Der Höhepunkt der Tour: Von der 65 Meter hohen Plattform des Hochofens hat man einen spektakulären Blick auf Dortmund. © Thomas Thiel
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Skywalk in Dortmund: Spaziergang durch ein gestrandetes Raumschiff

Es ist Dortmunds spektakulärste Industriekultur-Route: Über den Skywalk spazieren Besucher auf einem Gasrohr in die Eingeweide eines alten Hochofens. Am Ende wartet eine atemberaubende Aussicht.

Nein, wie viele Stufen es sind bis auf den alten Hochofen auf Phoenix-West, das will Heike Regener nicht verraten. Die Zahl könnte ältere Besucher abschrecken, meint die Dortmunder Reiseführerin – nur um direkt nachzuschieben: „Meine älteste Tour-Teilnehmerin war 90 Jahre alt – und die hat das auch geschafft!“

Wir stehen am Fuß des verlassenen Kolosses im Dortmunder Stadtteil Hörde und blicken zum knapp 70 Meter hohen, rostroten Turm hinauf, von dessen Spitze einst Eisenerz in den bis zu 2000 Grad heißen Hochofen gegossen wurde. Er ist unser Ziel.

Einzigartige Aussichtspunkte über Dortmund

Es ist ein frischer Sommertag Anfang Juli, der starke Wind reißt immer wieder Lücken in die graue Wolkendecke. Ein Garant für spannende Lichtverhältnisse, ein gutes Wetter für Dortmunds spektakulärste Touristen-Tour, den Skywalk.

Seit 2011 führt der Skywalk in knapp 30 Metern Höhe über ein dickes, stillgelegtes Gasrohr mitten hinein in das Innere der riesigen Anlage. Auf dem Weg dahin gibt es einzigartige Aussichtspunkte.

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Skywalk auf Phoenix-West: Stahlmonster mit Aussicht

Doch um diese zu erreichen, braucht man Menschen wie Heike Regener: Der Skywalk ist nicht frei zugänglich, sondern nur im Rahmen von Führungen begehbar. Und er erfordert gleich zum Anfang ein bisschen Kraxelei.

99 Stufen – so viel verrät Regener immerhin, als sie am Rande des Phoenixplatzes die Tür des Treppenhauses aufschließt – geht es hoch, bis wir auf dem Skywalk stehen. Während wir kurz durchschnaufen, zeigt der erste Blick, dass sich der Aufstieg gelohnt hat: Gen Süden geht der Blick über die Dächer Hördes bis zum Schwerter Wald, im Westen erhebt sich majestätisch das BVB-Stadion, im Norden grüßen der Florianturm und die Hochhäuser entlang der B1.

Wie das Skelett eines gestrandeten Urzeit-Wals

Dabei immer im Blick: der alte Hochofen. Einst war er eines der vielen Herzen im komplexen Organismus der Schwerindustriestadt Dortmund. Über 140 Jahre wurde hier flüssiges Roheisen für das Stahlwerk Phoenix-Ost auf der anderen Seite Hördes hergestellt.

1998 wurde das Werk stillgelegt. Was von ihm noch zu gebrauchen war, verkaufte Thyssen-Krupp an einen chinesischen Konkurrenten, der die Anlagen ab- und in China wieder aufbauen ließ. Das gleiche Schicksal ereilte ab 2001 das Stahlwerk Phoenix-Ost.

Flanieren mit Aussicht: Der Skywalk auf Phoenix-West in Dortmunds Süden führt in die alte Hochofenanlage.
Flanieren mit Aussicht: Der Skywalk auf Phoenix-West in Dortmunds Süden führt in die alte Hochofenanlage. © Thomas Thiel © Thomas Thiel

Während auf dem Stahlwerksgelände im Osten Hördes ab 2009 mit dem Phoenix-See eines der bemerkenswertesten Strukturwandel-Projekte des Ruhrgebiets entstand, blieb auf Phoenix-West die langsam verfallende Industrieruine des Hochofens stehen – das Skelett eines gestrandeter Urzeit-Wals inmitten eines langsam wachsenden Gewerbeparks.

Wenn der Skywalk nach einigen Hundert Metern als Panoramasteg über Phoenix-West in das Innere dieses Skelettes eintaucht, fühlt man sich schnell ganz klein. Überall um uns herum wächst rostender Stahl in die Höhe.

„Die Maschinen waren hier das Heiligtum“, erzählt Regener. Annehmlichkeiten für die Menschen, die hier rund um die Uhr und 365 Tage im Jahr einen Abstich nach dem anderen machten, habe es nicht gegeben. Sie mussten sich arrangieren mit der Eiseskälte des Winters, der brüllenden Hitze des Sommers, dem ständigen, ohrenbetäubenden Lärm.

Regener erklärt das alles sehr lebendig auf der über zweistündigen Führung. Es ist ein Parforceritt durch die Geschichte des Hochofens, aber auch durch die des modernen Dortmunds. Es geht um den verlorenen Glanz als ehemalige Bierhauptstadt Europas, Dortmunds riesiges Gasröhrensystem, die Verwandlung des alten Stahlwerks in den Phoenix-See.

