Trotz veganer Ernährung und Biokost fanden sich bei Dortmunderin (39) Pestizide im Haar

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Die Grünen ließen europaweit 148 Personen auf Pflanzengift im Haar untersuchen – und wurden bei zwei Dortmundern fündig. Doch für Kritiker ist die Studie an den Haaren herbeigezogen.

Dortmund

, 11.01.2019, 04:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Ingrid Silvasi aus der westlichen Innenstadt ernährt sich seit fünf Jahren vegan, verzichtet also auf tierische Produkte, zieht seit vier Jahren ihr eigenes Gemüse im Mietgarten und kauft ihre Lebensmittel fast ausschließlich im Biomarkt ein. So erzählt sie es und konnte sich deshalb nicht vorstellen, dass sich in ihrem Haar Pestizid-Rückstände finden könnten. Doch genau das ist passiert.

Die 39-Jährige hatte sich im vergangenen Sommer aus Neugier als Probandin für eine Studie zur Verfügung gestellt, die die Grünen im EU-Parlament in Auftrag gegeben hatten. Nach einem Aufruf zur Teilnahme auf der Internetseite des Grünen-Europa-Politikers Sven Giegold meldete sich Ingrid Silvasi per Mail an und schickte im Juli eine drei Zentimeter lange Haarprobe in ein Labor. Im November erhielt sie das Ergebnis: „In meinem Haar befanden sich Spuren des Pestizids Chlorpyrifos.“

Gefundenes Insektizid ist in Deutschland nicht zugelassen

Dieses Pflanzengift musste Ingrid Silvasi erst mal googeln und stellte fest: „Meine Werte sind nicht so hoch, dass ich an Krebs erkranken könnte.“ Es gibt auch keine Hinweise oder Daten, dass Chlorpyrifos krebserregend ist. Doch Chlorpyrifos wird mit gesundheitsschädlichen Auswirkungen für den Menschen, vor allem bei der Entwicklung des kindlichen Gehirns im Mutterleib und nach der Geburt, in Verbindung gebracht. Das Insektizid ist in Deutschland nicht zugelassen, auch weil es hier nicht gebraucht wird, darf aber wegen anderer klimatischer Anforderungen unter anderem in Frankreich und anderen EU-Ländern zum Schutz etwa von Weintrauben und Zitrus-Früchten gespritzt werden.

An dem Pilotprojekt der Europa-Grünen haben 148 Probanden aus sechs EU-Mitgliedsstaaten teilgenommen, darunter auch Kinder und Senioren, 25 Teilnehmer sind aus Nordrhein-Westfalen. Ihre Haarproben wurden auf 30 in der EU zugelassene Pestizide getestet. Sie werden in der Landwirtschaft, für tierärztliche Zwecke oder in Haustierprodukten wie Zeckenspray verwendet.

34 deutsche Proben

In jeder zweiten Probe in NRW wurden nach Angaben der Grünen Rückstände mit mindestens einem hormonveränderndem Pestizid festgestellt. Damit seien die Haarproben aus NRW leicht stärker belastet als der Durchschnitt der insgesamt 34 deutschen Proben. Die Probanden lebten in Städten und in ländlichen Regionen, so die Grünen.

Ingrid Silvasi hat eine Vermutung, wie das Insektizid in ihr Haar gelangt ist. „Zuhause achten wir zwar penibel darauf, dass wir nach Möglichkeit Bio einkaufen, aber wenn man außerhalb oder bei Freunden isst, ist das schwierig, wenn man soziale Kontakte pflegen will.“ Sie glaubt, dass die Pestizid-Belastung von Wein stammt, den sie außer Haus getrunken hat: „Wein, der nicht biologisch hergestellt wird, ist besonders belastet.“

Ingrid Silvasi musste das Wort Chlorpyrifos erst mal googeln, bevor sie das Messprotokoll nachlas.

Ingrid Silvasi musste das Wort Chlorpyrifos erst mal googeln, bevor sie das Messprotokoll nachlas. © Oliver Schaper

Dreijähriges Kind betroffen

Ingrid Silvasis Wert für Chlorpyrifos-methyl liegt bei 21,5 pg/mg (Pikogramm pro Milligramm). Dieser Wert ist der höchste, der in der Studie für Chlorpyrifos angegeben wurde. Der niedrigste verlässlich quantifizierbare Mengenwert wird mit 20 pg/mg angegeben. Dies bedeutet, dass sich alle Messwerte an der Bestimmungsgrenze befanden und damit sehr niedrig liegen. Deshalb macht sich Ingrid Silvasi nicht allzu sehr einen Kopf. „Beunruhigender ist“, sagt sie, „dass in Dortmund auch ein Kind betroffen ist. Kinder werden von der Pestizid-Belastung viel mehr in Mitleidenschaft gezogen.“

