So stark zerstört war Dortmund bei Kriegsende 1945

Multimedia-Spezial

Als endlich Frieden war, existierte Dortmund praktisch nicht mehr: Am Ende des Zweiten Weltkriegs war die Stadt eine Trümmerwüste. In einem Multimedia-Spezial zum Kriegsende vor 70 Jahren zeigen wir das Ausmaß der Zerstörungen und wie die Dortmunder damit umgingen.

DORTMUND

, 15.04.2015, 03:25 Uhr / Lesedauer: 3 min
So stark zerstört war Dortmund bei Kriegsende 1945

Die Zerstörungen hatten ein unvorstellbares Ausmaß: Blick auf das Alte Stadttheater - oder was davon übrig ist - und auf die Ruine der Petrikirche.

Der 15. April 1945 ist ein Sonntag. Trotzdem erscheinen am frühen Morgen - zwei Tage nach der endgültigen Befreiung Dortmunds - zehn Beamte der Stadt zum Dienst in ihren provisorischen  Büros im Stadthaus, allen voran der kommissarische Oberbürgermeister Dr. Hermann Ostrop. Es gilt, den Anfang in Chaos und Trümmern einigermaßen zu organisieren. Mit einem Lautsprecherwagen, den die Engländer zur Verfügung stellen, werden zusätzlich zu den schriftlichen Aushängen die offiziellen Verlautbarungen bekannt gemacht, wird über Ausgehverbot oder die Lage von Wasser-Entnahmestellen informiert und vor Plünderungen gewarnt.

Ein wichtiges Thema ist die Bestattung vieler hundert Leichen, die noch in den Trümmern, in ausgebrannten Häusern und auch in den Baracken der Ausländerlager liegen. Daneben stehen Versorgungsprobleme, Trümmerräumung und die täglichen Plünderungen auf der Tagesordnung der Besprechungen mit der Militärregierung obenan. Die gibt es nun täglich.

Die Dortmunder Bürger durchleben eine harte Zeit. Für unsere Zeitgeschichte-Reihe "So war das" haben einige Zeitzeugen uns ihre Erinnerungen vom Kriegsende erzählt - und ihre privaten Filmarchive geöffnet:

93 Prozent des Stadtzentrums ist zerstört

Nach mehr als 100 Luftangriffen, darunter acht Großangriffen, liegt Dortmund in Trümmern. Auf 7000 wird die Zahl der Todesopfer durch den Bombenkrieg in Dortmund geschätzt. Das Stadtzentrum ist zu mehr als 93 Prozent zerstört.

"Am Ende des Krieges glich Dortmund einem rauchenden Trümmerhaufen", beschreibt die damalige Stadtarchivarin Luise von Winterfeld das Bild, das Dortmund beim Einmarsch der Alliierten am 13. April 1945 bietet. "Die Mehrzahl der Einwohner hatte Heim und Habe verloren und lebte hungrig und frierend in elenden Notquartieren." Etwa 325.000 Menschen sind bei Kriegsende noch in der früheren Halbmillionen-Stadt. "Engländer und Amerikaner, mit denen ich in der ersten Zeit zusammenkam, waren erschüttert von den Auswirkungen des Luftkrieges. Sie erklärten, dass sie sich die Auswirkungen nicht so vorgestellt hätten", berichtet auch Dr. Hermann Ostrop. 

Die Kriegszerstörungen in Dortmund bei Kriegsende 1945:

(gelb: leichter Schaden; blau: mittlerer Schaden; rot: totaler Schaden; Zoomen Sie in die Karte hinein, um die Schäden in Ihrer Nachbarschaft zu sehen)

Quelle: Katasteramt Dortmund (durch die Übertragung von Papier auf die digitale Form gab es leichte Verzerrungen) / Programmierung: Felix Ebert

Fast 70 Prozent der Wohnungen sind unbewohnbar

Erst langsam beginnt man zu erfassen, wie gewaltig das Ausmaß der Zerstörung ist. Auf 10 Millionen Kubikmetern - Gewerbe- und Industrieflächen nicht mitgezählt - werden die Schuttmassen im gesamten Stadtgebiet geschätzt. Dortmund kann den traurigen Rekord für sich in Anspruch nehmen, mit 19,2 Kubikmetern Trümmermenge pro Einwohner die am meisten zerstörte Stadt des Ruhrgebiets zu sein und deutschlandweit die größten Trümmermassen zu besitzen.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Das zerstörte Dortmund bei Kriegsende 1945