Spektakuläre Ausblicke auf Gasometer und Wilo

Immer wieder geht es Treppen hoch, wir erklimmen den Hochofen Ebene um Ebene. Hinter so mancher Kurve des Weges warten spektakuläre Ausblicke auf Dortmund, etwa auf den benachbarten Gasometer und den neuen Wilo-Unternehmenscampus.

Schließlich haben wir es geschafft: Wir stehen auf der obersten Plattform des Hochofens, 65 Meter über Dortmund. In ihrer Mitte stecken noch die mannshohen Umlenkrollen des Schrägaufzuges, mit denen die so genannten „Hunde“ hochgezogen wurden, große Schüttwaggons, aus denen das Eisenerz in den Hochofen fiel. Die überraschend kleine Öffnung des Hochofens liegt wenige Meter unter den Rädern.

Schauen Sie sich auf dem Hochofen um! Das 360-Grad-Bild entstand bei einer Führung 2018:

Den eigentlichen Zweck der Plattform haben wir aber schnell vergessen – zu erhaben ist der 360-Grad-Blick, auf die Dortmunder City, die Westfalenhütte und die Kraftwerke nördlich der Stadtgrenze, die Hangbebauung am Phoenix-See und die farbigen Hochhäuser des Clarenbergs.

Besonders schön sei es bei Sonnenuntergang, sagt Regener, während sie routiniert alle interessanten Gebäude und Bauwerke erklärt, die man von hier oben sehen kann. Aber eigentlich sei der Hochofen bei jedem Wetter ein Erlebnis. Wenn es regne, bildeten sich an den schrägen Stahlflächen kleine Rinsale und überall tropfe es – „eine unglaubliche Atmosphäre!“, schwärmt Regener.

Vision vom „Raumschiff Hochofen“ könnte bald Wirklichkeit werden

Ihre denkwürdigste Tour hatte sie einmal bei dichtem Neben. Damals zogen Nebelschwaden durch die Anlage: „Man kam sich vor wie in einem verschollenen Raumschiff, irgendwie verloren im Weltraum.“

In einigen Jahren könnte das Bild vom Raumschiff auch abseits von Nebelbänken häufiger bemüht werden. Denn der Hochofen steht vor großen Veränderungen.

Der niederländisch-kanadische Investor Walas hat ihn 2018 für 75 Millionen Euro gekauft. Er will den historischen Hochofen mit einem futuristischen mehrstöckigen Gebäude in Form einer meeresblauen Welle durchziehen, in dem Büros, Wohnungen und High-Tech-Werkstätten unterkommen sollen.

Doch noch strahlt der Stahlkoloss reine Industriebrachen-Romantik aus. Nachdem wir eine Viertelstunde das Panorama auf der obersten Hochofen-Plattform genossen haben, machen wir uns auf den Rückweg.

640 Stufen hin und zurück

Normalerweise ginge es nun zurück über den Skywalk, doch aufgrund der Corona-Vorsichtsmaßnahmen nimmt die Führung einen andere Route. So will man vermeiden, dass sich zwei Gruppen auf dem engen Stieg aneinander vorbei zwängen müssen.

Als wir nach gut zwei Stunden wieder festen Boden unter den Füßen haben, merken wir unsere Beine. Kein Wunder, meint Regener – und lüftet ihr letztes Geheimnis: Schließlich sind wir 640 Stufen gelaufen – 320 hoch, 320 runter.

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Zur Sache

Führungen auf dem Skywalk auf Phoenix-West

  • In den vergangenen Jahren war es sehr schwierig bis unmöglich, kurzfristig auf den Skywalk zu kommen: Die Tickets für die Führungen waren Wochen, manchmal Monate im Voraus ausverkauft. Über 7000 Menschen waren 2019 so auf dem Skywalk unterwegs. Die Corona-Krise änderte das. Derzeit gibt es für zahlreiche Führungen in den kommenden Tagen und Wochen noch freie Plätze.
  • Die Tickets für Führungen bei Regeners Unternehmen „Meine Heimat Ruhr“ kosten 20,90 Euro. Auch der Dortmunder Veranstalter „Sanfte Touren“ hat den Skywalk regelmäßig im Programm, für 20 Euro.
  • Beide Veranstalter raten zu festem Schuhwerk und wetterfester Kleidung. Teilnehmer sollten schwindelfrei sein.
Über den Autor
Redaktion Dortmund
1984 geboren, schreibe ich mich seit 2009 durch die verschiedenen Redaktionen von Lensing Media. Seit 2013 bin ich in der Lokalredaktion Dortmund, was meiner Vorliebe zu Schwarzgelb entgegenkommt. Daneben pflege ich meine Schwächen für Stadtgeschichte (einmal Historiker, immer Historiker), schöne Texte und Tresengespräche.
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Thomas Thiel

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