Unmut über neue Adresse: Anwohner kritisieren „Diktatur“ der Stadtverwaltung

mlzBürger-Frust

Quasi über Nacht haben vier Dortmunder Familien eine neue Adresse erhalten. Sie sind sauer auf ihren Vermieter und auf die Stadt. Doch die sieht gute Gründe für die Änderung.

Lütgendortmund

, 06.02.2020, 17:31 Uhr / Lesedauer: 3 min

Normalerweise ändert sich die Adresse von Menschen nur, wenn sie umziehen. Doch in Dortmund haben vier Familien nun ihren Wohnort nur auf dem Papier gewechselt: Seit kurzem haben sie eine neue Adresse, obwohl sie noch immer in denselben Häusern wohnen.

Auslöser für den ungewollten „theoretischen Umzug“ ist eine kuriose Verwechslungsgeschichte in einer Lütgendortmunder Wohnsiedlung: Über Monate landeten Pakete, Getränke und Pizzen für Dieter Schmidt regelmäßig bei Waldemar Schmidt.

Dieter Schmidt suchte Hilfe bei der Bezirksvertretung

Die beiden Nachbarn haben nicht nur denselben Nachnamen, sondern auch dieselbe Hausnummer, wohnen allerdings in unterschiedlichen Straßen. Der eine im Dellwiger Feld 23, der andere im Oerfeld 23. Fehlende Straßenschilder machten die Verwirrung für die Zusteller perfekt.

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Irgendwann wurde es Dieter Schmidt aus dem Dellwiger Feld zu bunt. Im November 2019 bat er die Bezirksvertretung Lütgendortmund um Hilfe. Sein Vorschlag: Ein Hinweisschild mit der Aufschrift „Zu den Häusern Oerfeld“ am Anfang der Stichstraße könnte die Zahl der fehlerhaften Zustellungen doch eindämmen.

Vier Familien haben eine neue Adresse bekommen

Tatäschlich reagierte die Stadt schnell, aber anders als angeregt: Vier Familien haben nun eine neue Adresse bekommen. Aus den Anschriften „Oerfeld 21, 23, 25 und 27“ wurde quasi über Nacht „Dellwiger Feld 43, 45, 47 und 49“.

Unmut über neue Adresse: Anwohner kritisieren „Diktatur“ der Stadtverwaltung

Diese beiden Dogewo-Doppelhäuser am Ende der Stichstraße sind von der Umbenennung betroffen. Aus den Adressen „Oerfeld 21, 23, 25 und 27“ wurde „Dellwiger Feld 43, 45, 47 und 49“. © Beate Dönnewald

Die schriftliche Begründung der Stadt: Die ursprüngliche Lagebezeichung (Oerfeld) sei für diese Gebäude irreführend, da sie sich am Ende einer Stichstraße der Straße „Dellwiger Feld“ befinden. Deshalb müssten die Häuser auch namentlich dieser Straße zugeordnet werden, um „die Auffindbarkeit durch Rettungskräfte zu erleichtern“.

„Ist das nicht Diktatur, wenn am Bürger vorbei entschieden wird?“

Das habe in den vergangenen 30 Jahren doch auch funktioniert, sagen Martin (45) und Nina Sosna (41), ehemals Oerfeld 25, jetzt Dellwiger Feld 45. Sie sind doppelt entsetzt: nicht nur über die Umbenennung, sondern auch über die Informationspolitik. So sei nur die Dogewo als Eigentümerin über das Vorhaben informiert und auch nur ihr eine vierwöchige Einspruchsfrist eingeräumt worden.

Unmut über neue Adresse: Anwohner kritisieren „Diktatur“ der Stadtverwaltung

Die beiden Häuser, ehemals Oerfeld 21, 23, 25, 27, am Ende der Stichstraße der Straße Dellwiger Feld wurden nun auch namentlich der richtigen Straße zugeordnet. Die Anschriften lauten nun Dellwiger Feld 43, 45, 47, 49.

„Ist das nicht Diktatur, wenn am Bürger vorbei entschieden wird?“, fragt Martin Sosna (45). Man hätte mit einfachen Schildern das Problem lösen können, stattdessen habe man „Mietparteien zu Opfern einer Verwechslungsgeschichte gemacht“.