Wie das dreijährige Kind, das neben Ingrid Silvasi aus Dortmund an der Analyse teilgenommen hat. Die Eltern wollen aus Rücksicht auf ihr Kind anonym bleiben, stellen aber seine ermittelten Analysedaten zur Verfügung. Im eingeschickten Haar des Kindes wurde das Fungizid Propinconazol festgestellt. Fungizide sind Wirkstoffe, die Pilze und Sporen vernichten. Sie werden zum Beispiel als Holzschutzmittel eingesetzt sowie bei Mais, Erdnüssen, Mandeln, Nektarinen und Pflaumen. Propinconazole ist als Pflanzenschutzmittel in Deutschland zugelassen. Eingesetzt wird es meistens im Getreideanbau.

Toxikologe: „Kopfhaar-Analytik ist sehr mit Vorsicht zu genießen“

Die Mutter des Kindes sagt: „Wir ernähren uns bewusst und kaufen ökologisch ein. Aber natürlich isst das Kind auch in der Kita oder bei Freunden. Es ist schon erschreckend, dass ein Wert festgestellt wurde. Man möchte sich ja bestmöglichst um sein Kind kümmern.“

Prof. Dr. Thomas Gebel, Toxikologe bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, sieht den Haartest der Grünen sehr kritisch.

Prof. Dr. Thomas Gebel, Toxikologe bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, sieht den Haartest der Grünen sehr kritisch. © privat

Prof. Dr. Thomas Gebel, leitender Toxikologe bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Dortmund, sieht die Analyse der EU-Grünen und das Ergebnis sehr kritisch. „Kopfhaar-Analytik ist sehr mit Vorsicht zu genießen“, sagt der Wissenschaftler. Prof. Gebel gilt als erfahren in der Risikobewertung von Pestiziden und Bioziden sowie anderen Chemikalien, hat eigene praktische Erfahrungen im Bereich der Analytik von Schadstoffen, auch in Kopfhaar.

Zehn Mal mehr Quecksilber im Kopfhaar

Das, was die Haaranalytik der Grünen aussage, sei, dass man etwas gefunden habe. Aber: „Die Analytik ist heute so gut, dass man überall fast alles findet.“ Zur Einordnung des Chlorpyrifos-Wertes von Ingrid Silvasi sagt er: „21,5 pg/mg – jeder von uns hat zehn Mal so viel Quecksilber im Kopfhaar. Außerdem liegt der Wert als Maximalwert nur geringfügig über der Bestimmungsgrenze.“ Und es seien EU-weit nur 148 Proben untersucht worden. Das sei zum Ersten von der Statistik her grauselig, und zum Zweiten sei nur in sehr wenigen Proben überhaupt eine Belastung mit Chlorpyrifos gefunden worden.

Auch nach dem Bericht der Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde habe man bei 10.000 Messungen in Nahrungsmitteln zu fast 99 Prozent überhaupt kein Chlorpyrifos gefunden, führt Prof. Gebel weiter aus.

Quellen der nachgewiesenen Pestizide sind unklar

Zwar hat das von den Grünen beauftragte Labor das Alter, die Nähe zu Feldern und eine Tätigkeit in der Landwirtschaft berücksichtigt, doch über die Quellen der nachgewiesenen Pestizide herrsche Unklarheit. Für Gebel ist nicht ausgemacht, dass zum Beispiel Ingrid Silvasi das Chlorpyrifos durch Wein oder andere Lebensmittel aufgenommen hat. „Man weiß nicht, ob das Chlorpyrifos von innen oder von außen – zum Beispiel durch Zitrus- oder Apfelshampoo – ins Haar gelangt ist.“ Ingrid Silvasi gibt an, nur Naturkosmetik zu benutzen.

Ihr Chlorpyrifos-Maximalwert von 21,5 pg/mg sei sehr, sehr niedrig, sagt Prof. Gebel. Damit die Werte überhaupt Aussagekraft hätten, müssten Blut und Urin analysiert werden, und das nicht nur einmal. Auch der niedrige Propiconazol-Wert im Haar des Dreijährigen aus Dortmund liegt laut Prof. Gebel sicher nicht in einem kritischen Bereich: „Aus dem Laborbericht ist zu entnehmen, dass Propiconazol in allen aus Deutschland gemessenen Haarproben unter der Bestimmungsgrenze lag. Das heißt, alle Werte waren so niedrig, dass man den Stoff zwar nachgewiesen hat, aber man keine belastbaren Zahlen angeben kann, weil das die Analytik nicht hergibt.“

