Vom Pech verfolgt: Lothar Mertens hat Angst vorm Flaschensammeln

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Der 65-jährige Lothar Mertens hat nur 962 Euro Rente. Und davon muss er noch 159 Euro monatlich für das Pflegeheim bezahlen, in dem seine schwerbehinderte Frau liegt.

Asseln

, 14.01.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Lothar Mertens hat es in den vergangenen Jahren schwer getroffen. Im November 2017 erlitt seine Frau einen Schlaganfall und ist seitdem in einem Pflegeheim und sehr bettlägerig. 2018 stellten die Ärzte bei ihm eine Krebserkrankung fest, sodass der 65-Jährige nun zu 100 Prozent schwerbehindert ist. Und zu allem Übel kommt noch seine finanzielle Situation hinzu, die ihn schier verzweifeln lässt.

„Ich habe 45 Jahre lang gearbeitet“, sagt der gelernte Sanitär- und Heizungsmonteur aus Asseln, dennoch erhalte er netto nur 962 Euro, da er nach der Erkrankung seiner Frau - und somit rechnerisch etwas zu früh - in Rente gegangen sei. Zudem habe er längere Zeit für eine private Arbeitsvermittlung gearbeitet, deren Löhne wahrlich nicht die besten gewesen seien.

„Ich schaffe das nicht mehr“

Und von diesen 962 Euro muss Mertens monatlich mittlerweile 159 Euro für das Pflegeheim seiner Frau zuzahlen, da diese Summe im Sommer vergangenen Jahres um 24 Euro angehoben wurde. „Ich schaffe das nicht mehr“, sagt Mertens, „ich sehe mich schon als Flaschensammler durch die Parks ziehen und die Mülleimer durchwühlen.“ Hinzu kämen die zahlreichen Behördengänge, die ihm aufgrund seiner Erkrankung nicht leicht fielen: „Manchmal frage ich mich, was ich eigentlich verbrochen habe.“

Ein Monat auf einem Blatt Papier: Lothar Mertens zeigt seine finanzielle Kalkulation für den November 2019.

Ein Monat auf einem Blatt Papier: Lothar Mertens zeigt seine finanzielle Kalkulation für den November 2019. © Michael Schuh

Besonders schlimm stelle sich die Situation dar, sobald eine unplanmäßige Ausgabe auf ihn zukomme, fährt der Rentner fort. So zum Beispiel unlängst die kaputte Waschmaschine, deren Nachfolgerin er derzeit in Raten abstottert, eine Medikamentenzuzahlung oder die Geldstrafe, die er zahlen musste, da er zu schnell auf seinem Motorroller unterwegs war. Das Zweirad fristet sein Dasein inzwischen ohnehin in der Garage, da Mertens es aus körperlichen Gründen nicht mehr nutzen kann.

Plätzchen sind ein finanzieller Kraftakt

Um alle zwei Tage seine Frau in Wickede zu besuchen, die halbseitig gelähmt ist und weder laufen noch sprechen kann, nimmt er nun den Bus; und wenn er ihr ab und zu eine Kleinigkeit wie Plätzchen mitbringen möchte, ist das schon ein finanzieller Kraftakt. „In manchen Monaten habe ich nur 170 Euro zum Leben“, erzählt der 65-Jährige, dessen vier Kinder den Vater - wenn überhaupt - nur minimal unterstützen können.

Mütterrente in Sicht

Obwohl er schon unterschiedliche Rentenberatungen aufgesucht habe, seien die besten Tipps eigentlich immer aus dem Bekanntenkreis gekommen. „Erst neulich habe ich erfahren, dass ich für meine Frau vielleicht eine Mütterrente beantragen könnte. Das wäre dann natürlich deutlich mehr als die 74 Euro, die sie momentan erhält.“ Allerdings weiß Mertens nicht, ob dieser Betrag dann nicht komplett als Zuzahlung für das Heim wieder wegfallen würde.

Recht auf Grundsicherung

Tatsächlich haben Rentner in Deutschland ein Recht auf Leistungen aus der Grundsicherung, wenn die eigene Rente nicht zum Leben reicht. Diese Summe soll den Kauf von Lebensmitteln, Kleidung, Hygieneartikeln sowie den Hausrat decken und beträgt bei Alleinstehenden 432 Euro, bei Paaren 389 Euro je Partner. Allerdings können Leistungen gestrichen werden, wenn die Kosten für die Wohnung der Betroffenen zu hoch sind.

Altersarmut nicht fest geregelt

Ob ein Rentner Anrecht auf zusätzliche Leistungen hat, hänge aber von einer Vielzahl an Faktoren ab, erläutert Dirk Manthey, Sprecher der Deutschen Rentenversicherung: dazu gehörten unter anderem Alter, Familienstand, Wohnort, aber auch sonstige Einkommens- und Vermögensverhältnisse. Ob bei Lothar Mertens ein Fall von sogenannter Altersarmut vorliegt, vermag Manthey nicht zu sagen: „Der Begriff ‚Altersarmut’ ist nicht gesetzlich normiert, das heißt, er wird in der Öffentlichkeit unterschiedlich gebraucht.“

Eines steht jedoch fest: Lothar Mertens selbst würde in seinem Fall von Altersarmut sprechen. Ohne Wenn und Aber.

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