Zwei Anwohner der Wiesnerstraße wurden am vergangenen Donnerstag (24.6.) überfallen und mit einer Waffe bedroht. Die 78-jährige Frau schildert unserer Redaktion den Tag. © Schaper
Bewaffneter Raubüberfall

Seniorin (78) überfallen: „Der eine nahm mich sofort in die Mangel“

Mit einem Hubschrauber suchte die Polizei in Dortmund nach zwei falschen Paketboten, die in der Gartenstadt eine 78-Jährige fesselten und mit einer Waffe bedrohten. Die Frau schilderte unserer Redaktion den Überfall.

Es ist noch keine Woche vergangen, seit das Ehepaar aus der Wiesnerstraße in Dortmund von vermeintlichen Paketboten überfallen wurde. Die Männer konnten flüchten. Am Tattag (24.6.) setzte die Polizei sogar einen Hubschrauber ein, um die Täter aufzuspüren.

Zwei Männer und ein großes Lidl-Paket

Die 78-jährige Frau, die von den Männern mit einer Schusswaffe bedroht und gefesselt wurde, will über den Überfall sprechen, „um andere zu sensibilisieren“.

Ihren Namen möchte sie jedoch nicht in der Zeitung lesen, deshalb heißt sie in diesem Artikel Brigitte.

Es ist kurz nach zehn am Donnerstagmorgen, als es an der Tür des Ehepaars klingelt. Erst kurz vorher war ein Paketbote von DHL dort gewesen. Brigitte öffnet die Tür, ihr Mann sitzt derweil auf der Terrasse und liest. „Da standen zwei Männer mit einem großen Lidl-Paket zwischen sich“, sagt die 78-Jährige rückblickend.

Die Männer haben „echt ausgesehen“, wie Paketboten. Deshalb weist Brigitte sie auch an, das sperrige Paket im Flur abzustellen, obwohl sie sich eigentlich über eine Lidl-Bestellung wundert. Und das sei ihr „Fehler“ gewesen, sagt die 78-Jährige im Nachhinein.

Schreien, damit die Haushaltshilfe alles mitbekommt

„Der eine nahm mich sofort in die Mangel. Der andere Mann schloss die Haustür von innen zu.“ Im Flur bedrohen die Männer sie mit einer Pistole, versuchen, ihr den Mund zuzuhalten, denn Brigitte schreit.

„Ich fühlte mich durch die Pistole nicht bedroht. Mein Ziel war es, dass unsere Haushaltshilfe oben alles mitbekommt.“

Denn Brigitte weiß, dass sie immer ihr Handy dabei hat. Sie sieht das als einzige Chance, um die Polizei zu informieren. Ihr Mann bekommt von dem Überfall zu dem Zeitpunkt noch nichts mit, weil er nicht gut hört.

Sie schafft es, sich loszureißen

„Was wollen Sie? Wollen Sie Geld?“, ruft Brigitte. Die Haushaltshilfe habe von oben durch das Treppengeländer in den Flur blicken können und eine Männerschulter gesehen, erzählt die 78-Jährige.

Sofort habe sie sich ins Badezimmer im ersten Stock eingeschlossen und Hilfe verständigt. In der Aufregung habe sie zuerst die Nachbarn angerufen, die aber nicht da waren, schließlich wählt sie die 110.

Die bewaffneten Männer wollen Brigitte ins nächste Zimmer zerren. Auf dem Weg dorthin schafft sie es, sich loszureißen, läuft in die Küche. „Irgendwie bin ich dann ausgerutscht und saß plötzlich auf dem Boden“, erinnert sie sich. Einer der Männer habe sie dann von hinten gepackt und hochgezogen.

„Mein Mann wollte Zeit gewinnen“

Im Kaminzimmer muss sie sich auf eines der Sofas setzen. An Armen und Füßen fesseln die Männer die Dortmunderin mit Kabelbindern. „Immer wieder haben die versucht, mir die Decke vom Sofa über den Kopf zu ziehen.“ Brigitte lässt sich das nicht gefallen, schüttelt die Decke immer wieder runter.

