Der erste Teil der Mega-Evakuierung ist absolviert. Kliniken und Altenheime im Klinikviertel sind am Samstag geräumt worden. Dabei erlebten die Organisatoren eine positive Überraschung.

Dortmund

, 11.01.2020, 16:56 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Stimmung erinnerte ein wenig an einen Sonntagsausflug. In einer langen Reihe zogen die Bewohnerinnen und Bewohner des Christinenstifts am Samstagmorgen durch das Foyer des Seniorenheims am Eisenmarkt und über die Rampe am Ausgang zu einem bereitstehenden Bus. Herne hieß das Reiseziel. Denn dort kommen die Senioren für zwei Tage unter - so lange, wie das Haus am Eisenmarkt wegen der für Sonntag geplanten Blindgänger-Entschärfungen evakuiert ist.

So schnell lief die Evakuierung von Kliniken und Seniorenheimen im Klinikviertel

129 Bewohnerinnen und Bewohner des Christinenstifts wurden in ein Seniorenheim nach Herne gebracht. © Stephan Schütze

Die gelöste Stimmung beim Einstieg in den Bus täuschte etwas. Die Aufregung war bei den teilweise hochbetagten Senioren, von denen viele die Bombardierung im Zweiten Weltkrieg noch miterlebt hatten, groß, berichtet Heimleiterin Regina Misiok-Fisch. „Für einige mussten wir erst einmal Koffer besorgen.“

Dabei kommt dem Christinenstift ein glücklicher Umstand zu Hilfe. Das Seniorenheim St. Georg in Herne ist gerade in einen Neubau umgezogen. Die alten Räume standen deshalb leer - und können deshalb nun als Übergangsdomizil genutzt werden.

Dafür musste das Haus aber erst einmal wieder halbwegs eingerichtet werden - angefangen von Möbeln über Rollstühle bis zum Toilettenpapier. „Es wurde auch schon eine BVB-Flagge in Herne gehisst“, berichtet die Heimleiterin.

Der Umzug läuft bereits seit Dienstag. „Heute Nachmittag geht noch eine Fuhre mit den Nachttischlampen nach Herne“, berichtet Regina Misiok-Fisch. Alles für zwei Tage und Nächte. Denn am Montag soll alles wieder nach Dortmund zurückkehren.

Senioren-Party mit Eierlikör

Einige Senioren sind auch in ihren Familien und in einem anderen Dortmunder Altenheim untergekommen. Der Großteil, genau 129 Bewohner, verbringen das Evakuierungswochenende nun in Herne. Für Ablenkung und Unterhaltung ist gesorgt. Am Samstagabend steigt sogar eine Seniorenparty im Übergangsdomizil. „Wir haben dafür schon Bier, Wein und Eierlikör besorgt“, erzählt Misiok-Fisch.

Beim Umzug lief alles glatt. Um 14 Uhr war das Haus am Eisenmarkt leer. Zuletzt wurden die Bewohnerinnen und Bewohner, die bettlägerig oder auf einen Rollstuhl angewiesen sind, transportiert.

So schnell lief die Evakuierung von Kliniken und Seniorenheimen im Klinikviertel

Der Friedensplatz war Sammelstelle für die Einsatzfahrzeuge von Rettungsdiensten aus ganz NRW. © Stephan Schütze

Ähnlich reibungslos lief es bei der Evakuierung der Krankenhäuser, die seit Oktober vorbereitet worden war und nun ebenfalls am frühen Samstagmorgen startete. Weil in den vergangenen Tagen und auch am Samstagmorgen noch viele Patienten nachhause entlassen wurden, lief alles schneller als geplant.

Ohnehin hatte man den Umzugsaufwand nach Empfehlungen von Gutachtern reduziert. Im Klinikum Mitte können ohnehin gut 230 Patienten in den hinteren Teilen des Gebäudekomplexes bleiben. 65 Patientinnen und Patienten wurden aus dem Haupthaus an der Beurhausstraße ebenfalls in weiter hinten liegende Gebäudeteile verlegt.

