Urban Gardening ist auch in Dortmund die neue Erdung

mlzFreies Stadtgärtnern

Urban Gardening schlägt zunehmend Wurzeln mitten in der Stadt. Der Westgarten am Westpark geht in die dritte Saison. Es ist bei weitem nicht der einzige Fall von gemeinschaftlichem Gärtnern.

Dortmund

, 21.03.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die knapp 50 Hochbeete am Rande des Westparks sind mit Pferdemist gedüngt und warten auf die zartgrünen Gemüse-Pflänzchen. Die strecken noch ihre Keimblättchen in das Licht, das knapp 100 Meter Luftlinie entfernt durch die Schaufenster des Ladenlokals an der Rheinischen Straße 137 fällt. Hier residieren die Urbanisten – ein gemeinnütziger Verein, der die Stadt aktiv mitgestalten will, unter anderem durch gemeinschaftliches Gärtnern.

Ihre Vision vom Einklang nachhaltiger Ökologie, Ökonomie und Gemeinschaftssinn beackern die Urbanisten im Westgarten. Von den Grünen angestoßen, entsteht der offene Palettengarten seit Sommer 2017 Stück für Stück beziehungsweise Hochbeet für Hochbeet und macht sich auf in seine dritte Saison. Die meisten aus der Kerngruppe von rund 15 Mitstreitern gärtnern noch immer mit.

Im Winter Workshops

Der Sozialwissenschaftler Jonas Runte und der Raumplaner Nils Rehkop führen Regie im Westgarten. Über eine Chat-App sind sie mit 37 Mitgliedern vernetzt. Im Winter organisieren sie Workshops etwa zu Permakultur, Saisonplanung, Pflanzenanzucht und Vogelhausbau, im Sommer steuern sie das Gärtnern vor Ort und Aktionen wie den Bau von Gartenmöbeln.

Jonas Runte ist der Praktiker: „Die Fläche für den Westgarten war da, ich hatte Lust und Zeit, mich darum zu kümmern.“ Schon seine Eltern zu Hause in Hattingen hatten einen Garten. Nils Rehkop hat das Gärtnern sozusagen in seiner DNA. Sein Opa hatte eine große Tomatengärtnerei in Einbeck. Schon lange beschäftigt sich der Raumplaner viel mit Urban Farming und Gardening, kommt ursprünglich von der Aquaponik, der Kombination aus Fisch- und Pflanzenzucht. Seit fünf Jahren betreut er ein solches Gewächshaus im benachbarten Union-Gewerbehof.

Pflanzplan für die Hochbeete

Runte und Rehkop steigen in diesen Tagen oft in den Keller des Ladenlokals an der Rheinischen Straße. Dort ziehen sie seit Februar weitere Gemüsepflanzen unter Licht vor. Ebenso im Gewächshaus auf dem Union-Gewerbehof. Bevor das Saatgut bestellt wurde, hat die Kerngruppe überlegt, welche Sorten sich vertragen oder gar begünstigen und wie die Pflanzen nach Sonnenlage auszurichten sind.

Die vorgezogenen Chili-Pflänzchen im Schaufenster des Ladenlokals der Urbanisten warten darauf, in die Hochbeete gesetzt zu werden.

Die vorgezogenen Chili-Pflänzchen im Schaufenster des Ladenlokals der Urbanisten warten darauf, in die Hochbeete gesetzt zu werden. © Gaby Kolle

Was in diesem Jahr wo in den Hochbeeten landet, steht bereits auf der weißen Tafel im Besprechungsraum: Tomaten, Erbsen, Bohnen, Kohl, Salat, Gurken, Mangold, Knoblauch, Zwiebeln, Möhren, Spinat, Kartoffeln, Kürbis, darunter auch alte und seltene Sorten. An Obst gibt es Himbeeren, Erdbeeren und Brombeeren sowie einen Kiwi-Strauch. Am Zaun entlang rankt der Hopfen.

Saisonauftakt am 30. März

Auftakt der Westgarten-Saison ist am Samstag, 30. März. Da werden die Hochbeete aus dem Winterschlaf geholt und ab dann bis zum Herbst jeden Samstag ab 11 Uhr bepflanzt, gegossen, gepflegt und über den Sommer abgeerntet. „Wir bauen Pflanzen an, die sich gut verteilen lassen“, sagt Nils Rehkop.

Alles, was an dem jeweiligen Samstag geerntet wird, kommt auf den Tisch. „Jeder nimmt das, was er gerade gebrauchen kann“, sagt Nils Rehkop. Das gehe immer auf. „Mehr, als möglichst viel nach Hause zu tragen, geht es darum, etwas gemeinsam zu erschaffen. Gardening-Projekte sind immer auch auf den sozialen Aspekt ausgelegt. Man trifft sich, hält sich draußen auf, lernt gemeinsam zu gärtnern und hat Spaß.“ Wissen wuchert, und mit den Pflanzen wächst die Gemeinschaft.

