Urlaub 2019: Genießen, kompensieren, moralisieren. Oder soll man es lassen?

mlzGlosse: Unter uns Dortmundern

Reisen bildet. Reisen macht Spaß. Reisen ist anstrengend. Vor allem in diesen Zeiten. Zum nahen Ende der Urlaubssaison spricht unser Autor über das schöne Leben, das Fliegen und das Meer.

Dortmund

, 09.08.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Statt auf den einen großen Urlaub, setze ich auf viele kleine. Bevor das wie Angeberei klingt: Die meisten dieser Reisen waren kurz und kostengünstig. Nach Trips nach Norddeutschland, in die Niederlande und nach Sizilien bleibt eine Fülle an allgemeinen Gedanken über das Reisen. Und einige spezielle persönliche Erfahrungen.

Das Meer

Meine gute Beziehung zum Meer wurde in diesem Jahr etwas getrübt. Schuld daran war ich selbst. Ich habe über die Jahre eine gewisse Form der Schusseligkeit, vulgo: Dummheit, kultiviert. Das hat mich am Ionischen Meer vor der sizilianischen Südostküste meine mehrere Jahre alte, mit unverzichtbarer Sehstärke und vielen Erinnerungen versehene Sonnenbrille gekostet.

Ob es eine gute Idee war, meinen Sohn mit einer spektakulären Torwartparade im flachen Wasser beeindrucken zu wollen und vorher die Brille nicht abzusetzen? Eher nicht, wie sich herausstellte, als eine Welle innerhalb von Sekunden das Gestell zum nächsten Plastikelement im ohnehin schon arg vermüllten Meer gemacht hat. „Das war aber schon ein bisschen blöd von dir“, kommentierte das der ehrliche Kindermund. Immerhin: Die Parade war richtig stark.

Es geht noch blöder. Am Wattenmeer übte ich mich in der von der Comic-Figur Werner etablierten Disziplin „Flachköpper“. Ich muss die Tiefe des schlickschwarzen Wassers wohl leicht überschätzt haben. Jedenfalls tauchte ich mit einer amtlichen Schürfwunde am Kinn wieder auf. Mir kommt ein Song des Rappers Das Bo von 2008 in den Sinn: „Dumm, aber schlau“.

Das Fliegen

Als ich mich vor einigen Monaten für eine Neukonzipierung des defizitären Dortmunder Flughafens ausgesprochen hatte, verwies ich dabei auch auf einen inneren Widerspruch. Schöne Plätze entdecken und den Geist erweitern ist ohne Flugzeug kaum möglich.

Für die Flugreise nach Italien (so CO2-intensiv wie ein ganzes Jahr Autofahren!) habe ich eine Lösung gefunden, die nur vorläufig sein kann: Kompensation. In Ruanda werden jetzt weniger klimaschädliche Öfen gebaut, damit ich guten Gewissens in den Süden fliegen kann. So fühlt sich also Selbstbetrug an. Vielleicht hilft es aber doch.

Die Moral

Noch nie habe ich so viel darüber nachgedacht, was Urlaub eigentlich bedeutet. Die etwas kitschige, aber wahre Antwort: Viel Zeit mit Menschen zu verbringen, die mir nahe sind, ist das Wertvollste, was es überhaupt gibt. Urlaub ist immer auch eine kleine Utopie von einem Leben ohne Zeitdruck und immerwährender Leichtigkeit.

Ein anderer Teil der Wahrheit ist aber auch: Das Reisen wird heutzutage zur Gewissensfrage ausgerufen. Das kann man ignorieren, so wie es viele tun. Oder man stellt sich unbequemen Fragen. Selbst, wenn man sie nicht direkt klar beantworten kann.

Sollte ich fliegen? Autofahren? Sollte ich Geld in einem Land lassen, in dem eine rechte Regierung Menschenrechte verletzt? Im selben Meer schwimmen, in dem andere Menschen ertrinken, nur weil sie in einem anderen Teil der Welt geboren sind? Oder soll man es lassen?

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