Tolle Teamleistung

Es gab dazu einen minutiös abgestimmten Zeitplan inklusive Fahrplänen für die Aufzüge und zeitlich gestoppten Wegstrecken auf den Fluren, berichtet Klinikum-Sprecher Marc Raschke. Und alle packten mit an. „Sogar unser Geschäftsführer und die Chefärzte haben Betten geschoben“, erzählt Raschke. „Es war eine tolle Teamleistung.“

Auch die Anwohner des Klinikviertels spielten mit. Sie hatten die Halteverbote im Umfeld der Kliniken, die seit Freitagnachmittag gelten, weitgehend beachtet. Nur 15 Autos mussten am Samstagmorgen abgeschleppt werden. So sollte Platz geschaffen werden für die Krankentransporte.

So schnell lief die Evakuierung von Kliniken und Seniorenheimen im Klinikviertel

Absolut autofrei sind die Straßen des Klinikviertels seit Freitagnachmittag. © Stephan Schütze

Regelrecht evakuiert werden mussten nur Kinderklinik und Kinderchirurgie im Westfälischen Kinderzentrum. 20 kleine Patientinnen und Patienten wurden ins Klinikum Nord verlegt. Das war schon am frühen Nachmittag erledigt. Lange Schlangen von Krankenwagen gab es so erst gar nicht. „Viele Helfer konnten vorzeitig nachhause gehen“, berichtet Raschke.

Auch im Johannes-Hospital lief alles schneller als geplant. Am Ende mussten noch 40 Patienten verlegt werden. Sie wurden mit Krankenwagen vor allem ins Marien-Hospital in Hombruch und in Lünen oder ins Josefs-Hospital in Hörde gebracht.

16 Intensiv-Patienten bleiben allerdings auch am Sonntag im Johannes-Hospital - betreut von Ärzten und Pflegekräften, die sich freiwillig zur Verfügung gestellt haben.

Für die Intensivpatienten wäre ein Transport mit einem größeren Risiko verbunden als die Bombenentschärfung, erklärt Petra Kobosch, Stationsleiterin der operativen Intensivpflege, die selbst am Sonntag mit im Dienst ist. Zwischendurch müssen die Patienten dann sogar einmal verlegt werden, weil sie je nach Stand der Entschärfungen in anderen Gebäudeteilen untergebracht werden müssen.

Rückumzug am Montag

Immerhin liegt eine Verdachtsfläche im Garten des Johannes-Hospitals. Dort gibt es aus historischen Luftbild-Aufnahmen zwar keine konkreten Hinweise auf Blindgänger, aber „Anomalien“ im Boden, die nun am Sonntag näher untersucht werden. Und auch die anderen Bombenverdachtspunkte an der Luisenstraße, am Hohen Wall und an der Beurhausstraße liegen nicht weit vom Johannes-Hospital entfernt.

So schnell lief die Evakuierung von Kliniken und Seniorenheimen im Klinikviertel

Durch die Türen des Johannes-Hospitals geht der Blick auf die Baustelle der Kampfmittelräumer im Garten. © Stephan Schütze

Geht beim Freilegen und möglichen Entschärfen alles glatt, beginnt das Umzugsprozedere am Montag von vorn. Dann müssen alle Patienten zurückverlegt werden. Je nach Verlauf der Entschärfungen soll damit noch in der Nacht begonnen werden, kündigt Marc Raschke an. Am Montag bis 11 Uhr soll dann möglichst alles abgeschlossen sein und wieder Normalität einkehren auf den Krankenstationen.

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Am Sonntag mussten rund 13.000 Dortmunder ihre Wohnungen verlassen, weil Blindgänger im Klinikviertel gefunden wurden. Beide Bomben wurden am Nachmittag entschärft. Die Ereignisse im Ticker. Von Oliver Volmerich, Bastian Pietsch

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