Was machen Geflüchtete, um sich in die Gesellschaft zu integrieren? Und wie helfen ihnen Verwaltung und Stadtgesellschaft dabei? Es gibt Fortschritte - und immer noch Probleme.

Dortmund

, 17.09.2019, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Am Anfang steht eine Schulung: In Dortmund gibt es seit 2017 eine zentrale Test- und Meldestelle für die Zuweisung zu Integrationskursen. Der übliche Ablauf: Nach einem Einstufungstest bekommen die Geflüchteten einen passenden Integrationskurs angeboten. Dafür gibt es in Dortmund 26 Anbieter.

Der Integrationskurs läuft über 600 Unterrichtseinheiten. Dazu gibt es diverse Spezialkurse, etwa für Eltern, Jugendliche oder Frauen. Jedoch: Die hier erworbenen Sprachkenntnisse reichen für eine Anstellung, eine Ausbildung oder ein Studium nicht aus.

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So läuft es mit Sprachkursen:

Deshalb setzen hier die Deutschsprachkurse an. Mitarbeiter des Jobcenters suchen gemeinsam mit Personal der Träger der sogenannten nationalen berufsbezogenen Deutschsprachförderung (DeuFö) nach dem passenden Angebot für jeden Geflüchteten. Berufsziele, Bewerbungstrainings und praktische Erfahrungen durch Praktika sind Teil der Kurse.

Sprachkurse werden in Dortmund von 12 Trägern angeboten. Die Qualität überwachen das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), das Jobcenter Dortmund und die Träger.

Stadtsprecherin Katrin Pinetzki sagt zur Gesamtsituation: „Zurzeit übersteigt das Angebot an Kursen die Nachfrage.“ Bedarf bestehe an Angeboten für Zugewanderte aus sicheren Herkunftsländern mit ungesichertem Aufenthaltsstatus. Und an Kursen mit Kinderbetreuung.

Dafür aber müssen fachliche und räumliche Voraussetzungen vorliegen, die viele Anbieter nicht erfüllen können.

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Hier erhalten Geflüchtete Unterstützung:

Unter dem Titel „Lokal willkommen“ gibt es mittlerweile fünf feste Anlaufstellen für Gefüchtete in allen Teilen der Stadt. 2016 sind Büros in Brackel/Aplerbeck, Mengede/Huckarde, Hörde/Hombruch, Eving/Scharnhorst und Lütgendortmund eröffnet worden. In den Bezirken Innenstadt-West und -Ost sind neue Standorte geplant. „Die existentielle Grundversorgung und das Ankommen der Menschen mit Fluchthintergrund sind in Dortmund gelungen, ebenso der Aufbau tragfähiger Strukturen“, meint Pinetzki.

In der Arbeit der Büros geht es um die Vermittlung von Hilfe, damit die Menschen an ihrem Wohnort Fuß fassen. Seit Oktober 2016 gab es über 11.000 Kontakte zu rund 1000 Haushalten. „Das belegt, dass ,Lokal Willkommen‘ sowohl von Flüchtlingen als auch von Netzwerkpartnern und ehrenamtlich Tätigen angenommen wird“, findet die Stadtsprecherin.

Aktuell leben in Dortmund rund 9000 Flüchtlinge in eigenen Wohnungen, rund 1500 nutzen Wohnungen, die von der Stadt über das sogenannte Wohnraumvorhalteprogramm zur Verfügung gestellt werden. In den sechs noch verbliebenen Übergangsheimen leben knapp 600 Menschen.

Das sind Hindernisse für die Integration:

Es gibt eine Reihe von Hindernissen, die die Integration von Flüchtlingen in die Stadtgesellschaft erschweren. Dazu zählen vor allem gesetzliche Regelungen, die wiederum außerhalb des Einflussbereichs der Kommune liegen.

Besonders großen Bedarf gibt es beim Spracherwerb und bei Freizeitaktivitäten. „Für viele Unterstützung suchende Menschen ist ohne entsprechende Vermittlung schwer, geeignete Angebote zu finden“, sagt Katrin Pinetzki.

Nahid Farshi, Mitarbeiterin bei Lokal Willkommen und im Projekt Ankommen, ist seit Beginn der Fluchtbewegung 2015 in der ehrenamtlichen Arbeit engagiert. „Die Richtung stimmt“, sagt sie. Und beobachtet gleichzeitig einen Rechtsruck in vielen Debatten. „Aber das führt eher dazu, dass mehr Ehrenamtliche bei uns helfen, die dann erst recht etwas tun wollen.“

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Das hat sich seit 2015 geändert:

Die Schwerpunkte bei den geflüchteten Menschen haben sich verlagert. Ging es in den ersten Jahren um Dinge wie Status und Wohnung, sind viele jetzt einige Schritte weiter. „Es geht um Bildung und Arbeit, um Kita-Plätze, um Dinge wie Führerschein oder Steuererklärung“, sagt Nahid Farshi.

Viele Menschen sind nach vier Jahren angekommen. „Aber es sind nicht viele, die zu Selbstversorgern werden. Die häufigste Barriere ist die Sprache. Die Qualität der Kurse ist sehr unterschiedlich. Häufig passt es nicht und die Erfolgsquote ist nicht so hoch.“

Nahid Farshi geht deshalb davon aus, dass die Arbeit der professionellen und ehrenamtlichen Helfer noch „viele Jahre“ notwendig sein wird. „Wenn man möchte, dass unsere Gesellschaft in ein paar Jahren noch stabil ist, dann muss man diesen Minderheiten helfen, sich hier zu integrieren. Menschen, die sich nicht integrieren, werden automatisch Fehler machen, wenn sie die Gesetze und Prozesse nicht kennen. Und dann wird die Gesellschaft richtig Probleme bekommen.“

In Dortmund haben sich 2015 an vielen Orten sublokale Vereine und Gruppen gegründet, die zum größten Teil auch heute noch aktiv sind.

Aus losen Strukturen sind feste Netzwerke geworden. Sie erreichen einen großen Teil der Flüchtlinge - wenn auch nicht alle Zugewanderten. Aus Sicht der Stadt Dortmund stimmt vor allem eine Erkenntnis optimistisch:

„Der größte Teil der Unterstützung suchenden Menschen sind hoch motiviert, schnell in den Arbeitsmarkt eingegliedert zu werden oder an Bildungs-, Sport,- oder Kulturangeboten teilzuhaben. Ein deutliches Indiz dafür, dass es ein Interesse daran gibt, in der Stadtgesellschaft Fuß zu fassen“, sagt Sprecherin Katrin Pinetzki.

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