Tildas (3) Leben ist zerstört – doch die Versicherungen zögern Zahlungen hinaus

mlzFehler bei Geburt

Fehler bei der Geburt haben aus Tilda (3) ein schwerstbehindertes Kind gemacht. Die Formulierungen der Anwaltsschreiben im Rechtsstreit sind für die Eltern nur schwer zu ertragen.

Dortmund

, 13.09.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

„Das hätte nicht sein müssen“ – ein Satz, der seit dreieinhalb Jahren das Leben der Eltern von Tilda bestimmt. „Wenn man bei unserer Tochter einen Kaiserschnitt gemacht hätte, dann wäre sie heute gesund“, sagt die Mutter.

Doch Tilda – sie heißt im realen Leben anders – ist schwerstbehindert und ein Pflegefall. Weil die Hebammen und Ärzte im Knappschaftskrankenhaus in Brackel Fehler gemacht haben. Das sagen die Eltern und der vom Gericht beauftragte Gutachter.

Das Mädchen kam nach einer bestens verlaufenen Schwangerschaft und Voruntersuchungen, die ein völlig gesundes Baby zeigten, im Januar 2016 zur Welt. Nach 18 Stunden Geburt.

Das Gehirn wurde damals viel zu lange nicht mit ausreichend Sauerstoff versorgt. Tildas Leben ist zerstört. Und das ihrer Eltern seitdem im Ausnahmezustand. Hinzu kommt der jahrelange Rechtsstreit mit den Versicherungen der Hebammen und des Krankenhauses um die Folgekosten.

Unabhängige Gutachten liegen vor

Dass Tildas Eltern Schadensersatzzahlungen erhalten werden für Tildas Versorgung, ist inzwischen unstrittig.

Die Versicherung der beiden Beleghebammen, die die Geburt begleitet haben, hat einen Behandlungsfehler eingeräumt, bereits einen Vorschuss gezahlt und die Übernahme von Pflege- und Behandlungskosten angekündigt. Die Höhe jedoch steht bislang nicht fest, da noch gerichtlich zu klären ist, ob auch das Knappschaftskrankenhaus und seine Ärzte für Fehler bei der Geburt haften müssen.

Seit Weihnachten 2018 liegen die vom Gericht beauftragten Gutachten auf dem Tisch: ein gynäkologisches zur Geburtssituation und ein neonatologisches über das, was bei der Geburt passiert ist und welche Schädigungen dies bei Tilda verursacht hat.

Vollgepumpt mit Medikamenten

Tilda zeigt bis heute keinerlei motorische, geistige oder emotionale Entwicklung. Sie ist blind, leidet unter Schluckstörungen, einer ausgeprägten Spastik und therapieresistenten Epilepsie schwersten Grades. Sie kann keinerlei Gefühlsbindung aufbauen. Sie schreit häufig, hat Schlafstörungen, Schmerzen und ist vollgepumpt mit Medikamenten.

Tildas (3) Leben ist zerstört – doch die Versicherungen zögern Zahlungen hinaus

Das sind nur die Medikamente, die Tilda am Morgen bekommt. Dasselbe bekommt sie nochmals am Abend, etwa die Hälfte davon mittags. © Privat

„Es ist erschreckend, in dem Gutachten zu lesen, was da alles falsch gelaufen ist“, sagt die Mutter. Der Gutachter spricht von „diskrepanten Dokumentationen“ und meint damit unter anderem, dass das Krankenhaus die Alarmierungszeit der Neugeborenennotärztin um neun Minuten früher angibt als das Rettungsdienstprotokoll. Bei der Ankunftszeit der Neugeborenennotärztin und der Intubation (Beatmung) beträgt der Unterschied 13 Minuten.

Zeitunterschiede in der Dokumentation

Die Eltern haben auch auf eigene Faust bei der Leitstelle der Feuerwehr nachgehakt und die Angaben der Notärztin bestätigt bekommen. Das Krankenhaus, so die Eltern, erklärte den Zeitunterschied damit, dass die Uhren im Kreißsaal „inkongruent“ gewesen seien.

Der unabhängige Gutachter dagegen hat festgestellt, dass Minutenangaben in der Dokumentation des Krankenhauses „nicht plausibel und gutacherlich nicht nachzuvollziehen“ seien, und spricht von „der mit Sicherheit wiederholt falschen Dokumentation der Herzfrequenz des Kindes“.

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Zusammenfassend stellt er fest, dass die Erstversorgung des Kindes weder durch die Hebamme noch die beteiligten Ärzte „dem zu fordernden Standard“ entsprach.

Die Mutter sagt es so: „Mindestens 15 Minuten lang war Tilda nicht versorgt, weil die Ärzte die akut lebensbedrohliche Situation falsch eingeschätzt haben.“

Es gibt ein Leben davor und ein Leben danach

Tilda und ihre Eltern müssen mit den Folgen leben. „Es gibt ein Leben davor und eines danach, und es ist einfach schlimm, dass Tilda nach wie vor leidet“, sagt die Mutter. Sie weint.

