Tagesmutter Claudia Engelberts ist Vorstandmitglied bei den Leuchtsternen – der Interessenvertretung der Dortmunder Tageseltern. © Oliver Schaper
Kinderbetreuung in Dortmund

Tageseltern schlagen Corona-Alarm: Hohes Ansteckungsrisiko, finanzielle Nöte

Angst vor Ansteckung, finanzielle Ausfälle, wenn eine Quarantäne nötig ist: Die Corona-Pandemie bringt Tageseltern in Dortmund in Nöte. Deren Interessenvertretung sieht zwei Hauptprobleme.

Mit dem Lockdown rückt neben Kontaktverboten und Geschäftsschließungen auch das Thema Kinderbetreuung wieder in den Fokus. Um das Infektionsgeschehen einzudämmen, sollen Eltern ihre Kinder wenn möglich nicht in die Einrichtungen schicken.

Neben Schulen und Kitas trifft diese Regelung auch die knapp 1000 Tageseltern in Dortmund. 3050 Plätze stellen sie zur Verfügung.

Nicht erst seit dem neuen Lockdown, sondern seit Beginn der Pandemie sei der Druck enorm hoch, sagt Claudia Engelberts. Sie ist Vorstandsmitglied bei den Leuchtsternen, der Interessengemeinschaft der Tageseltern in Dortmund.

Hohes Ansteckungsrisiko bei Arbeit mit Kleinkindern

„Ich erlebe die große Not vieler Kollegen“, sagt sie. Zwei Grundprobleme gebe es: Als Selbstständigen stehen Tageseltern bezahlt nur 20 Krankentage pro Jahr zu. Während einer Pandemie sei das unangemessen.

Zumal das Ansteckungsrisiko bei der Arbeit mit Kleinkindern hoch sei: „Wir arbeiten völlig ungeschützt“. Das „Damoklesschwert Erkrankung“ schwebe ständig über einem. „Bei jeglichen Symptomen müsste man zuhause bleiben, wie die Kinder. Da kommt man mit 20 Krankentagen nicht hin.“

Das zweite Problem: Rund um die Themen Symptome, Kontaktpersonen und Quarantäne gebe es große Unsicherheiten. Und die Entschädigungszahlungen für Quarantäne-bedingte Ausfallzeiten, für die der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) zuständig ist, lassen auf sich warten.

Entschädigungszahlungen für Quarantäne-Ausfälle

Diese Eindrücke bestätigen mehrere Tagesmütter, die uns ihre Erfahrungen während der Pandemie geschildert haben. Simone Heling arbeitet in Huckarde, Tanja Schmitz betreut Kinder in Holzen. Beide mussten schon in Quarantäne, beantragten die Entschädigung beim LWL – denn vom Jugendamt fließt kein Geld, wenn die Tagesmutter Quarantäne-bedingt nicht arbeiten kann.

Heling, bei der es um über 1000 Euro geht, stellte den Antrag im Oktober, Schmitz Ende August. Beide haben seitdem nichts vom LWL gehört.

Die Situation sei „ganz schwierig – es gibt große Existenzängste: Was ist, wenn man länger erkrankt, in Quarantäne muss? Wir warten auf ein festes Konzept, aber alle Auskünfte bleiben schwammig“, sagt Tanja Schmitz, die betont, sich bei ihrem Träger im Prinzip gut aufgehoben zu fühlen. Aber in der Sondersituation Corona würden Infos fehlen.

Viele Auflagen, große Verantwortung

„Der Spaß an meiner Arbeit ist mir im letzten halben Jahr vergangen. Die Auflagen, um die Kinder und uns zu schützen, sind enorm“, sagt sie. Dazu kommt die große Verantwortung, die man für die Familien der betreuten Kinder trage.

Was ist, wenn mal die Nase läuft? Darf das Kind bleiben, muss es nach Hause? „Man möchte niemanden vor den Kopf stoßen, aber auch der Verantwortung den anderen über gerecht werden.“

Das Ansteckungsrisiko schätzt auch Simone Heling hoch ein: Natürlich sei einem klar, „dass man sich mit gewissen Sachen schneller ansteckt“, wenn man den Beruf wähle. In einer Pandemie sei das aber noch anders zu bewerten. „Wenn ich danach gegangen wäre, mich jedes Mal krank zu melden, wenn ich Husten oder Schnupfen habe…“

Über Krankmeldung entscheiden Tageseltern eigenverantwortlich

Das Jugendamt gebe nicht vor, wann sich Tageseltern krank melden müssen, so Stadtpressesprecherin Katrin Pinetzki. Die Entscheidung liege „in der persönlichen Verantwortung“. Wann Tageseltern bei einem Corona-Verdacht in Quarantäne müssen, richte sich nach der jeweiligen Verordnung. Eine Sonderregelung nach Berufsgruppen gebe es nicht.

Zur finanziellen Belastung schreibt die Sprecherin: „Bereits im Frühjahr hat die Stadt dafür gesorgt, dass die Kindertagespflege ohne Einkommensverluste für die Tagespflegepersonen und unter Berücksichtigung des prekären Infektionsgeschehens vollumfänglich weiterfinanziert wurde.“

Heißt: Als teils keine oder nur wenige Kinder betreut wurden, wurden die Tageseltern weiter bezahlt.

Bezahlung lief im ersten Lockdown weiter

Darauf weisen auch Sabrina Bär, beim Evangelischen Kirchenkreis Ansprechpartnerin für die Kindertagespflege, und Ines Weindorf, bei der Awo zuständig für diesen Bereich, hin: „Die Tagespflegepersonen hatten im ersten Lockdown das große Glück, weiter ihre Gelder bekommen zu haben – ganz anders als andere Selbstständige“, so Bär.

Zur Krankentage-Regelung erklärt Bär, dass die Stadt bis Ende Juli eine Sonderregelung beschlossen habe: „Bis zum 31.7. zählen wir die Krankentage nicht.“ In Einzelfällen gebe es bei den etwa 90 Tageseltern, mit denen der Kirchenkreis als Träger kooperiert, trotzdem ein Problem mit der Überschreitung der 20 Krankentage. „Diese Einzelfälle gucken wir uns an.“

Bei der Awo nutze „ein ganz großer Teil“ der Tageseltern den Krankentage-Rahmen nicht aus, so Weindorf.

„Viele haben Sorgen um eigene Gesundheit“

Die schwierige Situation der Tageseltern ist Bär bewusst: „Viele haben Sorgen um ihre eigene Gesundheit, die der Familien.“ Insbesondere wenn es um Auskünfte vom Gesundheitsamt gegangen sei, habe es teils Probleme gegeben: „Wenn es zu Kontakten mit Infizierten gekommen ist, gab es Unklarheiten.“

Das bestätigt auch Weindorf: „Wir als Träger warten auch oft auf Infos vom Jugendamt oder vom Land. Das ist der Situation geschuldet.“ Dass die Entschädigungszahlungen für Quarantäne-Zeiten nur schleppend fließend, habe sie gehört: „Das ist aufwändig und dauert auch manchmal.“

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1983 im Münsterland geboren, seit 2010 im Ruhrpott zuhause und für die Ruhr Nachrichten unterwegs. Ich liebe es, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, Fragen zu stellen und vor allem: zuzuhören.
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Jessica Will

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