Von Falschparkern, Petzen und einem grundsätzlichen Konflikt auf der Straße

mlzDiskussion um Fremdanzeigen

Die Zahl der Fremdanzeigen ist so hoch wie nie – und das zeigt, dass es ein Problem gibt. Unser Bericht über das Thema hat viele Leser zu Reaktionen animiert. Das ist das Stimmungsbild.

Dortmund

, 26.02.2019, 13:44 Uhr / Lesedauer: 3 min

5300 Fremdanzeigen gab es beim Ordnungsamt 2018, das sind rund 15 pro Tag. In einer ersten Analyse hatte diese Redaktion das Phänomen benannt und Hintergründe beschrieben. Zahlreiche Reaktionen zeigen: Das Problem reicht noch viel tiefer.

Denn es geht um nichts weniger als das Miteinander von Autofahrern, Radfahrern, Fußgängern und eingeschränkten Verkehrsteilnehmen. Es ist, so legt es der raue Ton in der Debatte nahe, eher ein rivalisierendes Nebeneinander.

Es gibt in den Social-Media-Kommentaren (etwa unter unserem Facebook-Beitrag) und direkten Reaktionen auf den Ursprungsartikel verschiedene Argumentationslinien.

Argument 1: „Dortmund ist keine Stadt der Petzen, sondern eine Stadt der Falschparker.“

Viele Dortmunder stellen die Frage nach Ursache und Wirkung. „Wenn Autos auf Plätzen stehen, wo sie nicht stehen sollten, ist das nicht die Schuld der Menschen, die das zur Anzeige bringen, sondern die Schuld der Menschen, die ihr Auto dort abstellen“, schreibt Facebook-User Oliver G.

„Manche Autofahrer meinen, sie könnten sich alles rausnehmen“, schreibt Stephanie E. Viele andere berichten von ihrem Alltag, in dem sie die Straßenseite wechseln müssen und mit Kinderwagen Gehwegparkern ausweichen müssen.

Von „asozialem Verhalten“ und „Egomanen“ ist die Rede, von rücksichtslosen Autofahrern und dem generellen Problem von zu vielen Fahrzeugen für zu wenig Straßenraum.

Argument 2: „Wer falsch parkt, gefährdet andere.“

Ein Leser benennt die „Opfer“ von Falschparkern: „Menschen mit Behinderung, die nicht den Parkplatz finden, den sie benötigen, weil andere Autofahrer nicht so weit bis zum Supermarkteingang laufen wollen oder weil sie mit ihren fetten SUVs nicht auf normale Parkplätze passen“. Außerdem „Fahrradfahrer, die unter Gefahr für Leib und Leben auf die Fahrbahnmitte ausweichen müssen“.

Vielfach werden auch die potenziellen Probleme für Rettungswagen und Feuerwehr genannt. Im Saarlandstraßenviertel hatten parkende Autos erst Anfang Februar einen Feuerwehreinsatz behindert. Laut Feuerwehrsprecher André Lüddecke würden immer wieder auf diese Weise Feuerwehr-Einsätze in Innenstadt-Quartieren behindert – Verzögerungen, die im Extremfall Leben gefährden können.

Bei Alarmfahrten würden Fahrzeuge im Zweifel beiseitegeschoben. Neben einem parkenden Fahrzeug muss eine Restfahrbahnbreite von mindestens 3,05 Metern frei bleiben - auch, wenn das Parken auf der Fahrbahn erlaubt ist.

Argument 3: „Die Stadt soll diese Arbeit selbst erledigen und dafür entsprechend Stellen schaffen.“

Einige Kommentatoren sehen in der Fremdanzeigen-Flut ein Ergebnis struktureller Probleme in der Verwaltung. „Es ist ein Armutszeugnis der Stadt Dortmund und anderswo genauso, hier keine klaren Strukturen zu schaffen und diese auch durchzusetzen. Die Menschen sollen sich halt durchwurschteln.“

Andere bezeichnen das Anzeigen von Vergehen als „ Bürgerpflicht“, wenn die Behörden ihren Aufgaben nicht nachkommen. Bürger würden beginnen sich zu wehren, „angesichts von Untätigkeit von Behörden und Politik“. In besonders belasteten Bereichen wie Kreuzviertel oder Hörde werde trotz regelmäßiger Verstöße nichts unternommen.

Norbert Paul, Vorsitzender des Vereins Fuss e.V. sagt: „Aus soziologischer Perspektive könnte man in diesen Entwicklungen auch das vom Neoliberalismus geforderte Verlagern staatlicher Aufgaben bzw. hier Aufgaben der kommunalen Selbstverwaltung auf zivilgesellschaftliches Engagement sehen.“

Deckt sich das mit den offiziellen Zahlen zur Verkehrsüberwachung, die im städtischen Haushalt für 2019 nachzulesen sind? Im Jahr 2018 gab es 28.000 Anzeigen wegen Ordnungswidrigkeiten durch Parkverstöße, rund 3000 mehr als im Jahr zuvor. Es werden weniger Verfahren eingestellt als 2017. Gesunken ist die Zahl der Anzeigen gebührenpflichtiger Verwarnungen (auf 50.000 von 59.713) sowie der stationären (115.000) und mobilen (10.000) Geschwindigkeitsüberwachung. Für 2019 ist ein Anstieg prognostiziert.

Argument 4: „Leben und leben lassen“

Es gibt vereinzelt auch die Haltung, Parkvergehen „entspannter“ zu sehen.

„Es kommt ja nicht nur bei Falschparkern vor, sondern auch in der Nachbarschaft, im Freundeskreis, im Arbeitsleben, beim täglichen Einkauf selbst in der Schule und Kita, egal wo... Denunzianten begegnen uns im Alltag überall. Was gibt es diesen Leuten, wenn sie mit dem Finger auf andere Leute zeigen? Ist man so voller Selbstzweifel oder gar Neid, Hass, Unzufriedenheit, dass man so reagiert?“, sagt Nicole R.

An anderer Stelle wird Ärger über „Hobby-Polizisten“ deutlich und über den allgemeinen Hang der Deutschen zum Denunzieren.

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