Stasi-Agenten: Wir zeigen die Inoffiziellen Mitarbeiter, die in Dortmund spionierten

mlzStasi in Dortmund

Ermittler, Objektquellen, Werber: Im Jahr 1989 lassen sich in Dortmund insgesamt 18 Stasi-Agenten nachweisen. Über die meisten sind nur wenige Akten erhalten geblieben. Wir stellen sie vor.

von Helmut Müller-Enbergs

Dortmund

, 18.02.2020, 11:39 Uhr / Lesedauer: 5 min

Ende der 80er Jahre spionierten rund 3000 Bundesbürger für die DDR. Mit einem großen Netz aus West-IM (Inoffiziellen MItarbeitern) wollte die Staatssicherheit die DDR stärken. Indem sie unter anderem Industriespionage für die eigene Wirtschaft betrieb, aber auch militärische Kräfte und Truppenbewegungen des Gegners ausspähte. 18 DDR-Agenten, die in den 80er Jahren in Dortmund operierten, sind im Nachlass der Stasi zu finden.

Besonders ausgebildete Abschöpfquellen

Zwei A-Quellen in Dortmund sind gezielt von der HV A in den Westen übergesiedelt worden. Sie zählen somit zu den fünf Prozent, die speziell dafür ausgebildet wurden. Eine dieser A-Quellen war die gelernte Diplom-Chemikerin aus Annahütte, „Anna Klinger“, geboren 1952, die zweitweilig bei der Akademie der Wissenschaften der DDR gearbeitet hatte, bis sie von der HV A (Hauptverwaltung Aufklärung) nach Dortmund übergesiedelt wurde. Auf sie gehen in den Jahren von 1979 an bis 1989 insgesamt sechsundsiebzig Informationen zurück, die ihren Schwerpunkt im wissenschaftstechnischen Bereich haben.

Diese Rosenholz-Karteikarte aus den Archiven der Stasi beweist, dass es die IM Anne Klinger gab. Wer den Klarnamen erfahren will, braucht eine zweite Karte, die in den meisten Fällen über die Registriernummer zu finden ist. Wir nennen den Klarnamen an dieser Stelle nicht.

Diese Rosenholz-Karteikarte aus den Archiven der Stasi beweist, dass es die IM Anne Klinger gab. Wer den Klarnamen erfahren will, braucht eine zweite Karte, die in den meisten Fällen über die Registriernummer zu finden ist. Wir nennen den Klarnamen an dieser Stelle nicht. © BStU

Nachrichtendienstlich betrachtet stellt der Nachrichtentechniker „Holger Rum“, geboren 1958, ein richtiges Schwergewicht dar. Denn er wurde von der HV A ausgebildet und in Dortmund abgesetzt, um professionell Informationen zu beschaffen. Als er 21 Jahre alt war, wurde die Kreisdienstelle Saalfeld des MfS auf den gebürtigen Saalfelder im Jahre 1979 aufmerksam. Er hatte einen gescheiterten Fluchtversuch hinter sich, war deshalb kurzzeitig inhaftiert.

Offizier Peter Faltis von dieser Dienstelle verpflichtete ihn zur inoffiziellen Kooperation. Die Saalfelder bildeten ihn aus und siedelten ihn im Laufe des Jahres 1980 in den Westen über.

Diese Rosenholz-Karteikarte aus den Archiven der Stasi beweist, dass es den IM Holger Rum gab. Wer den Klarnamen erfahren will, braucht eine zweite Karte, die in den meisten Fällen über die Registriernummer zu finden ist. Wir nennen den Klarnamen an dieser Stelle nicht.

Diese Rosenholz-Karteikarte aus den Archiven der Stasi beweist, dass es den IM Holger Rum gab. Wer den Klarnamen erfahren will, braucht eine zweite Karte, die in den meisten Fällen über die Registriernummer zu finden ist. Wir nennen den Klarnamen an dieser Stelle nicht. © BStU

Nach einer Eingewöhnungszeit arbeitete „Holger Rum“ als Monteur bei einer Firma nahe Dortmund. Das Unternehmen bot schlüsselfertige industrielle Video- und Sicherheits-und Bildverarbeitungssysteme für verschiedene Anwendungen in der Stahlindustrie, Kraftwerken, Logistik- und Transportunternehmen und der Polizei an. Aus diesem „nachrichtendienstlichen Leckerland“ beschaffte er Kameras, Nebel- und Wärmebildkameras, Informationen zur Leiterplattenentwicklung beim Personalcomputer IBM-AT oder zum Kartenlessystem.

Ermittler für Personendossiers

Noch Ende der 1980er Jahre war die Kommunikationstechnik nicht so entwickelt, dass es wie heute möglich war, von einem beliebigen Ort aus Informationen zu beschaffen. Es brauchte dafür Ermittler, die gezielt Personendossiers vor Ort recherchierten. Mit den IM „Fischbach“, „Wolf“ und „Regina“ verfügte die HV A über insgesamt drei solcher Ermittler in Dortmund.

