Tobias Ebrecht (36) hatte Leukämie – und arbeitet heute als Arzt auf seiner alten Station

mlzKlinikum Dortmund

Es ist eine Geschichte, wie aus einem Film: Als Kind kämpfte Tobias Ebrecht (36) als Leukämie-Patient im Klinikum Dortmund um sein Leben. Heute arbeitet er als Arzt auf der gleichen Station.

von Ines Maria Eckermann

Dortmund

, 01.09.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Tobias Ebrecht ist Assistenzarzt in der Kinderklinik im Klinikum Dortmund. Wenn er seinen kleinen Patienten Mut zuspricht, dann hat das eine besondere Bedeutung. Denn sein Motto ist: „Wenn ich es geschafft habe, dann könnt ihr das auch“. Die Geschichte des 36-Jährigen ist eine Besondere.

Schon in der Grundschule wusste Tobias Ebrecht, dass er Arzt werden wollte. Doch lange bevor er sich für das Medizinstudium bewerben konnte, wurde er selbst zum Patienten: Er war blass, hatte häufig Kopfschmerzen und kriegte schon von kleinen Berührungen blaue Flecken.

Kurz vor der schlimmen Diagnose „Leukämie“ war der Bauch des damals 10-jährigen auffällig geschwollen. Heute weiß der Assistenzarzt Ebrecht: Seine Leber und die Milz waren von der Krankheit schon in Mitleidenschaft gezogen. Das Ausmaß dessen, was sein Körper damals durchgemacht hat, war ihm damals aber gar nicht klar. „Die vielen Blutentnahmen, dass ich manchmal den ganzen Tag von oben bis unten durchuntersucht wurde und vor allem an den Reaktionen der Menschen um mich herum, hatten mir aber schon gezeigt, dass ich nicht einfach nur Husten oder Schnupfen hatte.“

Der Feind in der Blutbahn

Bei den Gesprächen mit den Ärzten war er immer dabei: „Es hat niemand versucht, irgendetwas vor mir zu verheimlichen.“ Sein Glück war, dass er eine Form der Leukämie hatte, die wenig aggressiv war und sich schon damals gut behandeln ließ. Daher blieb seiner Familie die beschwerliche Suche nach einem passenden Knochenmarksspender erspart. Und doch drängte sich die Leukämie in ihr Leben wie eine dunkle Macht, die durch die Adern des 10-Jährigen floss.

An Angst vor dem Tod kann er sich nicht erinnern. „In dem Alter denkt man noch nicht so langfristig“, erklärt Ebrecht. „Ich habe eher von Untersuchung zu Untersuchung gedacht, von Therapie zu Therapie.“ Immer wenn er in der Klinik war, war sein einziges Ziel: Nach Hause kommen. Weiter in die Zukunft reichten die Gedanken des vom Krebs geschwächten 10-Jährigen nicht. „Mich hat es jedes Mal frustriert, wenn ich die Aussicht hatte, für ein paar Tage nach Hause zu kommen und wenn die Werte dann doch wieder zu schlecht waren und es nicht ging“, erinnert sich Ebrecht.

Ich kann es schaffen

Höchstens zwei Wochen am Stück durfte er damals zu Hause sein. Während andere Jungs sich auf dem Bolzplatz die Knie aufschürften, sich über Hausaufgaben ärgerten oder mit den Geschwistern tobten, kämpfte Ebrecht mit seinen eigenen Blutzellen um sein Leben. Durch die Chemotherapie war er geschwächt. Er verlor seine Haare. „Das hat mich aber weniger gestört“, erinnert sich Ebrecht. „In der Zeit war mein Immunsystem so geschwächt, dass ich ohnehin kaum Besuch haben durfte, vor dem ich mich hätte schämen müssen.“

Dass es ihm wirklich schlecht gegangen sei, daran kann er sich spontan nicht erinnern. Aber seine Eltern berichten, dass er teils über Tage im Dämmerzustand im Bett gelegen habe. Und dann erinnert er sich doch: An die Übelkeit nach der Chemotherapie, an das Gefühl, dass der eigene Körper zu schwach ist, um etwas essen zu können. An die Schmerzen in den Knochen. Durch die Behandlungen war sein Skelett porös geworden, sodass seine Rückenwirbel sich immer wieder mit dumpfen Schmerzen meldeten. „Aber ich habe nie gedacht, dass ich es nicht schaffen könnte.“

