In Dortmund gibt es mal wieder Diskussionen über die Ladenöffnungszeiten an Sonn- und Feiertagen. Unser Autor findet: Das kritische Nachdenken über unseren Konsum tut uns allen gut.

Dortmund

, 07.12.2019, 17:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Kirche wieder. Kommt in Form der Katholischen Arbeitnehmerbewegung um die Ecke und sagt, was sonntags erlaubt sein soll und was nicht. Es geht um Geschäfte oder Marktstände, die öffnen, obwohl sie das laut Gesetz gar nicht dürften. Das geht so nicht, findet die katholische Organisation.

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Eine häufige Reaktion auf diesen Vorstoß lautet: Haben die denn nichts Besseres zu tun? Und, ja, ganz bestimmt gibt es drängendere Fragen für den Fortgang der Welt. Aber der Hinweis auf den Sonntagsschutz ist aus meiner Sicht ein Anstoß zum Nachdenken. Es ist eine gute Idee, einen Tag in der Woche zu schützen. Es geht hier gar nicht um die Kirche. Es geht um Konsum.

Der Sonntag könnte auch ein Montag sein

Der Sonntag könnte auch ein Montag, Mittwoch oder Samstag sein. Klar ist: Das Leben besteht aus mehr als selbstausbeuterischer Arbeit und selbstbetrügerischem Konsum.

Ich möchte nicht bestreiten, dass es in der Realität ohnehin schon längst keinen wirklichen Ladenschluss mehr gibt. Das Ladenöffnungsgesetz ist in der Kaiserzeit entstanden. Die Nationalsozialisten haben die 18.30-Uhr-Schlusszeit eingeführt, die bis 1996 nicht angetastet worden ist.

Doch seitdem ist das Gesetz stark ausgehöhlt worden. Einkaufen bis 22 oder 24 Uhr? Das ist in der Dortmunder City zumindest bei Lebensmitteln kein großes Problem. Trotzdem rufen viele nach noch liberaleren Öffnungszeiten.

Dem Kunden gefällt‘s – aber was sagen die Angestellten?

Aus Sicht eines (berufstätigen) Kunden ist das eine gute Sache. Die andere Seite nimmt man aber eher ungern wahr. Letztlich fragt einfach niemand die alleinerziehende Mutter, die an der Supermarkt-Kasse sitzt, wie sie es findet, dass sie mittlerweile häufiger abends arbeiten muss.

Manchen Arbeitnehmern machen Rund-um-die-Uhr-Schichtsysteme nichts aus. Wer jetzt einen Job im Einzelhandel anfängt, stellt sich auf die Bedingungen ein. Aber für viele, die schon länger dabei sind, bedeuten die ausgeweiteten Zeiten eine Belastung.

Einzelhandel ist harte Arbeit unter häufig nicht besonders attraktiven Bedingungen. Es kommt nicht von ungefähr, dass Angestellte in dieser Branche zu den Hauptrisikogruppen für psychische Erkrankungen zählen.

Viele der Geschäfte, um die es in der aktuellen Debatte in Dortmund geht, werden von den Inhabern selbst geführt. Diese überschreiten für ihre Existenz ohnehin zeitliche Grenzen, die andere Arbeitnehmer haben.

Mit den inhabergeführten Geschäften trifft es die Falschen

Wenn es jetzt wegen der Öffnung an Sonn- und Feiertag Anzeigen gegen die Inhaber meist kleinerer Geschäfte hagelt, dann trifft es die Falschen.

Denn der lokale Handel ist selbst ein Opfer der Digitalisierung. Das zwingt viele, verkaufsoffene Sonntage oder Nachtöffnungen mitzumachen, um irgendwie Aufmerksamkeit zu bekommen. Es gibt auch Einzelhändler, die sich getrieben fühlen von den Interessen großer Konzerne. Für die sich ein verkaufsoffener Sonntag ohnehin nie gelohnt hat.

Wenn die Vorgaben für die Öffnungszeiten von Geschäften ohnehin nicht beachtet und auch nicht kontrolliert werden – braucht man sie dann überhaupt noch? Sollte es nicht heißen: Statt Sonntagsschutz wie zu Kaisers Zeiten lassen wir alle Regeln fallen und jeder darf öffnen, wann und wie er möchte?

Digitale Einkaufslogik in der echten Welt

Es bringt sicher nichts, sich in Zeiten zurückzuwünschen, in denen man samstags ab 14 Uhr keine Milch mehr bekommen hat, wenn man vergessen hatte, sie auf den Zettel zu schreiben. Unser Konsumverhalten ist ohnehin zu einem großen Teil digital. Online existiert ein Begriff wie Öffnungszeiten nicht.

Liberale Öffnungszeiten wären nur die konsequente Übertragung dieser Logik, mit der unser System der (Waren-)Freiheit funktioniert. Einkaufen ist eine Ersatzreligion mit einfachen Botschaften.

Was bleibt für Dortmund aus der neuen Debatte um den Sonntagsschutz? Die Gesetzgebung in NRW ist aus Händlersicht schon restriktiv. Die aktuelle Situation stellt niemanden zufrieden. Die Unternehmer nicht, die Angestellten nicht, die Kunden nicht und diejenigen nicht, die aus ideellen Gründen für einen freien Tag in der Woche sind.

So wie es jetzt läuft, wird es wieder Verstöße gegen das Gesetz geben. Es wird wieder keine Kontrollen geben, weil das auch nicht verhältnismäßig und personell für das Ordnungsamt schwer leistbar wäre.

Was es geben muss: Eine klare Position dazu, wie man künftig in der Stadt mit dem Thema umgehen möchte, damit es nicht zu Anzeigen und dem Vorwurf der Denunziation kommen muss, wie zuletzt bei Hansemarkt und Kaiserstraßenfest.

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