Diese Rosenholz-Karteikarte aus den Archiven der Stasi beweist, dass es die IM Elle gab. Wer den Klarnamen erfahren will, braucht eine zweite Karte, die in den meisten Fällen über die Registriernummer zu finden ist. Wir nennen den Klarnamen an dieser Stelle nicht.

Diese Rosenholz-Karteikarte aus den Archiven der Stasi beweist, dass es die IM Elle gab. Wer den Klarnamen erfahren will, braucht eine zweite Karte, die in den meisten Fällen über die Registriernummer zu finden ist. Wir nennen den Klarnamen an dieser Stelle nicht. © BStU

Die Maschinenbauzeichnerin „Elle“, geboren 1958, gebürtig aus Krauthausen, war einige Jahre als Werberin eingesetzt worden, bevor sie zuletzt als Ermittlerin zum Zuge kam. Sie war in der DDR aus politischen Motivationen für die HV A rekrutiert worden. Über ihre Beschaffungsaufträge ist ebenso wenig bekannt wie bei ihrem Mann, dem Steuerfachgehilfen „Fischbach“, geboren 1952, der ebenfalls in Krauthausen geboren ist. Er kooperierte nicht aus Überzeugung, sondern aus „persönlicher Zuneigung zur Bezugsperson“.

Video - Geheimdienst-Experte Helmut Müller-Enbergs über die moralische Schuld von West-Spionen:

Führungs-IM „Bernd“

Inoffizielle Mitarbeiter brauchten Führung durch die HV A. Meist erfolgte die Anleitung durch einen Instrukteur oder einen Werber, der aus der DDR über verschlungene Wege zur Quelle anreiste, sich mit ihr traf, austauschte, und wieder auf anderem Wege zurückfuhr. Es konnte jedoch, wenn die Bedeutung der Quelle das ratsam erscheinen ließ, in dessen Nähe, vielleicht im Nachbarort, ein Resident oder ein Führungs-IM wohnen. Er nahmn dann die Materialien der Quelle in Empfang und sorgte dafür, dass sie in die DDR gelangten.

Diese Rosenholz-Karteikarte aus den Archiven der Stasi beweist, dass es den IM Bernd gab. Wer den Klarnamen erfahren will, braucht eine zweite Karte, die in den meisten Fällen über die Registriernummer zu finden ist. Wir nennen den Klarnamen an dieser Stelle nicht.

Diese Rosenholz-Karteikarte aus den Archiven der Stasi beweist, dass es den IM Bernd gab. Wer den Klarnamen erfahren will, braucht eine zweite Karte, die in den meisten Fällen über die Registriernummer zu finden ist. Wir nennen den Klarnamen an dieser Stelle nicht. © BStU

Soweit das Grundmodell. Doch real gab es dazu Variationen. Und ausgerechnet so einen Fall stellte der Führungs-IM „Bernd“, geboren 1955, dar. Er lebte als Ingenieur in Dortmund-Schüren. Er war ursprünglich für die nordamerikanische Linie der HV A vorgesehen, weshalb er von der dafür zuständigen Diensteinheit HV A IX/1 verzeichnet worden ist. Als Führungs-IM hatte er gleichfalls einen IM anzuleiten, wobei es sich um die nur zwei Jahre jüngere Perspektiv-IM „Angela“, geboren 1957, handelt.

Während er in Dortmund arbeitete, war sie in West-Berlin als Sekretärin beim Landesvorstand der FDP tätig. So richtig auf Touren kam der Vorgang wohl nicht, denn die bis 1989 25 bei der HV A eingegangen Informationen bestanden zur Hälfte aus so genannten „Regimematerialien“, was lediglich Auskunft über die Abläufe in der Bundesrepublik gibt. Etwa, wie meldet man sich in einem Hotel an? Was ist erforderlich, um an einen Personalausweis zu gelangen? Geblieben ist von ihrer operativen Arbeit noch ein Spesenzettel aus dem Jahre 1985.

Objektquelle bei Siemens

Die drei Objektquellen der HV A in Dortmund waren noch nicht lange im operativen Geschäft. Der Verwaltungsangestellte bei Siemens, „Busch“ (geboren 1946), hatte unter ihnen mit Abstand die geringste Erfahrung, denn er war erst seit Oktober 1988 dabei. Der von der Abteilung XV der Bezirksverwaltung Halle angelegte Vorgang trieb erst langsam Früchte.

Im Dezember 1988 lieferte er einen Auszug der Tabelle „Table of Denial Orders“, die die amerikanischen Exportbeschränkungen betraf. 1989 erreichten zwei größere Lieferungen von „Busch“ die HV A. In der ersten ging es um Text- und Datennetzbausteine mit dem Projektierungshandbuch sowie Produktinformationen über Kommunikationssysteme, messtechnische Geräte und elektronische Messtechnik. Bei der zweiten Lieferung stand ein speicherprogrammierbares Automatisierungsgerät ebenso im Mittelpunkt wie ein digitales elektronisches Wählsystem.

