TU-Forscher: Corona-Neuinfektionen gehen schon seit Ende März zurück

mlzDatenauswertung

Seit Beginn der Corona-Krise gehen die Kranken-Zahlen gefühlt konstant steil nach oben. Die Datenauswertung eines TU-Forschers macht nun Mut: Laut ihr sinken die bundesweiten Fallzahlen längst.

Dortmund

, 10.04.2020, 09:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Statistiken haben in der Corona-Krise Hochkonjunktur: Der Blick auf Kurven-Diagramme mit Ansteckungszahlen ist für viele Teil der täglichen Routine geworden. An Frühstückstischen wird plötzlich über die Verdoppelungsrate in den USA gefachsimpelt.

Bisher kannten diese Zahlen meist nur eine Richtung: nach oben, und zwar steil. Bis zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Berichts (9.4.) hatten sich in Deutschland offiziell über 110.000 Menschen mit dem neuartigen Coronavirus infiziert. In Dortmund gab es 507 bestätigte Fälle, eine Woche zuvor waren es noch 360 - eine Steigerung von 41 Prozent.

TU-Wissenschaftler: „Wir haben den Höhepunkt erreicht“

Das ist bei den Zahlen von Götz Uhrig anders. Der 55-jährige Wissenschaftler ist Professor an der TU Dortmund und hat die vom Robert-Koch-Institut (RKI) veröffentlichten bundesweiten Zahlen der täglichen Neuinfektionen analysiert. Er sagt: „Wir haben den Höhepunkt erreicht. Bereits seit dem 31. März gehen die Zahlen im Trend zurück.“

Uhrig ist kein Epidemologe oder Virologe, sondern theoretischer Physiker. Krankheitserreger und ihre Verbreitungswege gehören nicht zu seinem Fachgebiet - die Auswertung und Analyse von Zahlen und Daten aber schon. Als er sich die Zahlen der täglichen Neuinfektionen auf der Internetseite des RKI anschaute, fiel ihm eine Besonderheit auf, die er aus seinem Arbeitsalltag sehr gut kennt.

Regelmäßige Schwingungen müssen herausgerechnet werden

Uhrig beschäftigt sich normalerweise mit Lasern, die man auf Festkörper strahlt, um diese auf atomarer Ebene zu beeinflussen. Dabei entstehen so genannte Oszillationen in den Daten, gleichmäßige Schwingungen, die Uhrig herausrechnen muss, um aussagekräftige Daten zu bekommen. Wichtig ist dabei, die richtige Schwingungsperiode zu bestimmen - im Falle des Laserpulses ist es eine verschwindend geringe Zeitspanne von einer Zehnbillionstel-Sekunde.

Auch bei den RKI-Zahlen entdeckte Uhrig eine Oszillation, wenn auch eine ungleich größere: Alle sieben Tage bricht die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen ein, immer sonntags. „Offensichtlich sind diese sieben Tage ein Wochenrhythmus, der von den Arbeitszeiten der Gesundheitsämter, Labore und Testzentren herrührt“, sagt er.

Also wandte er seine Laserpuls-Methode auf die Zahl der Neuinfektionen an. Er errechnete für jeden Tag einen 7-Tages-Mittelwert, um die wochentagsbedingten Schwankungen herauszufiltern. Heraus kam eine eindeutige Entwicklung: Seiner Auswertung zufolge wuchs die Zahl der Neuinfektionen bereits seit dem 17. März nicht mehr exponentiell, die Kurve flachte sich ab. Am 31. März erreichte die Entwicklung ihren Höhepunkt, seitdem sinkt die Zahl der Neuinfektionen.

Uhrig zufolge zeigt die Auswertung, dass die Eindämmungsmaßnahmen gegen das Coronavirus, die die Bundesländer seit Anfang März nach und nach einführten, gegriffen haben. „Plausiblerweise wird die Kurve der Neuinfektionen weiter abfallen“, sagt Uhrig.

In Dortmund ist der Höhepunkt der Neuansteckungen noch nicht erreicht

Die Tendenz in seinen Zahlen deckt sich auch mit der derzeit häufig benutzten Verdopplungsrate der Infiziertenzahlen: Diese stieg für Deutschland innerhalb weniger Tage von unter 10 auf 16 Tage (Stand: 9.4.). Uhrig findet seine Zahlen jedoch passender: „Die Verdoppelungszeiten gehen immer noch von einem exponenziellen Wachstum aus. Meine Zahlen sind da optimistischer.“

In Dortmund haben die Neuinfektionen nach Uhrigs Methode hingegen noch nicht ihren Höhepunkt erreicht. Auf der lokalen Ebene seien die Daten mit Vorsicht zu genießen, meint der Physiker: „Je kleiner die Zahlen sind, desto anfälliger sind sie für zufällige Schwankungen.“

Das RKI wollte sich auf Anfrage nicht zu Uhrigs Datenauswertung äußern: „Das RKI kann generell keine Äußerungen einzelner Wissenschaftler kommentieren.“

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