Im Rathaus ist es den Verantwortlichen im Corona-Jahr 2020 nicht gelungen, den gewaltigen Berg, den städtische Bedienstete an Resturlaubstagen und Überstunden angesammelt haben, abzubauen – ganz im Gegenteil. © Hans Blossey (Archiv)
Resturlaub und Überstunden

Trotz Corona-Pausen: Stadt lässt Urlaubs- und Überstundenberg auf 416 Arbeitsjahre wachsen

Die Stadt Dortmund hat 2020 ihren Riesen-Berg an Resturlaub und Überstunden nicht abgebaut, sondern weiter wachsen lassen. Und das trotz Corona-Pause in zig Bereichen und 404 neuer Stellen.

Kitas und Bibliotheken monatelang nur im Notbetrieb, keine Feste, keine Kirmes, keine Messen, keine Museen, keine Theater-Aufführungen, keine Konzerte, keine Kongresse, kein Weihnachtsmarkt, keine Frei- und Hallenbäder, die Bürgerdienste wochenlang geschlossen, ja nicht einmal ein Schützenfest oder Martinsumzug.

Weite Teile des öffentlichen Lebens lagen wegen des Coronavirus 2020 wochenlang lahm.

In der Verwaltung saßen nur noch die, bei denen es sich gar nicht vermeiden ließ. Die anderen wurden nach Hause geschickt. Wenn sie einen Dienstrechner hatten, konnten sie von dort aus arbeiten. Ende März 2020 gab die Stadt deren Zahl mit 2.500 an. Inzwischen sind laut Stadt 5.099 Arbeitsplätze fürs Homeoffice ausgerüstet.

Die Ankündigung der Stadt aus dem Frühjahr 2020

Im Frühjahr 2020 fragten wir die Stadt, ob sie die außergewöhnliche Situation nicht nutzen könne, um den Berg an Resturlaubstagen und Über-, Mehrarbeits- und Gleitzeitstunden abzubauen.

Am 30. März 2020 erhielten wir diese Antwort: „Falls Mitarbeitende in einigen/wenigen Bereichen aufgrund der Coronakrise von der beruflichen, sonst eigentlich üblichen Aufgabe befreit werden, stehen Sie verwaltungsweit für Personalmehrbedarfe in anderen Ämtern zur Verfügung und werden dort entsprechend eingesetzt. Weiterhin werden vorhandene Gleitzeitstunden und Urlaubsansprüche abgebaut. “

Jetzt steht fest: Das hat nicht geklappt, im Gegenteil. Der Berg an Überstunden und Mehrarbeit ist weiter gewachsen, während sich gleichzeitig die Zahl der städtischen Bediensteten sogar erhöht hat.

Die Zahlen sind eindeutig

Die Zahlen sind eindeutig. Im Jahresabschluss für 2019 berichtet die Stadt, dass am 31. Dezember 2019 Rückstellungen von 13,44 Millionen Euro für Resturlaub und 3,81 Millionen Euro für Überstunden und Mehrarbeit gebildet worden seien.

Wichtig: Bei diesen Euro-Zahlen sind die Summen für die Eigenbetriebe (Fabido, Friedhöfe, Stadtentwässerung, Wirtschaftsförderung, Sport- und Freizeitbetriebe) nicht eingerechnet.

Auf Nachfrage erläuterte Stadtpressesprecher Frank Bußmann, was sich hinter den Euro-Summen verbirgt: 61.675 Rest-Urlaubstage sowie 143.245 Überstunden, was 17.905 Acht-Stunden-Arbeitstagen entspricht. Bei diesen Stunden- und Tagesangaben sind – anders als bei den Euro-Zahlen – die Tage und Stunden der Eigenbetriebe mitgezählt.

Stunden, Tage und Jahre türmen sich zu einem gewaltigen Berg

Rechnet man das um in Jahre – ein Jahr hat bei einer 5-Tage-Woche und jährlich 30 Tagen Urlaub rund 220 Arbeitstage – wird das Ausmaß des Freizeitberges offensichtlich: 61.675 Resturlaubstage bedeuten gut 280 Jahre Resturlaub. 280 Menschen könnten also ein ganzes Jahr bei vollen Bezügen daheim bleiben.

Bei den Überstunden kommen gut 81 Arbeitsjahre heraus. Das heißt: Ende 2019 gab es Freizeitansprüche in der Stadtverwaltung Dortmund von zusammen 361 Arbeitsjahren.

Angekündigt hatte – wie oben erwähnt – die Stadt im März 2020, im Jahr 2020 diesen Berg abzutragen. Das Gegenteil ist eingetreten. Bis 31. Dezember 2020 stiegen die Rückstellungen für Resturlaub um 1,3 Mio. Euro auf 14,7 Mio. Euro, für Überstunden ebenfalls um 1,3 Mio. Euro auf 5,1 Mio. Euro.

Beides zusammen ergibt einen Anstieg um 2,6 Mio. Euro auf 19,8 Mio. Euro. In diesen Euro-Zahlen sind wie 2019 die Summen für die Eigenbetriebe nicht enthalten.

Trotz langer Zwangspausen ein Anstieg um 15,2 Prozent

Umgerechnet in Tagen bedeutet das – jetzt sind die Eigenbetriebe wieder dabei: Die Zahl der Resturlaubstage stieg um 5.567 auf 67.242 Tage, was 306 Arbeitsjahren entspricht. Die Zahl der Überstunden erhöhte sich um 48.051 auf 193.296 Stunden, was 24.162 Acht-Stunden-Tagen und 110 Arbeitsjahren entspricht.

