Warum Fabian (30) die Corona-Schutzmaßnahmen für falsch hält

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Fabian Günther (30) arbeitet an der TU und ist offen gegen die Corona-Schutzregeln, hat schon auf Demos umstrittene Reden gehalten. Was treibt so jemanden an? Wir haben mit ihm gesprochen.

Dortmund

, 02.11.2020, 05:05 Uhr / Lesedauer: 4 min

Fabian Günther (30) aus Dortmund ist gegen die Corona-Schutzmaßnahmen. Gegen die, wie er sagt, unverhältnismäßigen Maßnahmen, gegen den Eingriff in die Grundrechte - und gegen die angeblich einseitige Berichterstattung. Aber warum eigentlich?

Was bringt einen jungen Mann, der an der TU Dortmund in der Kunststofftechnologie zu Dingen wie „mesoskaligen Strukturelementen“ forscht, dazu, sich aus Protest gegen Maskenpflicht und Sperrstunden bei Demos in Berlin oder Dortmund meditierend auf die Straße zu setzen? Ein Versuch ihn zu verstehen.

Ärger um ein Fernseh-Interview bei einer Querdenker-Demo

Ganz einfach ist seine Haltung jedenfalls auch für ihn nicht: Dass Fabian Günther seinen Protest äußert, hat ihm an seinem Arbeitsplatz bereits Ärger eingebracht. Weil er am Rande einer „Querdenker“-Demo in Dortmund am 18. Oktober dem WDR ein Interview gegeben hat, in dem er sich als Mitarbeiter der Dortmunder Universität vorgestellt und dann seine Argumente gegen die Corona-Schutzmaßnahmen dargelegt hatte, gab es eine öffentliche Beschwerde des Asta.

Die Verbindung zur TU habe er nicht bewusst gewählt, er sei auf das spontane Gespräch nicht vorbereitet gewesen, sagt Günther im Rückblick. Für die TU ist der Vorgang damit erledigt, so lange er nicht weitere politische Äußerungen im Namen der Universität tätige. Schon im Frühsommer hatte Fabian Günther einen Vortrag gehalten, der ihm Kritik eingebracht hatte.

In dem Vortrag ging es laut Fabian Günther um allgemeine Kritik zur Wissenschaft, an der Pharmaindustrie und an den Medien. „Man muss immer vorsichtig sein und darf nicht von einer Wahrheit ausgehen, so wie das in der Berichterstattung rund um die Corona-Zeit getan wurde“, sagt der Dortmunder.

Kritik am Umgang mit dem Coronavirus

Die Themen, die er jetzt kritisiert, sagt Günther, seien ihm auch früher schon wichtig gewesen. Der Lobbyismus in der Politik, die Schere zwischen Arm und Reich - das habe ihn schon früh in seinem Leben zu einem politisch interessierten Menschen gemacht.

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Die weitgehenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens während der ersten Welle der Pandemie haben für ihn das Gefühl, das etwas falsch läuft, noch einmal verstärkt. Die Folgen von Social Distancing seien größer als der Schaden, der durch das Coronavirus entstehe, meint Fabian Günther. „Es gibt keine Übersterblichkeit durch Corona, aber große Kollateralschäden durch den Lockdown.“

Tatsächlich ist die Sterblichkeit in Deutschland nicht gestiegen. Der Blick in andere Länder mit höherer Sterblichkeit wie England oder die USA zeigt aber, dass das wahrscheinlich auch auf die konsequente deutsche Strategie der ersten Pandemiewochen zurückzuführen ist.

Fabian Günther meint: Statt restriktiver Maßnahmen müsste mehr auf die Stärkung des Immunsystems geachtet werden, die Fixierung auf Impfungen als einzige Lösung hält er für „zu einseitig“. Die aktuell wieder verschärften Infektionsschutzmaßnahmen sieht er „noch kritischer“ als die des Frühjahrs.

„Die Regierung testet aus, wie weit sie gehen kann“

„Ich glaube, die Regierung testet gerade aus wie weit sie gehen kann und was sich die Bevölkerung gefallen lässt. Es wurden im Sommer Grundrechte eingeschränkt, ohne dass es ein Infektionsgeschehen gab. Und ich sehe die Gefahr, dass das zur Regel wird. Bei allen guten Absichten, die hinter den Maßnahmen stehen, die ich zum Teil auch für sinnvoll halte“, sagt Fabian Günther.

Warum die Regierung das austesten sollte und was sie am Ende damit bezweckt, lässt er offen.

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Eine Maskenpflicht im Freien, wie sie bei den Querdenker-Demos galt, hält er für „nicht sinnvoll“ und ein „Druckmittel gegen Demonstranten“. Die Auflage sei zudem menschenunwürdig: „Das wäre, als müsste ein Veganer mit einem blutigen Schnitzel auf dem Kopf demonstrieren.“

Die Polizei begründet die Maskenpflicht bei Demos mit dem Infektionsschutz. Von einer möglichen Verbreitung des Coronavirus auf Versammlungen gehe schließlich auch eine Gefahr für Unbeteiligte aus.

