Sorgen um die Rente: Wie die Verbraucherzentrale jungen Dortmundern Mut macht

mlzAltersvorsorgeberatung

Geht es um die Altersvorsorge, verschließen junge Menschen gerne die Augen. Auch der Dortmunderin Silvia Schrader (34) ging es so. Ein Beratungsangebot lichtete den befürchteten Irrgarten.

Dortmund

, 24.03.2019, 04:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Am Ende liegen viele Zettel auf dem Tisch. Formulare, Ausdrucke und Mitschriften, dazu ein aufgeklapptes Notebook und ein Taschenrechner. Ein kleines Chaos. Doch es stimmt zuversichtlich.

Das Gesicht von Silvia Schrader (Nachname auf Wunsch geändert) sieht nach anfänglichem Stirnrunzeln deutlich entspannter aus. Die 34-Jährige hat sich in der Verbraucherzentrale zu den Themen Geldanlage und Altersvorsorge beraten lassen. 90 Minuten dauert das Beratungsangebot, für das die junge Frau 170 Euro bezahlt.

Rente würde nicht mal für die Miete reichen

Finanzen. Nicht gerade Schraders Lieblingsthema. Doch seit sie weiß, dass in ihr ein kleiner Mensch heranwächst, begleitet es sie gedanklich wie ein dunkler Schatten. „Plötzlich mache ich mir Sorgen um die Zukunft“, sagt die Sachbearbeiterin, die im Sommer ihr erstes Kind erwartet.

Ein Blick auf ihre aktuelle Renteninformation zeigt: Die Sorgen sind berechtigt. „Laut Prognose bekomme ich später so wenig Rente, dass sie nicht einmal für die Miete reichen würde.“

Damit ist Silvia Schrader nicht allein. Schon heute gelten immer mehr Deutsche über 65 Jahren als arm oder armutsgefährdet. Frauen sind besonders betroffen, weil ihre Erwerbsbiografien häufiger unterbrochen sind und sie ihr ganzes Berufsleben lang weniger verdienen als Männer.

„Ein Mann ist keine Altersvorsorge“

„Ein Mann ist keine Altersvorsorge“, sagt Dana Rittig, Beraterin für Themen rund um Finanzen bei der Verbraucherzentrale NRW. „Am besten können sich Frauen vor Altersarmut schützen, indem sie ihre Absicherung möglichst früh in die eigenen Hände nehmen und sich von Staat und Partner unabhängig machen.“

Rittig rät zu regelmäßigem Sparen. „Auch kleine Beiträge können sich, wenn man früh anfängt, bis zum Rentenbeginn zu einer stattlichen Summe entwickeln.“

Das Beratungsgespräch in der Verbraucherzentrale beginnt mit einem Überblick über Schraders Finanzleben. Bereits zu Hause hat sie den heruntergeladenen Beratungsbogen ausgefüllt. „Das war schon ein bisschen gruselig. Immerhin habe ich mich da das erste Mal wirklich mit diesen ganzen Finanzdingen befasst“, sagt sie.

Beraterin Dana Rittig erläutert Silvia Schrader die Angaben auf der Renteninformation.

Beraterin Dana Rittig erläutert Silvia Schrader die Angaben auf der Renteninformation. © Christin Mols

Silvia Schrader ist 1984 geboren, hat lange studiert und ist 2014 ins Berufsleben eingestiegen. Neben dem Studium hat sie zwar als 450-Euro-Kraft bei Lidl und beim Pizzaservice gearbeitet, dabei aber kaum etwas in die Rentenkasse eingezahlt. Sie ist verheiratet.

Immer weniger Erwerbstätige finanzieren immer mehr Renten

Laut Schraders aktueller Renteninformation, nach der ihre Regelaltersrente am 1. Oktober 2051 beginnt, bekäme sie von der Deutschen Rentenversicherung eine monatliche Bruttorente von 537,47 Euro. Bei einer angenommen­en Renten­anpassung von einem oder zwei Prozent jährlich würde ihre monatliche Rente später 750 Euro bzw. 1050 Euro betragen.

Dass es nicht reicht, sich auf die gesetzliche Rente zu verlassen, weiß Silvia Schrader. Die Höhe der Renten wird in den kommenden Jahren weiter schrumpfen. Weil die Geburtenrate gesunken ist und weil dank des medizinischen Fortschritts auch die Lebenserwartung deutlich gestiegen ist, leben in Deutschland immer mehr ältere und immer weniger jüngere Menschen. Heißt: Immer weniger Erwerbstätige müssen künftig immer mehr Renten finanzieren.

Video
3 Fragen zum Thema Altersvorsorge an die Verbraucherzentrale
© Christin Mols

Schrader sorgt daher zusätzlich mit einer betrieblichen Altersvorsorge vor. Zudem hat sie einen Bausparvertrag mit einem Guthaben von gut 3500 Euro, den ihre Eltern für sie abgeschlossen haben, und ein Tagesgeldkonto, auf dem sie monatlich ein paar hundert Euro zurücklegt, auf das sie aber auch immer wieder mal zurückgreift.