Insgesamt hat sich so die Zahl der Jahre, in denen in der Stadt Beschäftigte bei voller Bezahlung Resturlaub und Überstunden abbauen dürfen, von 361 Jahren Ende 2019 auf 416 Jahre Ende des Corona-Jahres 2020 erhöht, ein Anstieg um 55 Jahre oder 15,2 Prozent.

404 neue zusätzliche Stellen im Jahr 2020 geschaffen

416 Menschen, die von der Stadt ihr Geld beziehen, könnten also ein Jahr lang zu Hause bleiben, oder ein Mensch allein bräuchte von jetzt an erst im Augst 2437 wieder seinen Arbeitsplatz einzunehmen und bekäme bis dahin volles Gehalt. Aber so lange lebt kein Mensch.

Was die Sache noch pikanter macht, ist die Tatsache, dass 2020 die Zahl der städtischen Bediensteten nicht etwa gesunken, sondern gestiegen ist: Am 31. Dezember 2019 hatte die Stadt in der Kernverwaltung 7.540 Vollzeitstellen, am 31. Dezember 2021 waren es 404 mehr, also 7.944.

Wichtig: Eigenbetriebe wie die Fabido, die ja auch 2020 neue Kitas gebaut und damit verständlicher Weise zusätzliches Personal benötigt hat, sind nicht berücksichtigt.

Die Erklärungsversuche der Stadt Dortmund

Wir haben die Stadt um eine Stellungnahme gebeten. Pressesprecher Frank Bußmann antwortet: „Unter anderem coronabedingte Mehrarbeit und mehr Personal verhinderten den beabsichtigten Abbau“. Die Frage, wie „mehr Personal“ verhindert, dass andere Mitarbeiter Resturlaub oder Überstunden abbauen können, bleibt offen.

Im Übrigen, so Bußmann, treffe die Einschätzung, dass weite Teile des öffentlichen Lebens brach gelegen hätten, nicht zu: „Sämtliche publikumsintensiven Bereiche wie Ausländerbehörde, Wohngeldstelle, Bürgerdienste, Jugendamt oder Sozialamt sowie die zentralen Bereiche, wie Personal, Kämmerei, Stadtkasse und IT sind fortgeführt worden. Die Kantine wurde zwar für die Beschäftigten geschlossen, hat dafür aber die unterstützenden Kräfte (z.B. Bundeswehr) versorgt und ein coronakonformes Angebot ,Essen to go‘ geschaffen.“

Der Zoo sei zwar für Besucher geschlossen gewesen, die Tierpfleger hätten sich gleichwohl um die Tiere kümmern müssen, so Bußmann.

Bußmann verweist darauf, dass „grundsätzlich alle arbeitsfähigen Mitarbeitenden sukzessive“ mit Aufgaben innerhalb des eigenen Fachbereichs betraut oder in einem anderen Fachbereich eingesetzt worden seien.

Als Beispiel nennt er 17 Fachangestellte aus dem Bäderbetrieb und 5 Mitarbeiter aus dem U-Turm, die im Impfzentrum mitgearbeitet hätten. Der Haken: Impfzentren nahmen erst Anfang 2021 ihren Dienst auf – also können sie kaum als Erklärung für Fragen zum Jahr 2020 dienen.

„Kurzarbeit konnte vermieden werden“

Als weiteres Beispiel für fachübergreifenden Personaleinsatz führt Bußmann die Fabido an. 48 Erzieherinnen und Erzieher, die als Angehörige einer Risikogruppe nicht in den Kitas hätten arbeiten dürfen, seien bei der Kontaktnachverfolgung im Gesundheitsamt eingesetzt worden.

Zur Einordnung: Das sind gerade einmal 9,8 Prozent der 490 Fabido-Beschäftigten, die durch ärztliches Attest von der Arbeit mit Kindern freigestellt worden waren.

Zur Frage, ob und in welchem Umfang die Stadt Kurzarbeit angemeldet habe, schreibt Bußmann: „Kurzarbeit konnte durch den Einsatz von betroffenen Mitarbeitenden in anderen Fachbereichen gänzlich vermieden werden.“

„Technische Auswertung“ nicht möglich, sagt die Stadt

In weiten Teilen bezieht sich die Antwort der Stadt nicht auf die von uns abgefragte Entwicklung im Jahr 2020, sondern legt eine Prognose für 2021 zugrunde. Danach werde man voraussichtlich bis Ende 2021 keine weiteren Resturlaubstage anhäufen und etwa 14 Prozent der Überstunden/ Mehrarbeit abbauen.

Weitere Nachfragen beantwortete die Stadt nicht, etwa: Wie viele Mitarbeitende, für die es keine Beschäftigung gab, an eine andere Stelle versetzt wurden. Wie viele Mitarbeitende überhaupt nicht arbeiten konnten und daher ohne Gegenleistung Lohn und Gehalt bezogen haben.

Eine „technische Auswertung“ zu diesen Fragen sei nicht möglich, so Bußmann. Er ergänzte: „Eine darüber hinausgehende Darstellung der Personalbewegungen kann nicht erfolgen.“

Über den Autor
Redakteur
Ulrich Breulmann, Jahrgang 1962, ist Diplom-Theologe. Nach seinem Volontariat arbeitete er zunächst sechseinhalb Jahre in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten, bevor er als Redaktionsleiter in verschiedenen Städten des Münsterlandes und in Dortmund eingesetzt war. Seit Dezember 2019 ist er als Investigativ-Reporter im Einsatz.
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