Irgendwann geben die Männer auf. Das sei für sie ein Hinweis darauf gewesen, dass sie nicht so gefährlich und erfahren sein konnten, meint die 78-jährige Frau.

Brigittes Ehemann zerren sie von der Terrasse ebenfalls ins Kaminzimmer. Er soll sich auf das andere Sofa setzen, damit die Paketboten ihn dort fesseln können.

„Mein Mann wollte Zeit gewinnen.“ Deshalb redet er auf die Männer ein und sagt Dinge wie: „Ihr seid doch noch so jung. Überlegt euch das.“ Doch die zwei Täter zeigen sich unbeeindruckt und drohen: „Wenn Sie jetzt nicht ruhig sind, schieße ich Ihnen ins Bein.“ Brigitte erzählt das wenige Tage später mit gefasstem Ton und fester Stimme. Sicherlich liegt das daran, dass der Raubüberfall glimpflich ausging.

Als die Männer wissen wollen, ob noch jemand im Haus ist, antwortet Brigittes Mann und flunkert: „Ja, unser Hausmeister.“ Die Täter sind alarmiert, laufen nach oben, wo sie die verschlossene Badezimmertür entdecken, hinter der die Haushaltshilfe sich versteckt und längst die Polizei verständigt hat.

Das war nicht der erste Überfall

Dass die Polizei bald da sein wird, davon gehen wohl auch die Täter aus, die flüchten. Auf dem Weg nach draußen nehmen sie das Lidl-Paket und Brigittes Portemonnaie mit.

Wenig später trifft die Polizei ein. Noch am selben Tag nehmen die Beamten die Zeugenaussagen auf, sichern Spuren und verlangen das Oberteil von Brigitte, da sich in den Fasern vermutlich DNA der Täter finden lasse – so schildert es die 78-Jährige.

Die Anwohner der Wiesnerstraße wollen sich wieder sicher fühlen und überlegen, Kameras anzuschaffen.
Die Anwohner der Wiesnerstraße wollen sich wieder sicher fühlen und überlegen, Kameras anzuschaffen. © Schaper © Schaper

Inzwischen hat sie sich angewöhnt, immer erst durch den Türspion zu schauen. „Wenn ich die Person nicht kenne, lege ich die Kette vor“, sagt sie. Für das Ehepaar war es nicht das erste Mal, dass jemand versuchte, sie auszurauben. In den 80er- und 90er-Jahren sei bei ihnen eingebrochen worden. Seitdem sichert eine Alarmanlage ihr Haus.

Kameras sollen das Haus schützen

Gegen die neue Masche mit den falschen Paketboten hilft das jedoch nicht. „Wir wollen uns jetzt mit den Nachbarn zusammentun und mit Kameras ausstatten“, sagt Brigitte.

Überhaupt habe sie „unglaubliche Solidarität“ durch die Nachbarschaft erfahren. Karten und Blumen habe sie bekommen. Und auch die Polizei habe mehrmals gefragt, ob sie psychologische Hilfe brauchen, ob sie zurechtkämen.

Aber Brigitte und auch ihr Mann fühlen sich gut. Sie wollen keine psychologische Unterstützung.

Über die Autorin
Volontärin
Geboren und aufgewachsen im Bergischen Land, fürs Studium ins Rheinland gezogen und schließlich das Ruhrgebiet lieben gelernt. Meine ersten journalistischen Schritte ging ich beim Remscheider General-Anzeiger als junge Studentin. Meine Wahlheimat Ruhrgebiet habe ich als freie Mitarbeiterin der WAZ schätzen gelernt. Das Ruhrgebiet erkunde ich am liebsten mit dem Rennrad oder als Reporterin.
Zur Autorenseite
Avatar

Der neue Lokalsport-Newsletter für das Münsterland

Immer dienstags und freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.