Trotz stabiler Schülerzahlen steht eine weiterführende Schule im Stadtnorden vor dem Aus? Zumindest ist das eine Option in der Dortmunder Schulentwicklungsplanung.

Westerfilde

, 19.09.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Noch ist nichts entschieden, aber der Auftrag ist erteilt: Am 4. Juli beauftragte der Rat das Schulverwaltungsamt, die Gesamtschul-Kapazitäten zu erweitern. Eine unter damals noch vier Optionen: die Umwandlung der dreizügigen Reinoldi-Sekundarschule in eine vierzügige Gesamtschule.

Dieser Plan hat sich inwischen wohl konkretisiert. Nach Informationen unserer Redaktion soll es eine weitere Gesamtschule im Stadtnorden geben. So gerne Evinger Politiker diese in ihrem Stadtbezirk sehen würden, so wahrscheinlich ist derzeit, dass die Sekundarschule in Westerfilde in eine Gesamtschule verwandelt wird.

Schulpolitische Debatte kommt im Stadtbezirk gerade in Gang

Mit dieser Idee wurde Christian Pätzold, der Schulleiter der Sekundarschule, noch vor den Sommerferien konfrontiert. Über den Sommer hat das Thema dann Fahrt aufgenommen. Den Mengeder Bezirksvertretern lag am Mittwoch (11.9.) der dritte Zwischenbericht zur Schulentwicklung vor - als Dringlichkeits-Vorlage kam der vierte hinzu. Und darin sind vier Optionen für die Gesamtschul-Planung auf mittlerweile zwei geschmolzen. Neben einer Aufstockung bestehender Kapazitäten um eine Klasse pro Jahrgang wird die Umwandlung der Westerfilder Schule nun konkreter. Die Optionen einer neuen Gesamtschule (etwa im Stadtbezirk Eving) sowie eine Kombination aus verschiedenen Maßnahmen sind vom Tisch.

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Gerade erst auf den Tisch kommt derweil die schulpolitische Debatte vor Ort. Die Mengeder Bezirksvertretung, so scheint es, kommt der Entwicklung kaum hinterher. Sie nahm die Vorlage zur Kenntnis – ausgenommen allerdings die Vorlagenabschnitte zur Umwandlung der Sekundarschule. Hierzu soll kurzfristig eine interfraktionelle Sitzung unter Beteiligung von Schuldezernentin Daniela Schneckenburger und Sekundarschul-Leiter Christian Pätzold stattfinden. Darauf legte sich Bezirksbürgermeister Wilhelm Tölch fest.

Gesamtschul-Neubau würde viel zu lange dauern

Aus der dreizügigen Reinoldi-Sekundarschule eine vierzügige Gesamtschule zu machen, liegt unter anderem deshalb nahe, weil die Alternative eines Gesamtschul-Neubaus für die Verwaltung kaum infrage kommt. „Von der Planung bis zur Eröffnung dauert ein Schulneubau acht Jahre“, erklärte Manfred Hagedorn vom Schulverwaltungsamt.

Diese Schule soll die neue Gesamtschule im Stadtnorden werden

Christian Pätzold, Schulleiter der Sekundarschule in Westerfilde, wünscht sich eine offene und faire Diskussion über die Zukunft der Schule. © (A) Dönnewald

Auch, wenn die Schulform-Umwandlung für Christian Pätzold nicht der Weltuntergang wäre, so wünscht er sich doch eine umfassende und ergebnisoffene Diskussion. „Wir arbeiten mit der Bezirksvertretung seit Jahren gut zusammen. Es ist ganz wichtig, dass die Politik vor Ort in die Entscheidung einbezogen wird“, sagt Pätzold.

Der Schulleiter sieht durchaus das Dilemma. Entgegen anderslautender Pläne ist die 2012 gestartete Reinoldi-Sekundarschule die einzige Sekundarschule in Dortmund geblieben. „Über den Stadtbezirk hinaus kennt man unsere Schule nicht“, so Pätzold. Und im Stadtbezirk Mengede gibt es aktuell rund 70 Kinder, die zu Gesamtschulen nach Waltrop oder in anderen Dortmunder Stadtbezirken fahren. „Für diese Eltern sind wir als Sekundarschule nicht attraktiv. Und der Elternwille zählt nun mal“, sagt Pätzold.

„Sehr gutes Berufsorientierungssystem“

Dabei weiß der Schulleiter natürlich um die Vorzüge einer Sekundarschule. „Weil wir keine Oberstufe haben“, sagt er, „haben wir alle Möglichkeiten, die Schüler zu informieren, wie es nach der Klasse 10 weitergehen kann. Bei einer Gesamtschule bleiben die Schüler im System. Ich denke, wir haben auch ein sehr gutes Berufsorientierungssystem aufgebaut. Diese Freiheit hat man mit einer Oberstufe nicht mehr.“

Erinnert sei daran, dass die Reinoldi-Sekundarschule für ihr Projekt „Ausbildungspakt Westerfilde“ im Jahr 2017 den ersten Schulpreis NRW gewann, der von der Castrop-Rauxeler Solidarfonds-Stiftung vergeben wurde und der mit 12.000 Euro dotiert war. Das Projekt hat nach wie vor für die Bewältigung des Übergangs von der Schule in den Beruf Vorbildcharakter.

Grüne pochen auf eine öffentliche Diskussion

Unter anderem deshalb wollen zumindest CDU und Grüne die Westerfilder Sekundarschule nicht so mir-nichts-dir-nichts von der Landkarte streichen. Aus SPD-Kreisen ist zu hören, dass die Meinungsbildung in der Fraktion noch nicht abgeschlossen sei. „Ich muss zugeben, wir haben die Sekundarschule schon lieb gewonnen“; erklärte der stellvertretende Bezirksbürgermeister Gerhard Kuck (CDU) in der öffentlichen Sitzung. Axel Kunstmann (Grüne) versuchte mehrfach, eine Debatte zu initiieren. Bezirksbürgermeister Wilhelm Tölch verweigerte den Diskurs und verwies vehement auf ein interfraktionelles Gespräch. Für Jürgen Utecht (Grüne) ein Unding: „Was soll dieser kleine Kreis hinter verschlossenen Türen? Diese Frage muss öffentlich diskutiert werden“, fordert er gegenüber dieser Redaktion. „Für mich ist die Meinung der Schule wichtig, die kennt das Umfeld am besten“, sagt Utecht. „Wenn die Schule bessere Möglichkeiten als Gesamtschule sieht, dann soll es so sein.“

Schulentwicklung

Rund 850 Gesamtschulplätze fehlen bis 2023

  • Als sie gegründet wurde, sollte die Sekundarschule mindestens 60 Schüler pro Jahr aufnehmen. Im ersten Schuljahr 2012/13 waren es deutlich mehr, danach immer 65 bis 70 Schüler pro Jahrgang. Dass es im laufenden Schuljahr knapp unter 60 sind, liegt laut Schulleiter Christian Pätzold daran, dass keine Kinder mit Förderbedarf mehr angemeldet wurden. Die Bezirksregierung nahm die Schule aus dem Programm Gemeinsames Lernen heraus.
  • Laut Schulentwicklungsplan rechnet das Schulverwaltungsamt für Dortmund einen Bedarf von weiteren rund 850 Gesamtschulplätzen bis zum Schuljar 2023/24 hoch. Grund ist auch die Bevölkerungsentwicklung mit steigenden Kinderzahlen.
  • Im laufenden Schuljahr besuchen 7638 Schülerinnen und Schüler eine Gesamtschule.
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