Vonovia-Mieter leben seit mehr als einem Jahr inmitten einer Baustelle

mlzLange Verzögerung

Eigentlich sollten die Bauarbeiten an mehreren Vonovia-Häusern in Dorstfeld im vergangenen Januar beendet sein. Doch viele Anwohner leben noch immer inmitten einer Baustelle.

Dortmund

, 29.09.2018, 04:28 Uhr / Lesedauer: 3 min

Den Grill hat Anna Ziolkowski schon im Sommer 2017 gekauft. Sie freute sich auf den Balkon. Hier wollte sie eigentlich viele Sommerabende verbringen, wollte ihre Freunde zur Grill-Party einladen. Der Grill steht heute noch original verpackt im Keller, der Sommer 2018 ist an Dorstfeld vorbeigezogen, ohne dass Anna Ziolkowski eine Minute auf ihrem Balkon verbracht hat. Denn der ist noch immer nicht da.

Leben zwischen Baugerüsten und Baggern

Im Juni 2017 hatte das Wohnungsunternehmen Vonovia damit begonnen, drei Reihen aus Mehrfamilienhäusern, angeordnet in einem U an den Straßen Fine Frau, Anweihstraße und Am Rode, zu modernisieren. Neues Dach, neue Fenster, neue Fassade, und endlich Balkone. Das Ende der Arbeiten war den betroffenen Anwohnern zunächst für November 2017, dann für Januar 2018 versprochen worden.

Vonovia-Mieter leben seit mehr als einem Jahr inmitten einer Baustelle

Höher kann das neue Rollo nicht gezogen werden. © Michael Nickel

Ende September 2018 leben die Menschen noch immer zwischen Baugerüsten und Baggern. Die Wege zu ihren Häusern sind nicht gepflastert, sondern mit Kieselsteinen aufgeschüttet. Die große Wiese auf den Rückseiten der Häuser, quasi ein grüner Hinterhof mit Bäumen, ist schon lange nur noch ein Feld aus umgepflügter Erde, ebenso die Vorgärten.

Rollos gehen nicht bis ganz nach oben

Eine Anwohnerin hat jetzt Rollläden bekommen. Das Problem: Sie kann sie nicht komplett hochziehen, gut 30 Zentimeter des Fensters bleiben verdeckt. Anfang Mai kam sie eines Abends nicht in den Keller. Der Eingang an der Rückseite des Hauses war zugemauert, um ein Fundament für die neuen Balkone zu setzen. An der Kellertür im Haus selbst waren die Schlösser ausgetauscht worden, neue Schlüssel noch nicht da.

Anita Nikodem ist ebenfalls Anwohnerin, sie lebt im Haus Fine Frau 39. „Ich habe mittlerweile neun Urlaubstage für Handwerkertermine eingesetzt“, sagt sie. Auch Freunde mussten schon mal einspringen. Und in mehreren Fällen sei es vorgekommen, dass kein Handwerker gekommen sei.

Auf telefonische Nachfrage bei Vonovia wurde ihr in einem Fall gesagt, dass der Termin verschoben worden sei. „Eine Mitteilung darüber habe ich aber nicht erhalten“, sagt Nikodem. Ihre Küche musste sie wegen der Modernisierungsarbeiten spiegelverkehrt neu aufbauen, das Laminat in ihrer Wohnung sei zerkratzt worden.

Miete soll am Ende erhöht werden

Anna Ziolkowski hat mittlerweile einen Anwalt eingeschaltet, sie bemüht sich in der Angelegenheit um Mietminderung. „Eine Baustelle und alles, was dazu gehört, muss man hinnehmen. Die Frage ist nur, wie lange. Irgendwann hat man die Schnauze voll“, sagt sie. Viele Nachbarn seien in den vergangenen Monaten bereits ausgezogen. Ob es an den Bauarbeiten liegt oder an der um rund 100 Euro höheren Miete nach Ende der Modernisierung, ist nicht klar.

Vonovia-Mieter leben seit mehr als einem Jahr inmitten einer Baustelle

Die Zugänge sind nicht gepflastert. © Michael Nickel

Die verbliebenen Anwohner bemängeln nicht nur die langen Arbeiten und die mitunter lauten und schmutzigen Begleitumstände. Sie kritisieren vor allem die mangelnde Kommunikation von Vonovia. Einen Grund für die Verzögerung haben die Nachbarn nie erhalten.

Die nächsten Häuser sollen im November fertig sein

„Für die Verzögerung und die Unannehmlichkeiten für unsere Mieterinnen und Mieter können wir uns nur entschuldigen. Auch wir hätten uns eine schnellere Fertigstellung gewünscht“, erklärt Vonovia-Sprecher Max Niklas Gille auf Anfrage. Unter anderem Kapazitätsprobleme bei den Dienstleistern hätten zu den Problemen geführt. Die seien nun aber gelöst. So sollen die betroffenen Häuser Fine Frau 39 bis 45 voraussichtlich Ende November fertig sein.

