Tauziehen um Pflegekräfte: AWO kritisiert Stellenanzeige des Medizinischen Dienstes

mlzOffener Brief

Die Arbeiterwohlfahrt Westliches Westfalen (AWO) ist verstimmt über eine Stellenanzeige des Medizinischen Dienstes. Sie fürchtet, dass ihr das Pflegepersonal gezielt abgeworben werden soll.

Dortmund

, 28.09.2018, 16:39 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Wochenenden frei!“ und „Endlich keine Schichtdienste mehr! Gute Aussichen für Pflegefachkräfte . . .“ – mit diesen Vorzügen hat der Medizinische Dienst der Krankenversicherung Westfalen-Lippe (MDK) im September in einer Stellenanzeige um Personal geworben.

Der AWO-Bezirksverband Westliches Westfalen, zu dem auch Dortmund gehört, ist auf dem Baum. Er fürchtet, dass mit „dieser offensiven Kampagne“ gezielt Pflegefachkräfte aus seinen Seniorenzentren und ambulanten Diensten abgeworben werden sollen, schreibt Geschäftsführer Uwe Hildebrandt in einem offenen Brief.

„Groteske Aktion“

Hildebrandt spricht von einer „grotesken Situation“: „Einerseits lockt der MDK Mitarbeiter aus der Pflege, und auf der anderen Seite kritisiert er die dünne Personaldecke dort!“

Diejenigen, die aus den Seniorenzentren der AWO abgeworben würden, würden dann als Gutachter für den Pflege-TÜV in dieselben Seniorenheime geschickt“, erläuterte am Freitag auf Anfrage AWO-Abteilungsleiter Jörg Richard, „und die sagen dann, ihr habt zu wenig Pflegekräfte.“

In Dortmund fehlen der AWO neun Pflegefachkräfte und im ganzen Bezirk Westliches Westfalen (Regierungsbezirke Arnsberg und Münster) sogar 118.

Medizinischer Dienst weist Vorwürfe zurück

Olaf Plotke, Sprecher des MDK Westfalen-Lippe, weist den Vorwurf zurück, dass man der AWO gezielt Personal abwerben wolle. Der Medizinische Dienst habe zwei gesetzliche Aufträge zu erfüllen, betont er. Neben den Qualitätsprüfungen in den Senioreneinrichtungen begutachte der MDK Versicherte, die einen Antrag auf einen Pflegegrad gestellt haben, und die Leistungen von mobilen Pflegediensten oder Senioreneinrichtungen in Anspruch nehmen möchten.

Plotke: „Beide gesetzlichen Aufträge führt der MDK im Interesse der Versicherten und der Pflegeanbieter gleichermaßen durch. Dafür benötigt er qualifiziertes Personal.“ Die Pflegereform im letzten Jahr mit neu eingeführten Pflegestufen habe zu einer Steigerung von 30 Prozent bei den Begutachtungsanträgen geführt, sagt Plotke.

MDK kann nicht selbst ausbilden

Da der MDK keine Pflegeeinrichtung ist, kann er auch nicht selbst ausbilden, braucht aber für die pflegefachliche Begutachtung geschultes Personal, sprich staatlich examinierte Pflegefachkräfte mit Berufserfahrung. In Deutschland gibt es eine Million Pflegekräfte, davon arbeiten 3000 bei den bundesweit 15 Medizinischen Diensten. Das sind 0,3 Prozent.

„Unternehmen werben mit ihren Vorteilen um Fachkräfte“, erläutert der MDK-Sprecher. Neben einem guten Arbeitsklima, Karriereperspektiven oder einer besonderen Philosophie könnten das auch Verdienstmöglichkeiten, Fortbildungsangebote, Schichtzulagen und Arbeitszeiten sein.

Kein Privatleben, aber Dankbarkeit von Patienten

Wer den Altenpflegeberuf ergreift, weiß, was ihn erwartet – und was er im Gegenzug bekommt. Das zeigt auch das Ergebnis einer Schreibwerkstatt mit angehenden Pflegekräften der AWO. Am Donnerstagabend wurden die Texte in der Deutschen Arbeitsschutzausstellung (Dasa) bei der Übergabe von Abschlusszeugnissen an 131 Pflegefachkräfte zum ersten Mal öffentlich vorgetragen.

In einem der Texte – „Wir suchen dich“ von Tim Jorkowski – heißt es unter anderem: „Du hast einen Magen wie ein Pferd, du kannst tragen wie ein Kamel, du hast Arme wie ein Oktopus, du hast kein Privatleben, Geld oder Anerkennung ist dir nicht wichtig. Wir bieten: Schlechte Bezahlung nach Tarif, Überstunden, Exkremente, Unterbesetzung“. Aber auch „Dankbarkeit und Lob von Patienten, das Gefühl, den Menschen zu helfen, ein gutes Gefühl, das Richtige zu tun.“

Gemeinsames Interesse, den Pflegeberuf attraktiver zu machen

Im Grunde haben die AWO und der MDK das gemeinsame Interesse, den Pflegeberuf attraktiver zu machen, sein Image aufzuwerten und die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Doch die Anzeige des MDK grenze ab, sagt Jörg Richard von der AWO, sie mache den Beruf in den Senioreneinrichtungen runter und stelle ihn beim MDK positiv dar. „Das hat mit Imageverbesserung nichts zu tun. Da wollten wir einen Punkt setzen.“

Das hat die AWO neben dem offenen Brief auch mit Humor getan. Sie hat eine Gegenanzeige entworfen in der Optik der MDK-Anzeige: „Ihr ‚nine-to-five-Job‘ in der Sozialmedizinischen Begutachtung langweilt Sie? Gute Aussichen für Pflegefachkräfte . . .“


Unsere Redakteurin Gaby Kolle kommentiert das so:

„Als Arbeitgeber mit seinen Vorzügen zu punkten, ist nicht unmoralisch. Doch bei aller Konkurrenz – AWO und MDK sollten in Zeiten des Fachkräftemangels an einem Strang ziehen. Beide sollten vereint mit anderen Wohlfahrtsverbänden und Seniorenheim-Trägern für bessere Arbeitsbedingungen im Pflegeberuf kämpfen. Und für den Beruf werben, statt sich auf dem Arbeitsmarkt zu kannibalisieren.

Altenpflege ist ein Beruf mit Job-Garantie, ein Beruf, den man weltweit ausüben kann, ein Beruf mit viel Entwicklungspotenzial und Weiterbildungsmöglichkeiten. Nicht zuletzt ist es ein erfüllender Beruf, wenn man ihn aus Überzeugung gewählt hat. Man wird gebraucht.

Wenn dann noch die Wertschätzung, Arbeitszeiten und finanzielle Entlohnung stimmen, ist das attraktiver als ein öffentliches Tauziehen mit Stellenanzeigen.“

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