Krasses Versagen attestiert unser Autor der Stadt Dortmund bei der Personalplanung. © Foto: Menne, Graphik: Dittgen
Meinung

Stadtverwaltung Dortmund verschleudert mit unterirdischem Personalmanagement Millionen

Die Corona-Zeiten wolle man nutzen, um Resturlaub und Überstunden abzubauen. Das versprach die Stadt im Frühjahr 2020. Das Gegenteil trat ein. Unser Autor hält das für krasses Versagen.

Können Sie sich vorstellen, dass ein privates Unternehmen mit gut 10.000 Mitarbeitern so viel Resturlaub und Überstunden anhäuft, dass 416 Menschen ein ganzes Jahr lang nicht mehr zur Arbeit erscheinen müssen? Ich kann es nicht.

Können Sie sich vorstellen, dass die Eigentümer einer Firma mit einem derart miesen Personalmanagement den Geschäftsführer auch nur einen Tag länger auf seinem Posten beließen? Auch das kann ich nicht.

Stadt Dortmund agiert wie in der Toyota-Werbung

Bei einem privaten Unternehmen wäre so etwas unvorstellbar. Da gilt nahezu ausnahmslos die Regel, dass Urlaub bis zum Jahresende genommen werden muss.

Spätestens drei Monate später ist endgültig Schluss. Bei der Stadt Dortmund dagegen regiert der alte Toyota-Slogan: Nichts ist unmöglich. Es ist unfassbar, was sich die Stadtverwaltung hier geleistet hat.

Seit Jahren schiebt die Stadt einen Urlaubs- und Überstundenberg vor sich her. Schon das beweist schlechtes Organisations- und Durchsetzungsvermögen der Führungsebenen.

Was aber im Corona-Jahr 2020 weiter an Urlaubs- und Überstundentagen auf den Berg geschaufelt wurde, übertrifft alles Bisherige. 404 zusätzliche Stellen geschaffen und trotzdem so viele zusätzliche Resturlaubs- und Überstunden-Tage gesammelt, dass 55 Arbeitsjahre zusammenkamen – da verschlägt es einem die Sprache.

Weite Teile der Stadt lagen im Dornröschen-Schlaf

Ja, im Gesundheitsamt wurden zusätzliche Menschen gebraucht, um Kontakte nachzuverfolgen. Und das Ordnungsamt musste Corona-Auflagen kontrollieren.

Das sind neue Aufgaben, die Arbeitskräfte binden. Was aber steht dagegen? Für die Ordnungsamts-Mitarbeiter fielen beispielsweise zahlreiche Aufgaben weg, etwa bei Veranstaltungen, Demos, Festen. Die gab es ja praktisch nicht. Selbst Weihnachtsmärkte, Laternen- und Nikolausumzüge, Gemeinde-, Kleingarten- und Schützenfeste musste niemand absichern und kontrollieren.

Zudem waren Kitas und Bibliotheken monatelang nur im Notbetrieb, Museen, Theater, Konzerthäuser, Frei- und Hallenbäder waren ebenso geschlossen wie viele andere Einrichtungen.

Auch die Bürgerdienste schlossen ihre Türen und waren nur noch in Notfällen da. Der Personal-Pool, der für die üblichen Aufgaben nicht benötigt wurde, war sehr, sehr groß. Damit hätte man den Mehrbedarf im Gesundheitsamt gleich mehrfach abdecken können.

Die hilflos wirkende Argumentation der Stadt

Blicken wir an dieser Stelle auf die beiden Beispiele, die die Stadt als Argumente für die Flexibilität ihres Personals und den vorhandenen großen Personalbedarf anführt: 48 Erzieherinnen und Erzieher, die aus gesundheitlichen Gründen keinen Kontakt zu Kindern haben durften, hätten bei der Kontaktnachverfolgung im Gesundheitsamt ausgeholfen. Das ist vorbildlich.

