„Viele trinken aus Verzweiflung“ - Ein Besuch an einem Ort, der für viele so wichtig ist

mlzNordstadt

Das Café Berta an der Heroldstraße haben viele bei der Eröffnung abschätzig „Saufraum“ genannt. Heute gehört es zur Nordstadt. Für einige Menschen ist es einer der wichtigsten Orte im Leben.

Dortmund

, 24.09.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Seit Januar 2012 betreibt das Sozialarbeitsunternehmen European Homecare im Auftrag der Stadt Dortmund das Café Berta im Nordmarkt-Viertel. Hier können sich süchtige Menschen aufhalten und Alkohol konsumieren. Es gibt eine Obergrenze für harten Stoff: Mehr als 14 Prozent sind nicht erlaubt. „Alles andere macht aggressiv“, sagt Thomas Thanscheidt, Leiter des Café Berta. Die Abhängigen trinken in einem Raum, den sie selbst mitgestalten und den sie wertschätzen. Und nicht in der Öffentlichkeit, wo es häufig andere stört.

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Montags bis samstags ist ein insgesamt fünfköpfiges Team von 12 bis 18 Uhr vor Ort. Außerdem ist das Café Ausgabestelle für die Obdachlosenzeitung Bodo und Ausgabestelle für Regenkleidung und Schlafsäcke.

Im Winter kommen bis zu 120 Besucher pro Tag

Bis zu 120 „Klienten“ kommen pro Tag, im Winter mehr als im Sommer. Sie finden hier ihre soziale Routine. Bei vielen folgt der Tag einem festen Ablauf: Frühstück im Gasthaus, mittags ins Wichernhaus oder in Kana-Suppenküche und danach ins Café Berta.

„Manche kommen immer um 15 Uhr, andere immer um 17 Uhr. Da kannst du die Uhr nach stellen. Andere lassen sich blicken, um abzuchecken, wer gerade da ist. Wir sind ein fester Anker in der Nordstadt“, sagt Thomas Thanscheidt.

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An der Heroldstraße treffen Menschen in schwierigen Lebenslagen zusammen. Eine große Zahl an Besuchern ist wohnungslos. „Viele trinken aus Verzweiflung, weil sie keinen anderen Weg finden und schon durch viele Raster gefallen sind“, sagt Thomas Thanscheidt. Optimismus zieht er deshalb vor allem aus Einzelnen, die den Weg aus der Krankheit Alkoholabhängigkeit finden.

Die Sprachbarriere kann ein Problem sein

Es könne zu Konflikten kommen, sagt Thanscheidt, wenn „Neue“ versuchen, die Grenzen der Regeln im Café Berta auszutesten. „Oftmals haben wir da auch eine Sprachbarriere“, sagt er. Es gebe viele Klienten aus Rumänien, Bulgarien oder Albanien, darunter auch Analphabeten.

Stadtsprecher Sprecher Maximilian Löchter sagt: „Die Besucherzahlen sind stetig steigend.“ Das Café Berta habe dazu beigetragen, dass die Intensität der Ansammlungen auf dem Nordmarkt und an anderen Stellen der Nordstadt im Umfeld des Trinkraumes geringer geworden ist.

„Zwar gibt es auf dem Nordmarkt noch eine deutlich kleinere Trinkerszene, die Störungen halten sich aber in Grenzen und meist ist ein konfliktfreies Nebeneinander der verschiedenen Gruppierungen festzustellen“, sagt der Stadtsprecher.

Café-Berta-Chef Thomas Thanscheidt bezeichnet den Austausch mit den Nachbarn an der Heroldstraße als positiv. Vorbehalte, die es nach der Eröffnung bei manchen Hausbesitzern gegeben habe, hätten sich schnell als unberechtigt erwiesen. Maximilian Löchter bilanziert. „Die Arbeit des Café Berta hat sich bewährt und dient in der Zwischenzeit als Referenzprojekt für andere Kommunen.“

Es bleiben Unsicherheiten

Thomas Thanscheidts Idealvorstellung wäre ein interkulturelles Team aus mehreren Sozialarbeitern, die mit anderen Nordstadt-Stellen wie Willkommen Europa verknüpft wären. Konzepte dafür existierten bereits, die Umsetzung über das Projekt „Nordwärts“ sei aber derzeit nicht in Sicht.

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Die Gegenwart ist stattdessen, dass der Mietvertrag des Café Berta jährlich neu verlängert werden muss. Jahrelang stand der Trinkertreff (Kosten: rund 150.000 Euro pro Jahr) auf der Sparliste der Stadtverwaltung. Auf Antrag der CDU (und gegen die Stimmen der SPD) beschloss der Finanzausschuss 2015, dass das Café nicht mehr auf einer Sparliste der Stadt auftauchen darf.

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