Blick in die Martinstraße zwischen Hoher Wall und Westenhellweg. Hier befindet sich ein Drogenkonsumraum. © Oliver Schaper (Archivbild)
Meinung

Schafft Schutzräume – für Drogenabhängige genauso wie für Geschäftsleute

Machen drogenabhängige Menschen das Bild der Dortmunder Innenstadt kaputt? Wer so schlussfolgert, macht es sich zu einfach, findet unser Autor.

Wer in der Dortmunder Innenstadt, speziell am oberen Westenhellweg, unterwegs ist, der sieht Menschen, die sich erkennbar vom Rest unterscheiden. Häufig gezeichnet vom Konsum harter Drogen sprechen sie Vorbeigehende an, handeln mit illegalen Substanzen oder konsumieren sie auf offener Straße.

Ja, es kann unangenehm sein, zu beobachten, wie jemand geduckt eine Crack-Pfeife raucht oder den nächsten Schuss kauft. Deshalb ziehen viele die verlockend einfache Schlussfolgerung: Wären diese Menschen nicht da, wäre alles schöner.

Nicht einer Wunschvorstellung hinterherlaufen

Und dann? Wir würden die gleiche Diskussion dann an einem anderen Ort weiterführen.

Deshalb ist es im Umgang mit Drogensucht wie mit anderen sozialen Fragen: Man muss sich der Realität stellen und nicht einer Wunschvorstellung hinterherlaufen.

Rund 5000 Menschen in Dortmund sind von Opiaten abhängig. Diese Menschen nur zu stigmatisieren, zu kriminalisieren und zu vertreiben, löst kein Problem.

In den 80er- und 90er Jahren gab es große Probleme am Platz von Leeds

Dortmund hat Erfahrung mit einer offenen Drogenszene. Anfang der 1990er-Jahre hatte die Stadt eine Pionier-Rolle in der Drogenpolitik.

Am Platz von Leeds gab es eine offene Heroin-Szene. Das Ausmaß war größer als das, worüber heute diskutiert wird.

Rückblickend gelang die Auflösung dieses Hotspots durch eine Mischung aus mehreren Dingen. Es entstanden erstmals niederschwellige Hilfsangebote. Zugleich fuhren Stadt und Polizei eine härtere ordnungspolitische Linie.

Stadtplanerisch wurde zudem mit Häusersanierungen und Neubauten der Startschuss zur Neuerfindung des Brückstraßenviertels gelegt. Weg vom Rotlichtbezirk und Junkie-Viertel hin zu einem Ort, an dem sich Dortmunder wieder gerne aufhalten.

Allerdings gehört auch zur Wahrheit: Die Verdrängung von damals ist einer der Gründe, warum sich die Drogenkriminalität in die Dortmunder Nordstadt verlagert hat.

Weil sie in der City nicht mehr willkommen war, ist die Szene jenseits in Richtung Münsterstraße oder Nordmarkt gezogen. Dort sind Drogenkriminalität und -konsum bis heute Teil des Alltags.

Einzelhändler und Anwohner haben ein Recht besorgt zu sein

In der aktuellen Debatte am Westenhellweg gibt es berechtigte Interessenslagen. Einzelhändler dürfen fordern, dass vor ihrer Tür nicht gedealt wird, sie nicht bestohlen und ihre Kundinnen und Kunden nicht belästigt werden. Sie haben das Recht auf einen geschützten Raum.

Dieses Recht haben allerdings auch Menschen, deren Drogensucht immer eine Geschichte hat. Die nicht dadurch zu „schlechteren“ Menschen werden, dass sie abhängig sind.

Wer fordert, diese Menschen sollten aus dem Bild einer „attraktiven“ Innenstadt verschwinden, der muss auch beantworten, wo sie denn stattdessen hin sollen.

Dass durch die Pandemie viele Aufenthaltsmöglichkeiten für suchtkranke Menschen weggefallen sind, hat Probleme sichtbar gemacht. Für viele Süchtige hat sich die Tagesstruktur komplett verändert.

Deshalb sollte die aktuelle Debatte Anlass sein, in Dortmund erneut grundlegend über das Drogenhilfesystem nachzudenken. Ein Gespräch zwischen Drogenhilfeeinrichtungen und Cityring wäre ein symbolträchtiger Anfang.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Seit 2010 Redakteur in Dortmund, davor im Sport- und Nachrichtengeschäft im gesamten Ruhrgebiet aktiv, Studienabschluss an der Ruhr-Universität Bochum. Ohne Ressortgrenzen immer auf der Suche nach den großen und kleinen Dingen, die Dortmund zu der Stadt machen, die sie ist.
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Felix Guth

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