Von der großen Produktauswahl im Finanzbereich erschlagen

„Unterm Strich“, sagt Beraterin Dana Rittig, „ist das noch zu wenig. Sie sollten definitiv eigenes Geld in die Hand nehmen, um ein Polster fürs Alter aufzubauen.“ In dem persönlichen Gespräch analysiert Rittig nicht nur Silvia Schraders persönliche Situation, ihre Wünsche und Ziele, sondern stellt auch verschiedene Möglichkeiten der Altersvorsorge vor und erarbeitet gemeinsam mit ihr ein Gesamtkonzept für die private Vorsorge.

Viele fühlen sich von der Produktauswahl im Finanzbereich erschlagen. „Aber es nützt nichts, den Kopf in den Sand zu stecken. In der Beratung helfe ich, den Dschungel an Angeboten zu lichten. Mein Ziel ist es, den Leuten das Handwerkszeug für eigene Entscheidungen mitzugeben“, erklärt Dana Rittig.

Die Verbraucherzentrale gibt dabei keine Empfehlungen, vielmehr informieren die Berater über die Produktvielfalt und helfen eine Strategie zu finden. Denn: „Altersvorsorge soll keine Angst machen“, sagt Rittig.

„Ich will doch aber auch jetzt leben und Spaß haben“

Sie empfiehlt Silvia Schrader als zusätzliche Vorsorge fürs Alter einen Mix aus privater Rente (beispielsweise die Riesterrente) und freier Vermögensbildung. Ein Beispiel dafür wäre etwa das Sparen mit sogenannten ETFs (Exchange-traded Funds), also Fonds, die einen Index nachbilden. „Sie haben noch gut 30 Jahre Zeit“, macht sie Schrader Mut. Ziel sollte es sein, als Rentner 75 bis 80 Prozent des letzten Nettoeinkommens zur Verfügung zu haben.

Die werdende Mutter ist skeptisch: „Ich will doch aber auch jetzt leben und Spaß haben.“ Rittig entgegnet, es sei eine Gratwanderung. Man solle nicht an Lebensqualität verlieren: „Die Mischung ist entscheidend.“

Finanzieller Ausblick ist für die werdende Mutter schwierig

Da Silvia Schrader, die aktuell einen befristeten Arbeitsvertrag hat, noch nicht weiß, wie es nach der Geburt ihrer Tochter weitergeht, empfiehlt die Beraterin ihr eine flexible Altersvorsorge, die anpassbar ist.

Grundsätzlich sagt Rittig aber, dass es nicht die Frau sein sollte, die ihre Beiträge zur privaten Vorsorge in Eltern- und Teilzeit reduziert. Denn: Verdient sie weniger Geld, weil sie mehr Zeit mit den Kindern verbringt, sei es nur gerecht, wenn ihr Mann die Beiträge aufrechterhält.

„Im Grunde ist das alles kein Hexenwerk“

„Puh, das ist schon viel Stoff“, sagt Silvia Schrader gegen Ende des Beratungsgesprächs. „Aber jetzt habe ich wenigstens mal eine Idee davon, was es für Möglichkeiten gibt. Im Grunde ist das alles kein Hexenwerk, das erkenne ich jetzt.“ „Ja, Altersvorsorge kann auch Spaß machen“, sagt Rittig mit einem Augenzwinkern.

Schrader zeigt sich zuversichtlich: „Ich habe jetzt das Handwerkszeug, um auf Augenhöhe mit den Anbietern zu sprechen. Ich hatte ja schon einmal ein Beratungsgespräch bei einer Bank und habe mich dort völlig unter den Tisch gequatscht gefühlt. Beim nächsten Mal bin ich besser vorbereitet.“

Silvia Schrader verlässt das Büro der Verbraucherzentrale mit vielen Hausaufgaben. Sie soll ein Haushaltsbuch führen, um ihre Ausgaben besser im Blick zu haben und zu ermitteln, wie viel Geld sie monatlich sparen kann. Sie soll sich um die Kontenklärung bei der Deutschen Rentenversicherung kümmern und natürlich die von Dana Rittig genannten Optionen mit ihrem Mann besprechen.

So steht es auch in der schriftlichen Zusammenfassung der Beraterin.

ALTERSVORSORGEBERATUNG UND GELDANLAGE-BERATUNG BEI DER VERBRAUCHERZENTRALE NRW

  • Die persönliche Beratung dauert bis zu 90 Minuten. Sie kostet 170 Euro. Eine vorherige Terminvereinbarung ist erforderlich.
  • Ein Termin kann direkt in der Beratungsstelle Dortmund, Reinoldistraße 7-9, oder über die Homepage der Verbraucherzentrale vereinbart werden.
  • Zur Vorbereitung auf den Termin wird zu Hause ein Beratungsbogen ausgefüllt und zum Beratungsgespräch mitgebracht. Den Beratungsbogen kann man online selbst herunterladen oder bei der Terminvereinbarung in der Beratungsstelle erhalten.
Schlagworte:
Lesen Sie jetzt