Sein Unmut richtet sich deshalb auch gegen Dietmar Schmidt, der ungewollt den Stein ins Rollen gebracht hat. „Das tut mir wirklich leid für die Anwohner“, sagt Schmidt dieser Redaktion.

Stadt: „Diesen Fehler mussten wir beheben“

Auch Christoph Buddendick vom Vermessungs- und Katasteramt hat volles Verständnis dafür, dass die Anwohner gefrustet sind. „Wir wollen hier niemanden ärgern und versuchen stets, die Auswirkungen für die Bürger so gering wie möglich zu halten.“ Aber die Umbenennung sei alternativlos gewesen.

Unmut über neue Adresse: Anwohner kritisieren „Diktatur“ der Stadtverwaltung

Seit Dienstag (4.2.) stehen die neuen Straßenschilder. © privat

„Die Gebäude waren nicht der richtigen Straße zugeordnet, diesen Fehler mussten wir beheben, um vor allem für Notärzte und Rettungskräfte die Zuwegung eindeutig zu machen.“

Diese Maßnahme könne im Notfall Leben retten, dagegen könne doch niemand etwas haben, sagt Buddendick. „Das Problem sind hier ja nicht die kalten Pizzen.“ Für die Stadt sei grundsätzlich der Haus-Eigentümer der Ansprechpartner, in diesem Fall also die Dogewo. Deshalb habe man sich nicht direkt an die Anwohner gewendet.

Auch Firmenadresse hat sich geändert

Die betroffenen Familien ärgern vor allem die unangenehmen Folgen der Umbenennung: So stünden nervige und zeitaufwendige Behördengänge für die Berichtigung des Personalausweises und Kraftfahrzeugscheins an (die übrigens kostenfrei ist). Außerdem müssten Banken, Krankenkassen, Versicherungen und viele andere Stellen informiert werden.

Unmut über neue Adresse: Anwohner kritisieren „Diktatur“ der Stadtverwaltung

Seit Dienstag (4.2.) stehen die neuen Straßenschilder. © privat

Für Martin Sosna zusätzlich ärgerlich: Für ihn hat sich auch die Firmenadresse seines Merchandise-Unternehmens geändert: „Ich muss auf meine Kosten den Gewerbeschein wieder ummelden, beim letzten Mal habe ich über drei Monate darauf gewartet.“ Auch allen Kunden müsse er die neue Adresse mitteilen.

Weitere Ärgernisse: „Ich bekomme als Dellwiger Feld 45 momentan keine Post mehr. Weder von Hermes, DHL, UPS noch von sonst einem Zusteller. Das Navi findet das Dellwiger Feld 45 nämlich nicht“, erzählt Martin Sosna. „Wir sind im Niemansland. Uns findet keiner, auch Rettungskräfte nicht.“

„1000 Gänge warten jetzt auf mich“

Nachbarin Vanessa Schmidt, die jetzt nicht mehr im Oerfeld 23, sondern im Dellwiger Feld 47 wohnt, ist genauso aufgebracht. „1000 Gänge warten jetzt auf mich.“ Gerade erst habe sie ihr Kind in der Schule mit der alten Adresse angemeldet.

Auch die Dogewo hat Verständnis für ihre Mieter. „Wir können nachvollziehen, dass die mit der Umbenennung in Zusammenhang stehenden erforderlichen Maßnahmen für die betroffenen Mieter nicht erfreulich sind. Die Stadt hat jedoch vorrangige und gut nachvollziehbare Gründe benannt, welche für uns in keiner Weise zu beanstanden sind“, erklärt Unternehmenssprecherin Kerstin zu Horst.

Neue Hausnummern und neue Straßenschilder

Mittlerweile sind an den vier Eingängen neue Hausnummern angebracht worden. Am Dienstag (4.2.) wurden auch die neuen Straßenschilder aufgestellt. „Wir sind Ihrer Redaktion wirklich dankbar, dass sie uns durch ihre Berichterstattung auf den Fehler aufmerksam gemacht hat“, so Christoph Buddendick.

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