„Keiner von denen hat gesagt: Ja, das wird alles wieder“

Die behandelnden Ärzte hat er als sehr einfühlsam in Erinnerung behalten – und als sehr direkt. „Keiner von denen hat gesagt: Ja, das wird alles wieder“, sagt Ebrecht. Die Ärzte hätten immer auch auf die Risiken hingeweisen. „Die direkte Art hat geholfen, dass ich wusste, dass ich mithelfen muss, um gesund zu werden.“ Das gab ihm ein kleines bisschen Selbstbestimmung zurück, die er so oft an Maschinen, Krankenschwestern und Ärzte abgeben musste.

Die meisten der jungen Patienten, die mit Ebrecht auf der Station waren, kamen wie er immer wieder in die Städtischen Kliniken. Damit sie etwas Vertrautes um sich haben konnten, lagen meist dieselben Kinder in einem Zimmer wie auch die letzten Male. Etwa zehn Kinder kamen zur selben Zeit immer wieder auf die Kinderkrebsstation. Irgendwann kannte man sich, freundete sich etwas an. Viele wurden wie Ebrecht wieder gesund. Manche aber auch nicht. „Wenn einer von uns gestorben ist, dann war man einfach nur traurig“, sagt Ebrecht. An sich gedacht, oder daran, dass es ihm auch so gehen könnte, habe er damals nicht. Heute weiß er: Nicht jeder Verlauf ist gleich.

Die Glocke sagt „Tschüss“

„Man kann in der Medizin schlecht in die Zukunft gucken“, gibt Ebrecht zu bedenken. Deshalb wolle er als Arzt niemandem Angst machen – und auch keine falschen Hoffnungen. Aber es mache ihm Mut, dass er es selbst überstanden hat. Und immer wenn eines der Kinder die Behandlung überstanden hat, die große Schiffsglocke bimmeln darf und sich von einem Spalier aus zehn, manchmal 15 Schwestern, Pflegern und Ärzten in ein hoffentlich gesundes Leben verabschiedet, atmet Ebrecht auf: Das sind die schönsten Momente in seinem Beruf.

Vor einigen Monaten, kurz vor Ende seines Medizinstudiums stand Ebrecht zum ersten Mal wieder auf den Fluren, auf denen er schon als kleiner Junge lag. Die Farbe an den Wänden hatte sich etwas verändert, aber es waren dieselben Räume – und sogar dieselben Schwestern, die sich schon damals um ihn gekümmert hatten. Und ihre Freude über das Wiedersehen war fast genauso groß, wie damals, als er mit seiner kleinen Kinderhand die Glocke geläutet hat und sich in eine gesunde Zukunft verabschiedet hatte.

Die Erinnerung an Schmerzen ist geblieben

„In einem Untersuchungsraum ist auch immer noch dasselbe Wimmelbild unter der Decke, an die ich immer wieder gestarrt und auf dem Bild die verschiedenen Tiere gesucht habe“, sagt Ebrecht. Danach sei ihm schon ganz anders geworden, wenn er nur die Tür zu dem Raum gesehen habe, in dem ihn damals die schmerzhaften Untersuchungen und lange Nadeln erwartet hatten. Heute behandelt er dort selbst. „Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie unangenehm diese Behandlungen sind“, sagt Ebrecht. Zum Glück gebe es heute Lachgas und verschiedene Betäubungsmethoden, damit seine kleinen Patienten nicht mehr dieselben Schmerzen durchleben müssen wie er.

Heute hat Tobias Ebrecht dieselben Chancen, gesund zu bleiben, wie Menschen ohne Vorgeschichte. Und sein Plan für die weitere Zukunft steht auch: „Ich möchte auf jeden Fall hier in der Kinderklinik bleiben“, sagt der 36-Jährige. Manchmal gibt es auch im echten Leben ein echtes Happy End.

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