Dortmund war bei Kriegsende 1945 ein einziges Trümmerfeld. Eindrücke aus der Zeit
14.04.2015
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Fast 70 Prozent aller Wohnungen in Dortmund waren 1945 unbewohnbar.© Foto: Stadtarchiv Dortmund
Die Zerstörungen hatten ein unvorstellbares Ausmaß: Blick auf das Alte Stadttheater - oder was davon übrig ist - und auf die Ruine der Petrikirche.© Foto: Stadtarchiv Dortmund
Der alte Hauptbahnhof 1945.© Foto: Stadtarchiv Dortmund
Der Eingang vom Wall ins Klinikviertel 1945. Außerhalb des Bildes links von den Trümmern steht heute der Bergmann-Kiosk am Wall.© Foto: Stadtarchiv Dortmund
Eine Riesin in Dortmund? Nein, eine Hochseiltänzerin nach dem Krieg über den Schutthaufen der Dortmunder City.© Foto: Stadtarchiv Dortmund
Ein alliierter Kranken-Jeep 1945 in Dortmund.© Foto: Stadtarchiv Dortmund
Die Betenstraße mit dem Alten Stadthaus, nachdem die Trümmer geräumt wurden.© Bild Stadtarchiv
Trümmer und eine zerstörte Straßenbahn vor dem Turm von St. Reinoldi.© Bild Stadtarchiv
Die Kreuzung Hansastraße / Kampstraße in Trümmern.© Bild Stadtarchiv
Auf dem Westenhellweg blieb zwischen den Trümmern nur ein schmaler Trampelpfad.© Bild Stadtarchiv
Der Hansaplatz - gesäumt von Trümmern - mit dem Türmen von Reinoldi und Marien im Hintergrund.© Bild Stadtarchiv
Trümmer rund um Marienkirche (vorn) und St. Reinoldi.© RN-Archiv
Mit Kreide hinterließen die Bewohner ausgebombter Häuser ihre neuen Adressen.© Bild Stadtarchiv
Auch rund um den U-Turm gab es schwere Zerstörungen.© Bild Stadtarchiv
Ein Blick in die damals noch eng bebaute Betenstraße mit dem Alten Stadthaus - gesäumt von Trümmern.© Bild Stadtarchiv
Die Trümmerwüste zum Kriegsende nördlich der Kampstraße mit der Petrikirche.© Bild Stadtarchiv
Zu Kriegsende zwei Jahre später war die Verwüstung dann komplett. An der Kampstraße war kaum noch ein Haus übrig.© Bild Stadtarchiv
Trümmer rund um die Petrikirche.© RN-Archiv
Schwere Zerstörungen durch Bombenangriffe in Dorstfeld.© Bild H. Völker
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Fast 70 Prozent der Wohnungen gelten als unbewohnbar. Die Straßen sind nicht nur mit Trümmern bedeckt, sondern auch mit mehr als 11.000 Bombenkratern übersät. Die Kanalisation ist ebenso schwer getroffen wie die Gas- und Wasserversorgung

Überlegungen zur Verlegung der Stadt

Unter dem Eindruck der gewaltigen Zerstörung wird von den Engländern wie auch von einheimischen Bauexperten sogar überlegt, die Innenstadt an anderer Stelle neu aufzubauen. Ein Vorschlag, dem Ostrop heftig widerspricht. Am Ende gibt wohl den Ausschlag, dass unterirdische Versorgungsleitungen wie Kanäle, Gas- und Wasserleitungen für den Wiederaufbau genutzt werden konnten.

Tatsächlich dauerte es Jahre, die Trümmer zu beseitigen. Etwa ein Drittel war bis Ende 1950 geschafft. Denn die Dortmunder hatten noch ganz andere Sorgen, mussten ihr Überleben in Trümmern sichern. Lebensmittel und Brennmaterial waren knapp. Hunger und Not waren zeitweise größer als während des Krieges. Bis zum Wiederaufbau und zum Wirtschaftswunder der 50er-Jahre war es noch ein weiter Weg.

Der Alte Markt 1945 und 2015

Was für eine Leistung der Wiederaufbau war, zeigt sich erst, wenn man das Straßenbild Dortmunds 1945 mit dem von 2015 direkt nebeneinander legt - etwa am Alten Markt. Bewegen Sie die Trennlinie in der Mitte des Bildes, um die beiden Zustände zu vergleichen:

 

 Damals | Heute

Bilder: Stadtarchiv Dortmund/Tilman Abegg / Programmierung: Nils Lindenstrauß

Der lange Weg zur Befreiung

Eine Woche lang dauerten die Kämpfe zur Befreiung Dortmunds, bis die Stadt vollständig erobert war. Wir haben das Kriegsende Dortmunds vor 70 Jahren in einem außergewöhnlichen Projekt begleitet - in Form eines historischen Livetickers. Wir erzählten die Geschehnisse vom 6. bis zum 14. April so nach, als würden sie gerade passieren. Herausgekommen sind faszinierende Tages-Chroniken. Hier haben wir sie noch einmal gesammelt:

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