Pro und Contra: Sollten Straßen mit NS-Bezug umbenannt werden?

Nationalsozialismus

In einem Wohngebiet im Dortmunder Süden heißen zehn Straßen bis heute so, wie die Nazis sie nannten. Wir diskutieren: Sollten diese Straßen umbenannt werden? Auch Sie können hier abstimmen!

von Marc Dominic Wernicke, Michael Nickel

Hombruch

, 11.03.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 2 min
Sollten Straßen mit Nazi-Namen umbenannt werden?

Die Straßen im Umfeld der Zillestraße wurden Ende der 1930er-Jahre nach deutschen Ortschaften im Sudetenland benannt. Die Nazis hatten die Tschechoslowakei zuvor zur Abtretung des Grenzgebiets gezwungen. © Marc Dominic Wernicke

Zehn Straßen eines Wohngebiets rund um die Zillestraße in Dortmund-Hombruch tragen Namen aus der NS-Zeit. Die Nazis tauften sie nach Städten im Sudetenland, nachdem sie die Tschechoslowakei im Herbst 1938 zur Abtretung dieses mehrheitlich von Deutschen bewohnten Grenzgebietes gezwungen hatten.

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Sollten diese Straßen umbenannt werden? Diese Frage wurde von unseren Lesern stark diskutiert. Zwei Meinungen aus der Redaktion.

Ja, die Straßen sollten umbenannt werden

Von Marc Dominic Wernicke

Ein Gedankenspiel: Stellen wir uns eine alternative Welt vor, in der der Gefreite Adolf Hitler 1918 im Weltkrieg gefallen wäre.

20 Jahre später wäre Deutschland womöglich noch eine Demokratie gewesen und die populäre Idee eines gesamtdeutschen Staates würde, etwa in Österreich und im Sudetenland, öffentlich diskutiert und von Regierungen ausverhandelt.

Im Jahr 2020 einer solchen Welt wäre es wohl kein Problem, dass in einem Hombrucher Wohngebiet zehn Straßen nach sudetendeutschen Städten benannt sind.

Sollten Straßen mit Nazi-Namen umbenannt werden?

Die Wohnungen im Umfeld der Zillestraße wurden 1939 als Teil der sogenannten „Rudolf-Heß-Siedlung“ gebaut. Mit kleinen Gärten, Erkern und Wandbildern, die es heute nicht mehr gibt, wollten die Nationalsozialisten hier eine völkische Mustersiedlung erschaffen. © Marc D. Wernicke

Doch wir leben in einer anderen Welt, in der der Gefreite Hitler zum Diktator wurde. Das Sudetenland presste er der Prager Regierung mit Kriegsdrohungen ab. Wenige Monate später wurde die sogenannte „Rest-Tschechei“ vom Deutschen Reich überfallen und abgeschafft.

Dies einfach zu ignorieren oder unter der Worthülse der Political Correctness abzutun, ist falsch. Die Debatte um eine Umbenennung ist notwendig, denn diese Namen sind kein naives Versehen und auch keine harmlose Würdigung sudetendeutscher Kulturgeschichte. Sie wurden von den Nazis ganz bewusst gewählt, um den jüngsten Triumph ihrer Expansionspolitik zu feiern.

Aus diesem Grund eignen sich die Straßennamen auch nicht, um der Sudetendeutschen zu gedenken, die ihre Heimat nach dem Krieg verloren haben – letztlich als Konsequenz dieser Expansionspolitik.

Nun kann man sich gewiss über die Verhältnismäßigkeit des bürokratischen Aufwands streiten. Ob der schwerer wiegt, als die Last der Geschichte, muss jede Generation selbst entscheiden. Ich finde jedenfalls, dass derart klar belastete Straßennamen in dieser Zeit keinen Platz mehr haben.

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In einem Wohngebiet im Dortmunder Süden heißen zehn Straßen bis heute so, wie die Nazis sie nannten. Sollte man sie umbenennen?
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Nein, alles soll so bleiben, wie es ist

Von Michael Nickel

Krankenversicherung, Autoversicherung, Haftpflichtversicherung, Bank, Arbeitgeber, vielleicht auch noch die Schule der Kinder, Internetanbieter, Internetversandhäuser.

Das sind nur ein paar Stellen, die Ihre Adresse brauchen, um Ihnen Rechnungen oder schöne Sachen oder beides gleichzeitig schicken zu können.

Wer schon mal umgezogen ist, hat vermutlich viel Lebenszeit darauf verschwendet, seine neue Adresse via Telefon, Mail oder Brief mitzuteilen. Und genau so etwas stünde Hunderten Bewohnern der sogenannten Rudolf-Heß-Siedlung bevor, wenn die Stadt Dortmund alle Straßen ohne jegliche Notwendigkeit umbenennen sollte.

Warum sollte sie das auch tun?

Die Straßen tragen Namen von Städten, die heute fröhlich und frei vor sich hin existieren. Wenn man jedes kleine Stückchen Historie unter der Lupe der Kleinlichkeit auseinanderzupft, findet man vermutlich in jeder fünften Dortmunder Straße etwas, das eine Umbenennung erforderlich machte.

Hier ist einfach keine Umbenennung erforderlich. Gut, wenn heute jemand auf die Idee käme, eine neue Straße „Deutsch-Südwest-Afrika-Weg“ zu nennen, sollte man denjenigen vielleicht von einem Blick ins Geschichtsbuch überzeugen.

Lasst also bitte alles beim Alten und schaut nach vorn!

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