Die Fahrgastzahlen in Bus und Bahn sind großen Schwankungen unterworfen. © Gregor Beushausen
ÖPNV in Dortmund

Trotz vorerst guter Fahrgastzahlen: DSW21 rechnet mit Millionen-Verlust

DSW21 meldet knapp 100 Millionen Passagiere für Januar bis Oktober. Dass die Zahl kaum kleiner als vor Corona ist, liegt an der Berechnung. Eigentlich steuert das Unternehmen auf hohen Verlust zu.

Im ersten Lockdown im März waren Busse und Bahnen teilweise menschenleer. Die Passagierzahlen sind nach Angaben der Dortmunder Stadtwerke (DSW21) bis um 66 Prozent gesunken. „Wir hatten zeitweise nur noch ein Drittel der sonst üblichen Fahrgäste“, sagt DSW21-Sprecherin Britta Heydenbluth. Danach ging es langsam aufwärts. Ende Mai sei zumindest die Hälfte der Passagiere wieder an Bord gegangen.

Im Spätsommer seien die Zahlen sogar auf 80 bis 95 Prozent gestiegen. Mit Beginn des „Lockdowns light“ im November gingen sie prompt wieder auf Talfahrt. Zurzeit seien etwa „zwei Drittel“ der Kunden aus dem Vorjahreszeitraum in Dortmunder Bussen und Bahnen unterwegs, heißt es. Übers Gesamtjahr betrachtet, ergibt sich also ein spürbarerer Rückgang.

Die Überraschung: Trotzdem vermeldet DSW21 auf Anfrage wieder ein stolzes Aufkommen von 98,2 Millionen Fahrgästen von Januar bis Oktober 2020. Das wären gerade mal 9,7 Prozent weniger als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Im gesamten Jahr 2019, als von Corona noch nichts zu spüren war, sind nach DSW21-Angaben 131,1 Millionen Kunden in Busse und Bahnen gestiegen. Wie realistisch sind also die aktuellen Werte?

VRR gibt den Verkehrsunternehmen die Zählweise vor

Antwort: wenig bis gar nicht. Von “einer Momentaufnahme” spricht DSW21-Verkehrsvorstand Hubert Jung. “Die Zahlen könnten künftig noch korrigiert werden.” Und zwar kräftig nach unten.

Hintergrund: Die Passagierzahlen basieren auf Hochrechnungen und statistischen Werten, die der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) den örtlichen Verkehrsbetrieben vorgibt. Legt sich ein Kunde beispielsweise ein Ticket1000-Abo zu, das ab 9 Uhr morgens gilt, geht man davon aus, dass dieser Kunde mit seinem Ticket pro Monat tatsächlich 49 Fahrten absolviert.

Bei einem Ticket2000-Abo legt der VRR sogar 69 Fahrten pro Monat zu Grunde. So multipliziert, ergeben sich Größenordnungen, die mit dem wirklichen Leben unter Corona-Bedingungen wenig zu tun haben. Trotzdem hat der VRR seine Parameter und seine Zählvorgaben bislang nicht verändert. Mittlerweile scheint die Aktualität aber auch den VRR einzuholen: „Wir überlegen, die den Zeitkarten zugrunde gelegte Fahrthäufigkeit anzupassen“, so ein VRR- Sprecher auf Anfrage. Wann, bleibt offen.

DSW21 rechnet mit Coronaschäden von 20 Millionen Euro

Das bedeutet: Auch DSW21 wird in seiner endgültigen Jahresbilanz 2020 auf deutlich weniger Passagiere kommen als die statistisch errechneten 98,2 Millionen bis Ende Oktober. Dafür spricht bereits, dass auch der Einzelkartenverkauf wenig überraschend um fast die Hälfte (47,8 Prozent) in die Knie gegangen ist. Die Erlöse aus dem Barverkauf sind um rund 13 Millionen Euro gesunken.

Gleichzeitig sind die Kosten erst einmal gestiegen: etwa durch Ausgaben für den Infektionsschutz und zusätzliche Leistungen beim Schülerverkehr. Für den hat die Stadt Dortmund (für DSW21) inzwischen Fördermittel des Landes beantragt.

„Wir gehen davon aus, dass wir im ÖPNV-Bereich 2020 insgesamt rund 20 Millionen Euro verlieren“, teilt DSW21-Verkehrsvorstand Jung mit. Und weist sogleich auf die Zusage des Bundes und des Land NRW hin, die durch die Pandemie entstandenen Schäden ausgleichen zu wollen. Zumal Busse und Bahnen ohnehin chronisch unterfinanziert sind. Auch die Dortmunder Stadtwerke haben 2019 ein Defizit von minus 51,3 Millionen Euro eingefahren. Vor Jahren lag es sogar noch höher.

Zwar geht Jung davon aus, dass sich die Passagierzahlen 2021 wieder etwas berappeln. Trotzdem rechnet er mit weiteren Einnahmeverlusten. „Ich erhoffe mir vom Land zumindest einen Teilausgleich“, sagt Jung. Es gebe eine Absichtserklärung, „uns auch im nächsten Jahr nicht im Regen stehen zu lassen.“

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Jahrgang 1961, Dortmunder. Nach dem Jura-Studium an der Bochumer Ruhr-Uni fliegender Wechsel in den Journalismus. Berichtet seit mehr als 20 Jahren über das Geschehen in Dortmunds Politik, Verwaltung und Kommunalwirtschaft.
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