Kein Krankenwagen trotz Atemnot: Tochter von Corona-Patient erhebt Vorwürfe

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Hilal Karagül sagt, sie wollte ihren schwer erkrankten Vater ins Klinikum bringen lassen, aber auch nach zahlreichen Telefonaten sei kein Krankenwagen gekommen. Sie habe Anzeige erstattet.

Dortmund

, 19.06.2020, 05:35 Uhr / Lesedauer: 3 min

Hilal Karagül kann Sorge und Enttäuschung ebenso wenig verbergen wie eine gehörige Portion Wut. Sorge um ihren Vater, der - an Covid-19 erkrankt - über eine Woche im Krankenhaus lag. Enttäuschung und Wut darüber, dass es mehr als zwei Tage gedauert habe, bis der 56-Jährige trotz starker Symptome in die Klinik gebracht wurde.

Karagül, die normalerweise in Berlin lebt, fuhr am 25. Mai mit ihrer zweijährigen Tochter per Zug nach Dortmund, um ihre in Eving lebenden Eltern zu besuchen, berichtet sie. Nachdem sie ein paar Tage in der elterlichen Wohnung verbracht hatte, ging es der 30-Jährigen plötzlich schlecht: Sie fühlte sich schlapp, bekam Schüttelfrost und musste sich übergeben.

Covid-19-Testergebnis positiv

Also sei sie am Samstag (31. Mai) ins Klinikum Nord gefahren, wo sie nach einer Untersuchung Medikamente bekommen habe und auf das Coronavirus getestet worden sei. Am darauffolgenden Sonntag habe sie sie das niederschmetternde Testergebnis erhalten: positiv. Die 30-Jährige war an Covid-19 erkrankt.

Daraufhin hätten sich noch am selben Tag auch ihre Eltern, ihr 22-jähriger Bruder, der bei Vater und Mutter lebt, sowie ihre Tochter testen lassen. Bei allen sei das Virus nachgewiesen worden. Die Folge: Die gesamte Familie habe in Quarantäne gemusst.

Fieber und blaue Lippen

„Mein Bruder hatte in den folgenden Tagen gar keine Symptome“, erzählt Karagül, „meine Tochter war mehrere Tage sehr schlapp und auch meiner Mutter ging es nicht gut. Am schwersten hatte es aber meinen Vater erwischt.“ Dessen Zustand habe sich immer weiter verschlechtert, bis er am Freitagabend (5. Juni) nur noch schwer atmen konnte: „Er hatte Fieber und ganz blaue Lippen.“

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Damit der 56-Jährige in ein Krankenhaus gebracht werden konnte, habe sie zum Telefonhörer gegriffen, fährt die 30-Jährige fort. Doch anstatt auf schnelle Hilfe sei sie im Laufe des Abends auf viel Unverständnis gestoßen. Der Abend hat sich laut Hilal Karagül wie folgt abgespielt:

21.31 Uhr: Zu diesem Zeitpunkt sei ihr erster Anruf beim Klinikum erfolgt, wo man ihr mitgeteilt habe, sie möge die Notrufnummer 112 wählen.

21.39 Uhr: Also habe sie sich an die 112 gewandt - aber erneut sei sie an einen anderen Ansprechpartner verwiesen worden: „Man sagte mir, ich solle bei der 116 117 anrufen.“

21.41 Uhr: Unter 116 117, der Rufnummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes, habe man ihr mitgeteilt, ein Arzt melde sich telefonisch.

Rückruf nach 40 Minuten

22.21 Uhr: „Genau 40 Minuten nach meinem letzten Telefonat rief ein Arzt bei mir an“, erzählt Karagül, „aber er wusste gar nicht, dass es sich hierbei um einen Corona-Fall handelte.“ Dies sei nicht sein Einsatzgebiet, habe der Mann ihr erklärt - und auch dieses Gespräch sei somit im Sande verlaufen.

22.28 Uhr: „Also habe ich erneut die 112 gewählt“, fährt die junge Mutter fort, „denn ich habe mir ja große Sorgen um meinen Vater gemacht. Am Telefon sagte ich dann, dass es auch mir und meiner Mutter nicht gut geht, ich aber vor allem Hilfe und einen Krankenwagen für meinen Vater brauche.“

Der Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung habe geantwortet, die Symptome ihres Vaters seien nicht dramatisch und auch das Fieber nicht hoch. „Es war über 38 Grad“, sagt Karagül, „und er hatte bereits Medikamente genommen.“ Weiterhin habe man ihr gesagt, ein Wagen sei nicht nötig - und eventuell müsse sie den Einsatz aus eigener Tasche bezahlen.

„Ich war sauer und traurig“

„Schließlich sagte ich, ich würde meinen Vater notfalls selbst ins Krankenhaus bringen - trotz meiner eigenen Quarantäne.“ Nach über zehn Minuten sei das Gespräch schließlich beendet gewesen - und kein Krankenwagen erschienen. „Ich war sauer und traurig. Mir geht es doch um meinen Vater.“

Obwohl sich die Familie in der Folgezeit intensiv um den 56-Jährigen kümmerte, habe sich sein Zustand über das Wochenende weiter verschlechtert, erinnert sich die 30-Jährige. „Das ging so weit, dass er Blut spuckte. Deshalb habe ich schließlich am Montag gegen 4.30 Uhr noch einmal die 112 angerufen.“

Und an diesem frühen Morgen des 8. Juni sei der Krankenwagen dann zügig gekommen und habe ihren Vater ins Krankenhaus gebracht, wo er stationär aufgenommen wurde.

„Werde eine Anzeige stellen“

„Ich fühle mich von dem Gesundheitssystem im Stich gelassen“, beschreibt die 30-Jährige ihre Gefühle, „denn ich dachte ja, mein Vater liegt im Sterben. Am Freitag habe ich über eine Stunde lang telefoniert und am Ende ist doch kein Wagen gekommen.“

Auf sich sitzen lassen will sie die Angelegenheit aber auf keinen Fall. „Ich habe bereits eine E-Mail an die Staatsanwaltschaft Dortmund geschickt und darin eine Anzeige wegen Körperverletzung gestellt“, sagt Karagül. Nach der Quarantänezeit wolle sie dies auf einer Polizeiwache noch einmal persönlich wiederholen.

Die Dortmunder Staatsanwaltschaft konnte den Eingang der Anzeige auf Nachfrage am Mittwoch (17.6.) nicht bestätigen - das müsse jedoch nichts heißen, so ein Sprecher: Die interne Bearbeitung der per E-Mail eingegangenen Anzeigen brauche immer eine gewisse Zeit.

Die Feuerwehr Dortmund wollte sich auf Anfrage nicht zu dem Sachverhalt äußern, da die besagte Strafanzeige gestellt worden sein soll. „Bis zur Klärung, ob dies tatsächlich der Fall ist, werden wir die Angelegenheit als laufendes Verfahren behandeln und vorläufig keine Stellungnahme abgeben“, teilte der Pressesprecher mit.

Karagüls Vater wurde am Mittwoch, 17. Juni, nach neuntägigem Aufenthalt aus dem Krankenhaus entlassen.

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