In der Summe zehn Informationen, mithin ein Vorgang, der noch einiges hätte erwarten lassen, wenn der Abnehmer nicht insolvent gegangen wäre.

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An den Forschungsergebnissen, die am Lehrstuhl für Hochfrequenztechnik an der Universität Dortmund entwickelt wurden, hatte die HV A ein operatives Interesse. Das sollten ab 1983 die Objektquellen „Wieland“ stillen. Der Physiker „Wieland“, geboren 1941, wurde am 3. November 1983 von der Abteilung XV der Bezirksverwaltung Gera des MfS als „Zaunkönig“ verzeichnet. Er lernte in Dortmund eine Frau aus der DDR kennen, der gegenüber er eine „persönliche Zuneigung“ empfunden haben mag. Das gab der HV A Veranlassung, ihn als Objektquelle „Wieland“ zu verzeichnen.

Der Vorgang erhielt durch den KGB eine besondere Einfärbung. Die Verbindung zu „Wieland“ unterhielt – der ihr zugeneigte – Instrukteur „Sander“, der wiederum zu einem Präsent an den KGB aufstieg. Denn der Leiter des KGB im Bezirk Gera, Oberst Juri Goergiewski, hatte bei einer der regelmäßigen Begegnungen mit den leitenden Kadern der HV A in Gera konkrete Unterstützungsmaßnahmen verabredet. Darunter fiel auch „Sander“, der an den KGB „ausgeliehen“ wurde. Mithin hatte fortan auch der KGB ein Auge auf „Wieland“ geworfen.

Werber in der Sackfabrik

Werber „Wolf“, geboren 1945, war kaufmännischer Angestellter bei der 1890 gegründeten Sackfabrik Otto Sticht, ein Unternehmen, das heute in vierter Generation geführt wird. Seine Werbung soll 1982 in der DDR auf politischer und materieller Grundlage erfolgt sein.

Als operativer Schwerpunkt wird ihm die untere Ebene der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) zugewiesen. Mit Blick auf seine Arbeitsakte, von der nur eine angelegt worden ist, werden nicht allzu viele Informationen von ihm bei der HV A eingetroffen sein. Die entsprechende Datenbank zählt neununddreißig Einträge.

Diese Rosenholz-Karteikarte aus den Archiven der Stasi beweist, dass es den IM Wolff gab. Wer den Klarnamen erfahren will, braucht eine zweite Karte, die in den meisten Fällen über die Registriernummer zu finden ist. Wir nennen den Klarnamen an dieser Stelle nicht.

Diese Rosenholz-Karteikarte aus den Archiven der Stasi beweist, dass es den IM Wolff gab. Wer den Klarnamen erfahren will, braucht eine zweite Karte, die in den meisten Fällen über die Registriernummer zu finden ist. Wir nennen den Klarnamen an dieser Stelle nicht. © BStU

„Wolf“ gilt der HV A als „zuverlässig“ – und bediente verschiedene Arbeitsfelder. Auf wissenschaftlichen-technischem Gebiet geht es in den Jahren von 1985 an bis 1988 wiederholt um Muster von Neopren-Planen, die geeignet sein könnten, wie die HV A findet, den Panzer Leopard 2 abzudecken. Das Muster wurde dem VEB Kombinat Technische Textilien in Karl-Marx-Stadt überlassen. „Wolfs“ Hauptthema aber war wohl die rechtsextremistische Szene in Dortmund.

Auffallend ist der häufig genannte, nicht näher spezifizierte Vorgang „Wektor“ wie auch Hinweise auf einen V-Mann aus Hamburg. Etwa im Sommer 1988 scheint sich der Vorgang „Wolf“ erschöpft zu haben, denn spätere Nachrichten sind von ihm nicht mehr verzeichnet.

„Wippe“ (geboren 1955) wird als Werber I und als angestellte Geschäftsführerin ausgewiesen, mit dem operativen Schwerpunkt Naturfreundejugend sowie SPD-Landes- und –Bezirksverbände. „Wippe“ hätte über einen IM aus der DDR Kontakt zur HV A erhalten, sei in der DDR auf „ideologischer Basis“ geworben worden. Sie beherrsche die englische wie arabische Sprache und sei „zuverlässig“. Von ihr findet sich alleine ein Bericht vom August 1985 über einen V-Mann des Landesamtes für Verfassungsschutz NRW, der für einen Agent Provokateur gehalten wurde.

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IM „Kochmann“ gehört zu den sehr wenigen, dessen Berichte tatsächlich auch in Analysen für die SED-Führung eingeflossen sind. So wurde diese im Laufe des Jahres in drei Fällen zur Taktik und den Chancen der SPD für die Bundestagswahl am 2. Oktober 1976 unterrichtet.

Auffallend sind ebenfalls die intimen Kenntnisse „Kochmanns“ bei den Vorbereitungen der Gespräche von Bundeskanzler Willy Brandt und dem Vorsitzenden des Ministerrates der DDR, Willy Stoph, die am 21. Mai 1970 stattfinden.

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