Und was ist mit Anna Ziolkowski aus der Anweihstraße und ihrem Balkon? Hier habe es laut Gille immer wieder Verspätungen seitens der Dachdeckerfirma gegeben: „Wir haben die Firma nun gewechselt und bereits mit den Abschlussarbeiten an der Balkongaube begonnen. Auch wir sind mit der Verzögerung nicht zufrieden und wollten nicht, dass sich die Bauzeit so in die Länge zieht. Es ist unser Ziel, die Arbeiten möglichst schnell abzuschließen.“

Ein konkretes Datum hierfür gibt es nicht. Auch das kaputte Rollo einer Nachbarin werde geprüft, sagt Gille – ebenso wie die geplatzten Termine mit Handwerkern.

Vonovia sichert den Mietern eine Entschädigung zu

Eine solche Verzögerung wie in Dorstfeld sei ungewöhnlich lang, gibt Gille zu. „Wir haben großes Verständnis dafür, dass die Mieter sich aufregen. Leider können aber auch wir Verzögerungen nie zu 100 Prozent ausschließen und sind auf Dienstleister angewiesen. Wir können uns bei den Mietern für die Unannehmlichkeiten nur entschuldigen.“

Alle Mieter, besonders die Mieter oder auch ehemaligen Mieter der Dachgeschosswohnungen, sollen jedenfalls eine Entschädigung erhalten, so Gille: „Die Höhe werden wir nach Ende der Bauarbeiten festlegen. Es ist uns wichtig, dass die Mieter sich schnell wieder wohlfühlen. Uns ist klar, dass wir hier wieder Vertrauen gut machen müssen.“

Vonovia-Mieter leben seit mehr als einem Jahr inmitten einer Baustelle

Warnhinweise sorgten für Irritationen. © privat

Vertrauen, das zuletzt noch einmal durch einen Zettel-Fehler gelitten hat. Rüdiger Senft wohnt Am Rode, hat seit Ende Juli einen Balkon und im Sommer schon öfter darauf gefrühstückt. Vor einigen Tagen hing ein Zettel an seiner Wohnungstür: „Stopp! Balkontür nicht öffnen – Absturzgefahr“ stand darauf. Mehrere Mieter meldeten sich bei Vonovia, wie Max Niklas Gille erklärt.

„Peinlicher“ Zettel-Fehler besorgt Balkon-Nutzer

Die Erklärung: Ein Mitarbeiter sollte die entsprechenden Zettel in den Häusern verteilen, an denen die Bauarbeiten für Balkone laufen, da hier nun mal tatsächlich Absturzgefahr beim Öffnen der Tür besteht. Der Mitarbeiter war aber etwas zu motiviert und hat sämtliche Häuser in der Reihe mit dem Warnzettel bestückt. An den schon aufgestellten Balkonen bestehe keinerlei Absturzgefahr. „Ein peinlicher Fehler, den wir korrigieren werden“, so Gille.

Handwerker freuen sich über volle Auftragsbücher: Behörden, Unternehmen und Privatpersonen müssen lange nach Handwerkern suchen. Die Auftragsreichweite der Betriebe liege im Durchschnitt bei neun Wochen, teilt Gabor Leisten, Abteilungsleiter der Unternehmensberatung bei der Handwerkskammer Dortmund, auf Anfrage mit. Das sei zwar nicht gleichbedeutend mit den Auftragsbüchern, der Wert gebe aber eine gute Einschätzung für die Wartezeit. Ob es auch zu Verzögerungen kommt, weil Handwerker Aufträge annehmen, die sie ohnehin nicht ausführen können? „In der Praxis ist es eher der Fall, dass Aufträge von vornherein abgelehnt werden müssen, wenn auf Grund der hohen Nachfrage eine Umsetzung nicht möglich ist“, so Leisten. Im Bauhauptgewerbe, zu dem unter anderem Maurer und Dachedecker zählen, bezeichnen 97 Prozent der Betriebe die aktuelle Geschäftslage als positiv. Jeder fünfte Betrieb arbeite derzeit mit einer Auslastung von über 100 Prozent. Eine Veränderung der Lage in den traditionell schwierigen Schlechtwettermonaten sei laut Leisten nicht in Sicht. Ein Minuspunkt: „Der Mangel an qualifizierten Fachkräften stellt sowohl in quantitativer als auch qualitativer Hinsicht eine echte Belastung für die Betriebe dar.“

Lesen Sie jetzt