlerweile nicht mehr unüblich. „Für andere Betriebe kann ich nicht sprechen, aber wir merken das schon, dass es mehr wird“, sagt sie. Das läge aber auch daran, dass das Unternehmen derzeit wachse und sein Netz ausbaue.

Linie über Dortmund besonders schlimm

„Seit wir den RE11 mit aufgenommen haben, merken wir schon sehr stark, dass es vermehrt zu Aggressionen und Angriffen kommt“, sagt Limia y Campos. Der „Rhein-Hellweg-Express“ versorgt die Strecke zwischen Düsseldorf und Kassel-Wilhelmshöhe – fährt also auch über Dortmund.

„Unsere Mitarbeiter sind dazu angehalten, gefährlichen Situationen komplett aus dem Weg zu gehen“, erklärt sie. Und häufig funktioniere das auch. Die Mitarbeiter bekämen jährliche Deeskalations-Schulungen. Und im Notfall werde die Polizei dazugerufen.

Es gibt noch Zivilcourage

„Das klappt auch sehr gut“, sagt Limia y Campos. Und wenn der Zug gerade – und das soll vorkommen – mitten auf der Strecke still steht? „Dann ist das natürlich schwieriger“, bestätigt die Sprecherin. Es sei aber auch schon vorgekommen, dass selbst da Polizisten zum Zug gebracht wurden – mitten auf der Strecke.

„Was man aber auch sagen muss, ist, dass sich die Vorfälle auch häufig dadurch regulieren, dass andere Passagiere eingreifen“, erklärt die Abellio-Sprecherin. „Diese Zivilcourage gibt es durchaus noch.“

So steht es um die Gewalt in Dortmunds Stadtbahnlinien:

Auch der Dortmunder Verkehrsbetrieb DSW21 schult seine Mitarbeiter. Denn: „Der Ton ist auf jeden Fall rauer geworden für die Kollegen. Übergriffe sind aber die Ausnahme“, sagt DSW21-Sprecherin Britta Heydenbluth.

„Kommt es aber mal zu einem Vorfall, haben wir ein Betreuungssystem für unsere Mitarbeiter. Ergibt sich eine brenzlige Situation, haben wir einen kurzen Draht zur Polizei. Die kommen auch sehr zügig“, erklärt sie.

Neben den „intensiven Deeskalationsschulungen“ gebe es außerdem Tarifschulungen, um sich mit den Preisen auszukennen. Dazu komme, dass die Kontrolleure bei der DSW21 häufig ehemalige Fahrer seien, „die auch die Strecken gut kennen“, erklärt Heydenbluth.

Jetzt lesen

Kürzlich hätten DSW-Mitarbeiter zudem „eine Schulung in interkultureller Kompetenz“ erhalten, „weil Fahrgäste unterschiedliche kulturelle Hintergründe haben“, sagt sie.

Bei den Stadtbahnen habe man im Gegensatz zu den von der Deutschen Bahn betriebenen S-Bahnen einen gewissen Vorteil: Die Stadtbahn-Kontrolleure seien immer in Gruppen von zwei bis vier Personen unterwegs, sagt Heydenbluth: „Keiner ist alleine, so können sich die Mitarbeiter in gewissen Situationen unterstützen.“

Das sagt die Deutsche Bahn zu Aggressionen gegenüber Mitarbeitern

Auch bei der Deutschen Bahn gibt es Gewalt-Erfahrungen: „Unter anderem bei Fahrkartenkontrollen kommt es leider zu verbalen und tätlichen Übergriffen“, erklärt auch eine Sprecherin. Insgesamt gebe es rund 20.000 Bahnmitarbeiter mit Kundenkontakt. Dazu zählten unter anderem Sicherheitskräfte, Servicepersonal und auch Kontrolleure. Im Jahr 2018 sei es zu 2620 Angriffen auf DB-Mitarbeiter mit Kundenkontakt gekommen – Kontrolleure eingeschlossen. Das seien 70 mehr als 2017.

Jetzt lesen

Dennoch sagt sie: „Der starke Anstieg der vergangenen Jahre ist damit deutlich gebremst, dennoch ist jeder Übergriff ein Übergriff zu viel.“

Auch bei der DB würden Mitarbeiter in Deeskalation geschult und im Fall der Fälle unterstützt. Zudem betreibe die DB aktuell etwa 7400 Videokameras auf 1100 Bahnhöfen. 32.000 Kameras hätten die Innenräume von mehr als der Hälfte aller Nahverkehrs- und S-Bahnzüge im Blick. Die Auswertung der Videoaufnahmen sei jedoch allein der Bundespolizei vorbehalten, erklärt die Sprecherin.

Gewalt erhält Einzug in die Züge

Fest steht, dass Kontrolleure ein dickes Fell brauchen. „Ja, das stimmt. Aber wo braucht man das nicht heutzutage, wo man im öffentlichen Bereich mit Menschen zu tun hat“, sagt Julia Limia y Campos von Abellio.

Seitens der DB heißt es zur gesellschaftlichen Verrohung, die offenbar Einzug in die Züge gehalten hat: „Die Deutsche Bahn kann das gesellschaftliche Problem nicht allein lösen. Da sind alle gefordert: Eltern, Politik, Medien und Schulen.“

Lesen Sie jetzt
Münsterland Zeitung Ärger mit Freibad-Gästen

„Schlägereien gehören für uns zum Alltag“: Gewalt in Dortmunds Freibädern nimmt zu

In mehreren Freibädern der Region gab es zuletzt Schlägereien und Attacken. Auch in Dortmunds Freibädern kommt es immer häufiger zu Gewalt. Für einen Betreiber gehört sie bereits zum Alltag. Von Thomas Thiel

Lesen Sie jetzt