Grüne: „Alarmierende Ergebnisse“

Die EU-Grünen dagegen sprechen von „alarmierenden Ergebnissen“ und nehmen ihren mehr als 80 Seiten umfassenden Haartest zum Anlass, strengere Prüfkriterien für die Zulassung von Pestiziden zu fordern, die Stoffe wie Chlorpyrifos enthalten, die sie als endokrine Disruptoren, sogenannte Umwelthormone ansehen. Im Dezember hat auch das Europäische Parlament mit großer Mehrheit mehr Transparenz der Zulassungsverfahren von Pflanzenschutzmitteln und Wirkstoffen in der Lebensmittelkette gefordert.

Nach Ansicht der EU-Kommission bestehen Wissenslücken insbesondere hinsichtlich eines möglichen Cocktaileffekts, also beim Zusammenwirken verschiedener Chemikalien. Deshalb sollen die bisher geltenden Schwellenwerte für Einzelstoffe einer neuen Bewertung unterzogen werden. In diesem Zusammenhang sind auch Kriterien entwickelt worden, um hormonartige Wirkungen von Pflanzenschutzmitteln gesondert zu berücksichtigen. Dies wird künftig in die Risikobewertung aufgenommen.

Immer wieder werden Stichproben untersucht

Prof. Gebel sagt, das bestehende Zulassungsverfahren sei „das Beste und Sicherste, das wir haben. Eine gesonderte Bewertung auf hormonartige Wirkungen ist für Pflanzenschutzmittel überflüssig. Wenn ein solcher Wirkstoff hormonartig wirkt, wird das in den Standardprüfungen bereits jetzt erkannt.“ Immer wieder würden zudem Stichproben auf Rückstände von Pflanzenschutzmitteln untersucht.

Die Seite mit den Messwerten von Ingrid Silvasi

Die Seite mit den Messwerten von Ingrid Silvasi © Oliver Schaper

Gebel: „Normalerweise haben wir in Nahrungsmitteln kaum Höchstmengen-Überschreitungen.“ Die eigentliche Frage laute doch, welche Art von Landwirtschaft wollen wir? Die industrielle mit Pflanzenschutzmitteln, die Nahrung billig und in großen Mengen in guter Qualität bereitstelle, oder das deutlich teurere Bio? „Ist die Allgemeinbevölkerung bereit, viel mehr für Nahrung zu bezahlen und zum Beispiel auch weit weniger Fleisch zu essen?“

Mutter: Ohne Verbote von Pestiziden kaum eine Chance

„Ohne Verbote von Pestiziden gibt es wohl kaum eine Chance, Kinder von diesen Giften fernzuhalten“ sagt die Mutter des Dreijährigen, in dessen Haar das Fungizid nachgewiesen wurde, „das ist traurig für unsere Gesellschaft im 21. Jahrhundert. Denn man kann Gemüse und Obst ja auch ohne Pestizide anbauen.“

Ingrid Silvasi baut ihr Gemüse biologisch in einem Mietgarten auf einer Feldparzelle in Holthausen an. Nach dem Ergebnis ihres Haartests fragte sie Thomas Westermann, von dem sie die Parzelle gemietet hat, ob er beeinflussen könne, was die Bauern drum herum spritzen.

Auf Anfrage erklärte Westermann, er lege seine Hand dafür ins Feuer, dass seine Berufsnachbarn, die zu 90 Prozent konventionell anbauen, Chlorpyrifos nicht einsetzen: „Man kennt es hier nicht und braucht es nicht.“ Für ihn ist das Ergebnis des Haartests ein Zeichen, „dass diese ganze Label-Etikettierung von Bio im Ausland keiner nachvollziehen kann. Bio wird in den EU-Ländern unterschiedlich gehandhabt.“

Dem Vorsorgeprinzip besonders verpflichtet

Aus fachlicher Sicht besteht, so Prof. Gebel, keine Veranlassung, sich Sorgen über mögliche Gesundheitsgefährdungen durch Rückstände in Pflanzenschutzmitteln zu machen: „Wir werden so alt wie nie zuvor. Was uns umbringt, ist Übergewicht, zu wenig Bewegung, zu viel Rauchen und zu viel Alkohol.“

Die Grünen fühlten sich dem Vorsorgeprinzip besonders verpflichtet, sagen der EU-Parlamentarier Sven Giegold und der Leiter der Studie, Maximilian Fries. Sie wollen sich weiter dafür einsetzen, dass „alle vermeidbaren hormonschädigenden Substanzen aus unserem Alltag verschwinden“.

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