Vor rund zweieinhalb Jahren wurde ihre zweite Tochter geboren. Gesund. Ein fröhliches Kind. Wenn die Mutter ihre Töchter zusammen sieht, kommt immer wieder der Gedanke: „So schön könnte es auch mit Tilda sein, wenn nicht ...“.

Beide Eltern sind berufstätig. Der Alltag war schon vor der Geburt der zweiten Tochter „eine totale Katastrophe“ und wurde danach noch herausfordernder.

Die Eltern reiben sich auf

Beide rieben sich auf im zermürbenden Kampf an vielen Fronten, unter anderem um einen Platz in einer integrativen Kita, mit der Krankenkasse um geeignete Pflegedienste und mit dem als Sozialhilfeträger zuständigen Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) um das Blindengeld.

Und dann der langwierige Gerichtsstreit um Schadensersatz für Tilda. „Dass die Versicherung einen so ausbluten lässt bei dem Schicksal...“, sagt die Mutter.

Es gibt keine Wiedergutmachung

Der Vorschuss der Hebammen-Versicherung hilft bei den Prozesskosten, den eigenen Gutachten und der Anschaffung eines Autos, in das Tildas Reha-Buggy passt. Die Anwälte der Hebammen und des Krankenhauses täten aber alles, um die eigentlich eindeutige Sachlage hinauszuzögern, kritisieren die Eltern.

Unerträglich für sie sind Formulierungen in den Anwaltsschreiben, die die Frage der Schmerzensgeldbemessung „mit der Laufzeit eines solchen Schadens“ in Verbindung bringen. „Hiermit ist Tildas stark verkürzte Lebenserwartung gemeint“, sagt die Mutter.

Das Finanzielle mache ohnehin das Leben, dass sie führten, „nicht wett. Für Tildas zerstörtes Leben gibt es keine Wiedergutmachung. Man kommt immer wieder an den Punkt, an dem man denkt, man kann nicht mehr“, sagt die Mutter.

Solch ein Punkt war auch irgendwann nach der Geburt der zweiten Tochter erreicht. Tilda ist oft nachts wach und hat schwere epileptische Anfälle. Sie schreit dann und jammert manchmal über Stunden. Es gebe nichts, was sie beruhigt, erzählen die Eltern.

Kein normaler Familienalltag

Deshalb rangen sie sich vor knapp zwei Jahren zu einem schweren Entschluss durch. Unter der Woche lebt Tilda nun innerhalb einer Einrichtung in einer Wohngruppe für mehrfach schwerstbehinderte Kinder. „Diese Entscheidung war die Hölle“, sagt die Mutter und weint wieder.

Tilda lebt dort in der Wohngruppe mit neun weiteren mehrfach behinderten Kindern. Sie bekommt dort alle möglichen Therapien, wird versorgt von Logopäden und Physiotherapeuten. 24 Stunden am Tag sind Ärzte vor Ort.

Verwandte und Freunde besuchen Tilda während der Woche, geben ihr unter anderem Körperkontakt. Der tut Tilda gut, wenn es auch egal ist, von wem.

Jedes Wochenende kommt Tilda nach Hause. Dann schlafen die Eltern getrennt; denn einer hat immer Tilda-Bereitschaft. Es gibt keinen normalen Familienalltag und keinen Rhythmus, es geht dann nur nach Tildas Bedürfnissen. „Man weiß nicht, wann sie schläft, man weiß nicht, wie es ihr im nächsten Moment geht“, sagt der Vater.

Nächste Gerichtsverhandlung im November

Und dann ist da die Angst vor der Zukunft. In Tildas Wohngruppe stehen Bilder von mehreren Kindern, die seit ihrer Ankunft verstorben sind. „Ein schrecklicher Gedanke, dass da irgendwann ein Foto von ihr steht“, sagt der Vater.

Tildas (3) Leben ist zerstört – doch die Versicherungen zögern Zahlungen hinaus

Fünf dicke Ordner der Eltern füllen die Schwerstbehinderung von Tilda und der Kampf um Gerechtigkeit. © Privat

Schon der erste Gerichtsprozess im Februar 2018 war grenzwertig für die Eltern, den zwei Hebammen und den Ärzten gegenüberzusitzen. „Niemand hat sich entschuldigt, es wird einfach nur gelogen und verdreht“, sagt die Mutter. Das Knappschaftskrankenhaus will mit Hinweis auf das laufende Verfahren keine Stellungnahme abgeben.

Die nächste Gerichtsverhandlung ist im November. Die Eltern wünschen sich, dass die Hebammen, Ärzte und das Krankenhaus „einfach eingestehen, dass sie Fehler gemacht haben“ und die Versicherungen dafür die Verantwortung übernehmen; denn Tildas Schicksal hätte nicht sein müssen.

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