Streitbare Kunst, die die Welt erobert hat, ist im Unionviertel zu sehen

Street Art im Unionviertel

Von der illegalen Szene in die Galerien der Welt: Street Art hat ihren Ursprung in der Welt der Sprayer. Einen Rundgang zur „Kunst im öffentlichen Raum“ gibt es regelmäßig im Unionviertel.

Unionviertel

, 19.03.2019, 15:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Daniela Berkemeier vor einem Werk des brasilianischen Künstlers Claudio Ethos an der Humboldtstraße.

Daniela Berkemeier vor einem Werk des brasilianischen Künstlers Claudio Ethos an der Humboldtstraße. © Johannes Franz

Nur Schmierereien? Vandalismus? Überall im Unionviertel sind sie zu finden, die „Tags“. Signaturen, die Sprayer an Hauswände sprühen. Für Hausbesitzer und Bewohner sind sie meist einfach nur ärgerlich. Und dennoch hat die Graffiti-Kultur in den vergangenen Jahren die Kunstszene nachhaltig beeinflusst. Ein kurzer Rundgang durch das Unionviertel mit Galeristin Daniela Berkemeier zeigt, wie fließend die Übergänge sind. Und die Galerie von Daniela Berkemeier ist es auch, über die diese Street Art, diese Straßenkunst, so verstärkt ins Unionviertel kommt.

Bereits im Eingang der 44309 Street Art Gallery an der Rheinischen Straße 16, die von Berkemeier und Olaf Ginzel geführt wird, ist ein Werk von Blek la Rat zu sehen. Der 1951 als Xavier Prou geborene Franzose gilt als Urvater der Stencil-Kunst, allerdings hat bereits vor ihm die Punk-Szene mit Matrizen (Stencils) ihre Graffiti zur vielfachen Verbreitung genutzt. Weltberühmt wurde diese Technik schließlich durch Banksy, dessen Werke schon aus Hauswänden herausgebrochen worden sind.

Von der „Schmiererei“ zur Werbe-Ikone

Auch Blek la Rat hat sich längst einen Namen gemacht. Vor allem durch eine Boss-Werbung, in der sein Sohn Alexandre zu sehen ist. „Alexandre hat bei uns mal ein Praktikum gemacht, ohne dass wir wussten, wer sein Vater ist“, berichtet Berkemeier, die die Street Art Gallery mit ihrem Mann Olaf Ginzel führt. Später sei es dann zu einem Treffen in Dortmund gekommen. Seitdem prangt der „Beggar“ im Eingangsbereich. Auch das zur Werbe-Ikone gewordene Bild mit Alexandre Prou ist um die Ecke an der Humboldtstraße zu sehen, geschützt hinter Plexiglas.

Ebenfalls an der Humboldtstraße sind zwei Werke des Brasilianers Claudio Ethos zu sehen, die unterschiedlicher kaum sein können. Zum einen ein surreales Wandgemälde, zum anderen ein Graffiti, das sich nur Kennern erschließt und von vielen Betrachtern eben als „Wandschmiererei“ abgeurteilt wird. „Ein Pichação wie es für São Paulo, der Heimat von Ethos, typisch ist“, erklärt Daniela Berkemeier. „Dahinter verbirgt sich eine politische Botschaft.“ Für die Entschlüsselung fehlen aber auch ihr die Kenntnisse.

„Eine Subkultur, die sich weltweit durchgesetzt hat“

Auf der gegenüberliegenden Seite am Parkplatz prangt ein Bild der italienischen Street-Art-Künstlerin Alice Pasquini, die 2016 in Dortmund zu Gast war. „Werke von ihr sind auch in Little Italy in New York zu sehen“, so Berkemeier, die erst vor wenigen Tagen von einer Stippvisite in der Graffiti-Hochburg zurückgekehrt ist.

Die Galeristin legt übrigens großen Wert darauf, dass zwischen Urban Art oder Street Art und Graffiti deutlich unterschieden wird. Graffiti seien Ergebnisse einer Subkultur, die sich weltweit durchgesetzt hätten und immer noch präsent seien. „Damals spielte auch ziviler Ungehorsam eine wichtige Rolle“, so Daniela Berkemeier. Erst rund um das Jahr 2000 habe die Strömung die Kunstszene erreicht.

Auch die Sprayer-Szene hat sich verändert

Aber auch die Szene habe sich verändert, fährt Daniela Berkemeier fort. „Viele Sprayer haben zum Beispiel angefangen, ihre Tags zu gestalten. Aus der Schrift hat sich unglaublich viel ergeben.“ Schon bald seien bei vielen daraus eigene Kunstwerke mit hohem Wiedererkennungswert entstanden.

Daniela Berkemeier selbst weiß, dass Graffiti nicht bei jedem gut ankommen. „Im öffentlichen Raum ist das eine Grauzone. Manche mögen halt graue Wände lieber.“ Sie selbst bleibt aber fasziniert. Von dem, was daraus geworden ist. Aber eben auch von der Szene, die einst alles gestartet hat. „Es gibt Leute, die durch ihre Stadt gehen und sie förmlich lesen können.“

Für die Galeristin sind Tags auch ein Zeichen urbaner Kultur. „Wo nichts steht, ist kein Leben.“

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