Was aber ist mit den andern 442 Kita-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die mit einem ärztlichen Attest ebenfalls nicht in die Kita durften? Über diese 90,2 Prozent der nicht in der Kita einsetzbaren Angestellten schweigt die Stadt.

Und dann muss die Stadt schon argumentativ auf die 17 Mitarbeiter des Bäderbetriebs und die 5 aus dem U-Turm zurückgreifen, die beim Transport von älteren Menschen zum Impfzentrum und beim Ausfüllen der Unterlagen von Impfwilligen geholfen hätten.

Auch das ist ehrenwert, aber diese Aufgaben fielen erst 2021 an, denn erst dann öffneten die Impfzentren. Sie können also in keiner Weise im Jahr 2020 neu angehäufte Urlaubs- und Überstundenberge entschuldigen.

So agierten private Firmen

Die Beispiele zeigen die ganze Hilflosigkeit der städtischen Argumentation. Sie versuchen zu erklären, was nicht zu erklären ist. Aus den bisherigen Stellungnahmen der Stadt kann ich nicht einen einzigen Grund erkennen, der dieses Urlaubs-Desaster erklären würde.

Um auf den Vergleich mit privaten Unternehmen zurückzukommen: Als die Corona-Krise ausbrach und in einer Firma viele Mitarbeiter nicht mehr gebraucht wurden, was geschah da? Zunächst einmal wurden „alte“ Urlaubstage und Überstunden abgefeiert, anschließend ging es dann auch an den neuen Urlaub.

Urlaub zu nehmen, war 2020 wenig attraktiv

Natürlich gefiel den Beschäftigten das nicht immer. Viele wollten plötzlich gar keinen Urlaub mehr nehmen – schließlich konnte man ja nichts unternehmen.

Monatelang waren Reisen und Freizeitangebote genauso unmöglich wie ein Restaurantbesuch oder ein Gang ins Schwimmbad. Da kann man doch besser arbeiten und sich freie Tage für bessere Zeiten aufsparen.

Aus Arbeitnehmersicht ist das verständlich, aus Arbeitgebersicht allerdings ein Ding der Unmöglichkeit. Arbeitgeber hätten ihren Mitarbeitern den Abbau von Überstunden und (altem) Urlaub notfalls zwangsweise verordnen müssen. Und das hätte auch die Stadt Dortmund so machen müssen.

Die Rolle des Kommunalwahlkampfs

Aber mit solch klaren Ansagen macht man sich keine Freunde. Da ist es einfacher, jedem Streit aus dem Weg zu gehen, und einen weiteren Tag auf den anderen, ein Jahr auf das nächste zu packen.

Das umso mehr, als im Herbst Kommunalwahlen anstanden. Da will es sich ein Oberbürgermeister natürlich nicht mit Tausenden Wählerinnen und Wählern, deren Chef er ist, verscherzen.

Auch das mag menschlich nachvollziehbar sein, gleichwohl ist es inakzeptabel, denn: Die Kosten für dieses unterirdische Verhalten zahlen die Menschen unserer Stadt. Sie sind die Eigentümer des „Unternehmens Stadtverwaltung“, deren Chefs im Corona-Jahr 2020 so das ihnen nicht gehörende Geld zum Fenster hinausgeworfen haben. Zu kontrollieren hat das der Rat und der ist jetzt am Zug.

„Dortmund überrascht“ lautet ein Werbeslogan. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber die Stadt Dortmund hat mich in der Tat wieder einmal überrascht. Für sie gilt: Schlimmer geht immer.

Über den Autor
Redakteur
Ulrich Breulmann, Jahrgang 1962, ist Diplom-Theologe. Nach seinem Volontariat arbeitete er zunächst sechseinhalb Jahre in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten, bevor er als Redaktionsleiter in verschiedenen Städten des Münsterlandes und in Dortmund eingesetzt war. Seit Dezember 2019 ist er als Investigativ-Reporter im Einsatz.
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