Volkssport Unfallflucht: Zahlen in Dortmund steigen massiv

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„Unfallflucht entwickelt sich zu einem schlimmen Volkssport“, sagt der NRW-Innenminister. Die Dortmunder Fallzahlen nehmen dramatisch zu. Dabei schützt man sich mit einem Anruf immer selbst.

Dortmund

, 23.12.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Insgesamt ereigneten sich im vergangenen Jahr 24.577 Verkehrsunfälle in Dortmund. In 5950 Fällen fuhren Beteiligte weg, ohne sich vernünftig um den Sachverhalt zu kümmern. Also bei fast einem Viertel (24,2 Prozent) aller Unfälle - im Schnitt 16 Mal jeden Tag.

NRW-Innenminister Herbert Reul sagte gegenüber der Rheinischen Post kürzlich: „Unfallflucht entwickelt sich immer mehr zu einem schlimmen Volkssport.“ Schäbig sei es, andere mit dem Schaden zurückzulassen, den man selbst verursacht habe.

Immerhin gibt es eine gute Nachricht: Bei der weit überwiegenden Anzahl der Unfallfluchten bleibt es in Dortmund bei Sachschäden. Doch die steigenden Fallzahlen sind Grund zur Sorge. Im vergangenen Jahr gab es 1156 Unfallfluchten mehr in der Stadt als noch im Jahr 2014: ein Plus von fast 20 Prozent.

Auffallend in der Polizei-Statistik ist, dass deutlich mehr Fahrer bei Blechschäden flüchten - bei Unfällen mit Personenschaden sinken die Fallzahlen aber. Doch immerhin 160 Mal fuhren Beteiligte im Jahr 2018 sogar dann einfach weg, wenn andere Menschen verletzt wurden.

Drohende Hochstufung der Versicherung

„Der wichtigste Grund für die Unfallflucht dürfte die drohende Hochstufung durch die Versicherung sein“, meint Dirk Krüger, Bereichsleiter beim ADAC: „Auf zusätzliche Ausgaben reagieren Menschen empfindlich und versuchen, sie möglichst zu vermeiden.“

Bei kleinen Sachschäden könne es durchaus sein, dass man sie im Auto nicht bemerkt: „Andererseits gibt es inzwischen immer mehr Assistenzsysteme, mit denen solche Unfälle verhindert werden sollten.“ Ob es sich auch um ein gesellschaftliches Problem von fehlender Rücksichtnahme handelt, könne Krüger nicht sicher beantworten.

„Zunehmende Aggressivität und Rücksichtslosigkeit im Verkehr werden oft diskutiert“, so der ADAC-Experte: „Bisher gibt es aber kaum Belege dafür, zumal eine solche Entwicklung nur schwer nachzuweisen ist.“ Jedenfalls sei die Wahrscheinlichkeit aufzufliegen deutlich höher, als so mancher glaubt.

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Die Polizei betont, dass es nicht reiche, einen Zettel an die Scheibe zu heften, wenn man beim Parken ein anderes Auto beschädigt hat. „Wind kann einen Zettel wegwehen, Regen kann die Tinte verschmieren“, sagt Polizeisprecherin Cornelia Weigandt. Man müsse immer verlässlich dafür sorgen, dass die eigenen Daten den Geschädigten auf jeden Fall erreichen.

„Unerlaubtes Entfernen vom Unfallort“ ist eine Straftat (Paragraf 142 StGB) und kann eine Geldstrafe, Punkte in Flensburg, den Entzug des Führerscheins oder im schlimmsten Fall sogar eine Freiheitsstrafe nach sich ziehen. Hinzu kommen zivilrechtliche Ansprüche der Geschädigten.

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Ist keine Person in der Nähe, die zum beschädigten Fahrzeug gehört, sollten die Dortmunder im Zweifelsfall immer die Polizei zum Unfallort rufen. Auch wer von dort aus direkt zur nächsten Polizeiwache fährt, kann sich Ärger einhandeln - weil er sich unerlaubt entfernt.

„Man schützt sich immer selbst“

Sicherlich könne es Situationen geben, in denen man auf einer Landstraße keinen Handyempfang hat. Individuelle Umstände seien dann gegebenenfalls vor Gericht zu klären. Weigandt sagt aber ganz klar: „Man schützt sich immer selbst, wenn man die Polizei ruft.“

Kümmert man sich selbst um die Unfallmeldung, vermeide man, dass der Geschädigte Altschäden mit geltend machen kann. Insbesondere wenn Menschen angefahren werden, ist es sinnvoll, die Polizei hinzuzuziehen - auch, wenn ausgenscheinlich nichts passiert sei. Die Beamten können den Vorfall dann neutral dokumentieren. Cornelia Weigandt sagt: „Es ist nicht immer schlimm, wenn wir gerufen werden.“

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