Das Wohnstift Augustinum ist eines von mehrere Seniorenheimen, die bei Corona-Impfungen bislang leer ausgingen. © Oliver Schaper
Corona-Impfung

Seniorenresidenz bekommt kein Impfangebot vor Ort – Bewohner haben Angst

Die Impfbereitschaft in einer Dortmunder Seniorenresidenz ist hoch, doch die Stadt will kein Impfangebot vor Ort für die meist hochbetagten 224 Bewohner machen – und sieht sich im Recht.

Wer schnell eine hohe Impfquote erreichen will, sollte daran Interesse haben, an einem Standort zu impfen, an dem er viele Menschen erreicht. So hat auch das Dortmunder Impfzentrum gedacht, das zunächst die Bewohner großer Alten- und Pflegeheime gemäß der Impfstrategie direkt vor Ort zuerst gegen Corona geimpft hat.

Eine Senioren-Einrichtung allerdings blieb außen vor, obwohl sie seit dem 5. Januar alle Vorbereitungen für einen Impftermin im Haus getroffen hatte. Das Augustinum in Dortmund-Lücklemberg bekommt von der Stadt kein Impfangebot vor Ort – auch nicht für ein hauseigenes Impfteam.

Mit „Enttäuschung und Unverständnis“ reagierten Heimleitung, Bewohner und deren Angehörige auf die schriftliche Absage des Impfzentrums der Stadt. Der Schriftverkehr liegt dieser Redaktion vor. Darin teilt die Leiterin des Impfzentrums, Beate Bachmann, der Leitung des Augustinums mit, nach dem Sozialgesetzbuch sei das Haus an der Kirchhörder Straße keine „stationäre Pflegeeinrichtung“.

Altenheim mit anderem Konzept

Dieter Düllmann, dessen 94-jährige Mutter im Augustinum lebt, ist empört und spricht von einer „durchweg sinnfreien Entscheidung“. Die Bewohner seien teilweise stark dement oder gar nicht transportfähig. „Falls die Viruserkrankung bis dahin doch noch im Augustinum ausbrechen sollte, ist vermutlich mit vielen Todesfällen zu rechnen.“ Er frage sich, so Düllmann, wer für die Folgen „dieses Treibens“ die Verantwortung übernehme.

Auch Christiane Klein kann es nicht fassen. Ihre Mutter wohnt ebenfalls im Augustinum, das bislang von Corona-Fällen verschont geblieben ist. Die zum großen Teil hochbetagten und teils pflegebedürftigen Bewohner hätten „Angst, sich das Virus noch einzufangen. Ich finde die Haltung der Stadt unmöglich. Das ist ein Altenheim mit einem anderen Konzept, aber eben auch ein Altenheim.“

Gehobenes Seniorenwohnen

Das Augustinum ist mit seinen bundesweit 23 Residenzen Marktführer im gehobenen Seniorenwohnen. In Dortmund leben die 224 Bewohner nicht in Zimmern, sondern in 213 Wohnungen. Doch auch dort gibt es ein vergleichbares Infektionsrisiko wie in „herkömmlichen“ Alten- und Pflegeheimen.

208 der Bewohner sind über 80 Jahre alt, 43 haben Pflegegrad 1 bis 2, 34 Pflegegrad 3 bis 5, 20 sind demenziell erkrankt. Alle Pflegebedürftigen werden von den 53 Pflegekräften ambulant versorgt.

Impfbereitschaft ist hoch

Die Impfbereitschaft im Augustinum ist hoch: 212 Bewohner und 79 der insgesamt 126 Mitarbeiter (Küche, Reinigung, Bewohnerservice, Technik usw.) haben ihre Einwilligungserklärung für eine Impfung abgegeben.

Rechtlich ist die Stadt mit ihrer Entscheidung auf der sicheren Seite, doch das Dortmunder Augustinum ist das einzige von vier in NRW, bei dem so verfahren wird. Die Behörden in Detmold und Bonn sind anders vorgegangen und haben die Bewohner dort bereits einmal durchgeimpft. Die Seniorenresidenz in Essen hat nach anfänglicher Absage und Protest jetzt eine Termin-Zusage.

„Warum in anderen Städten andere Entscheidungen gefallen sind, können wir nicht sagen“, teilt Stadtsprecherin Anke Widow auf Anfrage mit. Die Priorisierung in Bezug auf die Reihenfolge der Impfungen nähmen nicht die Kommunen vor. „Diese haben der Bund und das Land bestimmt und den Kommunen vorgegeben.“ Die Stadt sei an die Vorgaben der „Corona-Impf-Verordnung“ gebunden. Danach könnten nur vollstationäre Pflegeeinrichtungen priorisiert geimpft werden.

Andere Auskunft von der Hotline

Die Bewohner des Augustinums müssten ebenso wie Personen, die in der eigenen Wohnung leben, einen Termin im Impfzentrum vereinbaren, sofern sie die jeweils aktuell geltenden Voraussetzungen für eine Impfung erfüllten, so Widow.

Das wollte die Hausleitung auch für die Bewohner tun und sie dann im Bus zum Impfzentrum karren. Doch bei der Bitte, 15 bis 20 zusammenhängende Termine zu bekommen, kam am anderen Ende der Telefon-Hotline die Frage auf, wieso gleich Termine für 20 Personen? Auf den Hinweis, es handele sich um eine Seniorenresidenz mit 224 Personen, habe es geheißen: „Nein, da sind Sie hier völlig falsch, da kommt ein mobiles Impfteam.“

Für die Telefon-Hotline sei die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) zuständig, sagt dazu Stadtsprecherin Widow: „Die von dort getroffene Aussage – sollte sie so formuliert gewesen sein – entspricht nicht den Tatsachen.“

Patientenbeauftragte des Landes hat sich eingeschaltet

Der Heimbeirat des Dortmunder Augustinums hat in seiner Not die Patientenbeauftragte des Landes NRW, Claudia Middendorf, eingeschaltet. „Die Stimmung dort ist schlimm“, bestätigt sie und fragt sich, wieso andere Städte kompromissfähiger sind. „Auch von meiner Stadt würde ich mir wünschen, die vorhandenen Strukturen zu nutzen und damit Potenzial für andere im Impfzentrum freizuschlagen.“

Middendorf hat Kontakt zum Sozialamt aufgenommen und die Stadt gebeten, neu nachzudenken und zu prüfen, ob angesichts der vielen hochvulnerablen Menschen im Augustinum nicht doch ein Impfangebot vor Ort möglich wäre. Am Mittwoch (27.1.) soll es noch mal ein Gespräch geben. Außerdem will Middendorf am Mittwochabend (27.1.) das Problem in einer Runde mit NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann ansprechen.

Über die Autorin
Redaktion Dortmund
Stellvertretende Leiterin der Dortmunder Stadtredaktion - Seit April 1983 Redakteurin in der Dortmunder Stadtredaktion der Ruhr Nachrichten. Dort zuständig unter anderem für Kommunalpolitik. 1981 Magisterabschluss an der Universität Bochum (Anglistik, Amerikanistik, Romanistik).
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Gaby Kolle

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