Todesnachrichten gehören für ihn zum Arbeitsalltag

Gespräch mit Opferschutz-Beauftragtem

"Sind Sie die Ehefrau von ... ? Dann laufen schon die ersten Tränen." Wer Rüdiger Siegel die Tür öffnet, erfährt oft wenige Augenblicke später von einem schweren Schicksalsschlag. Der Polizeihauptkommissar überbringt Todesnachrichten. "Lange Vorreden halte ich nicht", sagt er. Einblicke in einen harten Beruf.

DORTMUND

, 15.04.2016, 06:33 Uhr / Lesedauer: 2 min
Schlimme Bilder von Unfallszenen (hier ein Archivbild von einer Übung) verbreiten sich schnell über das Internet. Todesnachrichten will die Polizei den Angehörigen persönlich übermitteln, um die Opfer auffangen zu können.

Schlimme Bilder von Unfallszenen (hier ein Archivbild von einer Übung) verbreiten sich schnell über das Internet. Todesnachrichten will die Polizei den Angehörigen persönlich übermitteln, um die Opfer auffangen zu können.

„Wegmachen kann ich die Trauer nicht. Aber ich kann da sein“, sagt Siegel. Gestern warnte er als des Verkehrsdienstes vor den Folgen gefährlicher Raserei und der weit verbreiteten Ablenkung durch Mobiltelefone während der Fahrt: „Verkehrsunfälle geschehen nicht einfach. Sie werden verursacht. Wir kennen die Gefahren, denn der Tacho zeigt das Tempo an. 95 Prozent der Unfälle sind vermeidbar.“

Die Kontrolle verloren

Der 54-Jährige wählte das Beispiel eines 28-jährigen Motorradfahrers, der an einem sonnigen Montag im Spätsommer 2015 auf der Autobahn mit hohem Tempo auf der Überholspur links an den Autos vorbeizieht, die Kontrolle verliert, stürzt und noch am Unfallort stirbt.

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Ein Einsatz auch für Rüdiger Siegel. Der Polizeihauptkommissar ermittelt Angehörige und erkennt im Computer, dass an der Anschrift des Todesopfers eine 27-jährige Frau mit gleichem Nachnamen wohnt. Und ein 5-jähriges Kind. Mit zwei Notfallseelsorgern fährt Rüdiger Siegel dort hin. Das Team trifft Absprachen. Es muss schnell sein. Wegen Whatsapp, Twitter und den Medien. Häufig sind die sozialen Netzwerke mit der Todesnachricht schneller als die Polizei. Nicht in diesem Fall.

Die ersten Sekunden

Rüdiger Siegel schellt an, die Frau öffnet die Tür und steht vor dem uniformierten Polizeibeamten und den beiden Notfallseelsorgern. „Sind Sie die Ehefrau von ... ?“, hört sie den Polizisten fragen. „Dann laufen schon die Tränen“, schildert Siegel die ersten Sekunden.

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Die Frau reagiert mit einem ängstlichen Blick und sagt: „Nein. Nein. Gehen Sie weg.“ – Rüdiger Siegel über den nächsten Schritt: „Wir betreten die Wohnung und sagen der Frau ohne lange Vorrede, dass ihr Mann tot ist.“ Ein Notfallseelsorger steigt in das Gespräch ein. Der Zweite geht ins Kinderzimmer.

Am Grab

Später, am Grab, fragt das Kind: „Mama, warum liegt der Papa da?“ Weil er zu schnell gefahren ist. Aber das sagt die Witwe ihrem Sohn nicht. Die alleinerziehende und finanziell schlecht abgesicherte Mutter vermisst ihren Mann. Manchmal ist sie auch wütend auf ihn.

Wenn Rüdiger Siegel eine Todesnachricht übermittelt, muss er seine Gefühle versachlichen. Er hat Strategien entwickelt, mit Todesnachrichten umgehen zu können. „Aber manchmal weine ich mit den Opfern. Manchmal sitzen wir lange da und sagen nichts. Das muss man aushalten können.“ Was er den Wall-Rasern aus der Innenstadt bei einer Verkehrskontrolle sagen würde? „Wie das so ist, wenn man eine Todesnachricht überbringt. Diese Raser haben keine Ahnung davon, welches Leid sie auslösen.“ 

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