Spotify aus der Röhre: Thomas Teipel baut alte Radios um

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Er ist einer von ganz wenigen, die noch Röhrenradios reparieren können. Doch Thomas Teipel belässt es nicht dabei. Er rüstet die alten Geräte auch für das digitale Zeitalter um.

Brechten

, 03.02.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wenn das Smartphone oder das Fernsehgerät nicht mehr funktioniert, kommt es in den meisten Fällen in den Müll. Manche Elektrogeräte überdauern jedoch Jahrzehnte als Sammlerstücke. So finden sich noch heute in einigen Wohnungen alte Röhrenradios wieder. Die Geräte aus den 50er- oder 60er-Jahren dienen dabei meist als Deko-Objekt.

Dass man den alten Schätzen auch nach all den Jahren noch Töne entlocken kann, beweist Thomas Teipel (59) aus Brechten. Der Dortmunder repariert seit einigen Jahren Röhrenradios, erst nur für sich oder für Freunde, seit 2018 auch für Sammler aus ganz Deutschland. Immerhin drei bis vier Geräte bearbeitet er pro Woche zu Hause in seiner Werkstatt.

Spotify aus der Röhre: Thomas Teipel baut alte Radios um

Röhrenradios wie dieses können in der Regel wieder funktionstüchtig gemacht werden. © Thomas Teipel

Beinahe täglich erreichen ihn neue Reparatur-Anfragen. „Für nebenbei ist das schon ganz schön viel, zum Leben dann aber wieder zu wenig“, meint Teipel. Der gelernte Radio- und Fernsehtechniker repariert die Geräte neben seinem eigentlichen Beruf als IT-Administrator. Deswegen stehen manche Radios auch schonmal ein paar Tage im Regal, trotz im Schnitt lediglich zwei- bis vierstündiger Reparatur.

Dafür sind die Geräte danach wieder voll funktionstüchtig. „In fast alle Fällen kann ich den Kunden helfen“, so Teipel. „Es kommt eher selten vor, dass sich eine Reparatur nicht mehr lohnt oder zu teuer wird.“ Im Normalfall kostet die Reparatur rund 200 Euro - je nachdem, welche Ersatzteile beschafft werden müssen. Und, ob die Kunden ihre alten Röhrenradios an das digitale Zeitalter anpassen wollen.

Bluetooth-Adapter ermöglichen Abspielen digitaler Songs

Denn: Die teilweise 60 oder 70 Jahre alten Schätzchen können problemlos Spotify-Playlists oder Audible-Hörbücher wiedergeben. Thomas Teipel ermöglicht mit Hilfe eines Bluetooth-Adapters, dass auch die aktuellsten Songs aus Opas Volksempfänger erklingen können. Das Umrüsten ist dabei einfacher als gedacht.

„Der Empfänger für die Bluetooth-Signale wird an die Stromversorgung des Gerätes angeschlossen“, erklärt der Radiotechniker. Der Anschluss für den Empfänger würde dann auf den Anschluss für Platten- oder Tonband-Wiedergabe gelegt. Um die Bluetooth-Funktion zu aktivieren, bedarf es dann lediglich des Drückens der jeweiligen Taste, so Teipel.

Spotify aus der Röhre: Thomas Teipel baut alte Radios um

Das Einbauen von Bluetooth-Adaptern ist nicht sehr aufwendig, holt die Retro-Geräte aber ins digitale Zeitalter. © Julian Reimann

Ein Nachrüsten gelinge bei fast jedem Gerät. Voraussetzungen dafür gibt es eigentlich nur wenige. „Für den Umbau müssen die Tonendstufe und die Lautsprecher funktionieren“, erklärt Teipel. Nur bei sehr alten Geräten oder wenn Tasten fehlen, könnte ein Nachrüsten schwierig oder gar unmöglich werden.

Auf die Idee mit dem Bluetooth-Empfänger kam Teipel, als er seine eigene Stereo-Anlage nachrüsten wollte. Inzwischen bekommen rund ein Drittel der Geräte, die er repariert, einen solchen Zusatz. So werden viele alte Röhrenradios zu externen Lautsprechern im Retro-Stil. Und geben, je nach Lautsprecher, klanglich ganz schön was her.

Viele Röhrentypen werden nicht mehr hergestellt

Damit die Geräte aber überhaupt wieder funktionieren und Radioprogramme abspielen können, bedarf es etwas mehr. Nicht jedes Gerät ist gleich, auch manche Ersatzteile können schwer zu beschaffen sein. In den meisten Fällen muss Teipel die namensgebenden Röhren austauschen, um ein Radio wieder zum Laufen zu bringen. In fast allen Fällen müssen zusätzlich Kondensatoren im Netzteil und in der Ton-Endstufe getauscht werden.

Spotify aus der Röhre: Thomas Teipel baut alte Radios um

In den meisten Fällen muss nur die sogenannte Röhre ausgetauscht werden, damit das Radio wieder funktionstüchtig ist. © Julian Reimann

„Ein paar Röhrentypen werden heute noch hergestellt“, erklärt Teipel. Vor allem in Gitarrenverstärkern würden sie aktuell noch verwendet. „Manche Röhren sind hingegen seltener und es werden davon nur noch die Restbestände verkauft.“ Da sie nicht mehr hergestellt werden, seien sie zwar alt, aber noch ungebraucht. Vor allem aus der ehemaligen Sowjetunion gebe es noch zahlreiche Röhren, die nun in Deutschland an Bastler und Sammler verkauft werden, so Teipel.

Von denen, die heute noch alte Röhren- oder auch Transistorradios reparieren können, gebe es nicht mehr viele, meint Teipel. „Ich hatte noch das Glück, dass Röhrenradios bei mir in der Ausbildung vorkamen“, erzählt der Brechtener. „Ab Mitte der 80er-Jahre wurde das in den Berufsschulen nicht mehr beigebracht.“ Das Röhrenradio wurde ab Mitte der 60er-Jahre von Transistorradios abgelöst.

Die Kunden kommen aus allen Teilen Deutschlands

Auch den Beruf des Radio- und Fernsehtechnikers gibt es seit 1999 nicht mehr, was den Kreis derer, die alte Geräte reparieren könnten, stark einschränkt. „Ich habe mal recherchiert, wer das noch macht“, sagt Teipel. „Gefunden habe ich nur knapp acht Anbieter, in NRW bin ich scheinbar der einzige.“

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Deswegen kommen die Kunden aus allen Bundesländern zur Straße In den Hüchten und in den Werkraum von Thomas Teipel, oder sie senden ihm die Radios zu. Die weiteste „Anreise“ hatte vor kurzem ein Gerät der Firma Grundig aus dem Jahr 1981. „Das Radio ist über Paris und das Rheinland aus Ghana zu mir gekommen“, erzählt Teipel.

Gerade die vielen unterschiedlichen Sammlerstücke und ihre Geschichten machen für den Dortmunder den Reiz an der Arbeit mit alten Röhrenradios aus. Wie sich seine Werkstatt in den nächsten Jahren entwickelt, kann er noch nicht sagen. So schnell bleibt der Lötkolben aber wohl nicht kalt.

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