Kein Neuland in Dortmund

Unterstützt wird die Gruppe von der Garten-AG des benachbarten Westfalenkollegs. Ein Biolehrer ist von Beginn an dabei. Die Schüler-AG hat ihre eigenen Hochbeete auf dem Areal. Sie trifft sich immer donnerstags. „Das erfreut sich zunehmender Beliebtheit“, sagt Jonas Runte, „in diesem Jahr sind es elf Leute vom Westfalenkolleg, so viel wie nie.“

Urban Gardening ist in Dortmund kein Neuland. Die Idee ist bereits an mehreren Stellen im Stadtgebiet aufgeblüht. Seit vielen Jahren gibt es als Vorläufer der Bewegung den Umweltkulturpark vom Verein Permakultur auf einem riesigen Areal von zwölf Hektar in Barop. Die Akteure dort geben ihr Wissen in Workshops auch an die Urbanisten weiter.

„Ernte deine Stadt“

Den Anfang für Urbanes Gärtnern machten im Jahr 2012 die Urbanisten mit dem Projekt „UrbanOase“ im Unionviertel, damals als Quartiersfondsprojekt gefördert.

Mit dem Projekt „Querbeet Hörde. Ernte deine Stadt“ hat 2013 und 2014 ein Team aus der Technischen Universität (TU) Dortmund, den Urbanisten und dem Planungsbüro Plan-Lokal dortigen Bewohnern das städtische Gärtnern nahe gebracht. So werden diese Früchte immer noch im Gemeinschaftsgarten Schallacker im ehemaligen Hörder Freibad geerntet.

Unter anderem mit Hochbeeten am Neumarkt soll der Stadtteil „er-essbar“ werden. Die Hochbeete in Hörde sind Teil des Stadtumbaus Soziale Stadt und fördern die Stadtökologie. Man kann die Hochbeete in Hörde am eigenen Haus aufstellen oder im öffentlichen Raum. Das von der Bezirksvertretung Hörde beschlossene Projekt wird mit Mitteln von Bund, Land und Stadt finanziert.

Grüner Protest gegen grauen Beton

Das Quartierprojekt Tante Albert in der Nordstadt nahe dem Borsigplatz geht wie der Westgarten in sein drittes Jahr. Das Stadtteilprojekt wurde von Anwohnern der Albertstraße selbst initiiert. 15 bis 20 Mitglieder engagieren sich dort aktiv und regelmäßig, ungefähr 50 Personen machen im erweiterten Kreis mit.

Gemeinschaftliches Gärtnern ist der grüne Protest gegen grauen Beton. Zudem gewinnt die lokale Nahrungsmittelproduktion immer mehr an Bedeutung und weckt bei vielen Menschen Neugierde und Motivation zum aktiven Gärtnern. Jeder Heimgärtner freut sich über sein selbst geerntetes Salatblatt. Und von dem selbst gezogenen Grün weiß man wenigstens, woher es kommt, und wie es angebaut ist: bio, aus der Region, ohne lange Transportwege und obendrein preiswert.

Jonas Runte (l.) und Nils Rehkop hängen im Westgarten selbst gebaute Nistkästen auf.

Jonas Runte (l.) und Nils Rehkop hängen im Westgarten selbst gebaute Nistkästen auf. © Gaby Kolle

Mit Agenda-Siegel ausgezeichnet

Der Westgarten wurde mit dem Agenda-Siegel der Stadt für nachhaltige Projekte ausgezeichnet und wird vom Bundesumweltministerium im Rahmen der Initiative „Kurze Wege für den Klimaschutz“ gefördert. „Mit dem Geld können wir Referenten einladen“, erläutert Nils Rehkop. Urban Gardening sei nicht kosten-, aber personalintensiv. Deshalb gibt es auch Projekte wie der 2013 in der Nordstadt offiziell eröffnete Bürgergarten Heroldwiese, die im Laufe der Zeit erlahmen, weil das Engagement der Nachbarn zu gering ist.

Viele Gemeinschaftsgärten sind im Netzwerk Urbane Oasen vertreten. Eine allgemeine Erfassung von Urban-Gardening-Projekten gibt es bei der Dortmunder Stadtverwaltung nicht. „Eine Anlaufstelle für Interessenten wie es sie in Düsseldorf gibt, wäre aber hilfreich“, sagt Jonas Runte. Für Gemeinschaftsgärtner sei das große Problem, eine geeignete Fläche zu finden. So stockt auch der auf 220 Quadratmetern geplante Tremoniagarten am Tremoniapark im westlichen Kreuzviertel. Für die Urbanisten als Initiatoren gibt es noch offene Fragen.

Pflanzentauschbörse am 7. April

Ein fester Termin im Kalender der Urbanisten ist am 7. April, 11 bis 16 Uhr, die Pflanzentauschbörse beim Frühlingsflohmarkt auf dem Gelände des Union-Gewerbehofs. Vom Saatgut über Jungpflanzen bis zur Zimmerpflanze können Besucher hier alles tauschen. Denn auch Balkon-Gärtnern ist Gärtnern.

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