Eigene Argumente in einem sachlichen Ton

Seine Überzeugung, dass das Coronavirus weniger gefährlich sei, als öffentlich gesagt werde, begründet er mit Informationen, die der 30-Jährige im Gespräch häufig mit dem selben Satz einleitet: „Ich weiß nicht, ob Ihnen das bekannt ist“, sagt er dann.

Fabian Günther spricht unter anderem von angeblich bei asymptomatischen Patienten nicht vorhandenen SARS-Cov-2-Erregern und von einem „Corona-Untersuchungsausschuss“.

Die Nach-Recherche desjenigen, dem das nicht bekannt ist, zeigt: Es existiert eine Studie von April zu asymptomatischen Corona-Patienten, nach denen die Viruslast im Blut gering ist. Die Patienten sind aber deshalb nicht weniger ansteckend.

Der „Corona Ausschuss“ wiederum ist eine von Juristen ins Leben gerufene, private Stiftung, die in mehrstündigen Gesprächen die sozialen und gesellschaftlichen Folgen der Corona-Maßnahmen scharf kritisiert und „schuldhaftes Handeln“ der Regierung sieht. Es handelt sich nicht um etwas staatliches oder gar offizielles.

„Ich will nicht zur Spaltung beitragen.“

Fabian Günther trägt seine Argumente in einem ruhigen, sachlichen Ton vor. Er wirkt dabei nicht wie jemand, der zur Hysterie neigt. „Ich will nicht zur Spaltung beitragen“, behauptet Dortmunder. Gleichzeitig spricht er davon, dass die Maßnahmen der Regierung „extremes Leid“ verursachen würden. Deshalb wolle er weiter dagegen demonstrieren.

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Günther hat sich im Frühjahr zunächst in der Bürgerpartei „Widerstand für Dortmund“ engagiert und stand auch auf der Kandidatenliste bei der Kommunalwahl im September. Mittlerweile ist er Mitglied im Vorstand des NRW-Landesverbands der neu gegründeten Basisdemokratischen Partei Deutschland.

Dort trägt er den Titel „Säulenbeauftragter für Machtbegrenzung“. Weitere Posten im Namen des Vorstand tragen ähnlich schillernde Begriffe in sich, es gibt den Namen „Visionär“ oder „Querdenker“, es gibt eine „Beauftragte für Achtsamkeit“.

Das Argument mit der Grippe

Direkten Kontakt zu Menschen, die an der vom Coronavirus ausgelösten Krankheit Covid-19 erkrankt sind, hatte Fabian Günther nach eigenen Angaben bis auf einige asymptomatische Positivfälle bisher nicht.

Was würde er Personen sagen, die schwere Verläufe hinter sich haben oder einen Angehörigen durch das Virus verloren haben, wenn sie ihn fragen würden, warum er die Maßnahmen nicht als notwendig akzeptiert?

Fabian Günther zögert kurz mit seiner Antwort. Jeder einzelne Verstorbene sei sehr tragisch, sagt er dann, im selben sachlichen Ton wie vorher. „Aber wir müssen uns bewusst machen, dass jedes Jahr eine große Zahl an Menschen an der Grippe stirbt. Es kann nicht sein, dass deshalb demokratische Strukturen abgeschafft oder auf Eis gelegt werden.“

Der häufig genannte Grippe-Vergleich ist mindestens unscharf, weil die Opfer der Influenza geschätzt werden. Je nach Jahr sind das zwischen 5.000 und 25.000. Die bisher rund 10.000 Opfer von Covid-19 werden dagegen anhand von bestätigten Fällen gezählt. In der Saison 2018/19 waren es knapp 1000.

Legt man diesen Maßstab auch bei der Grippe an, sieht der Vergleich anders aus: Todesfälle mit laborbestätigter Influenza-Infektion gab es laut dem RKI in der besonders schlimmen Grippewelle 2017/2018 rund 1700. In der Saison 2018/19 waren es knapp 1000. Allerdings wird auf das Coronavirus auch intensiver getestet als auf die Influenza.

Die offene Frage ist jedoch ohnehin, ob ohne Schutzmaßnahmen nicht mehr Menschen in Folge einer Corona-Infektion gestorben wären.

Kritik an Begriffen wie „Coronaleugner“ oder „Verschwörungstheoretiker“

Begriffe wie „Verschwörungstheoretiker“ oder „Coronaleugner“ sieht Fabian Günther kritisch. Sie trügen nicht zum Austausch bei, sondern seien mit einem Framing versehen, um abweichende Meinungen zu diffamieren. „Sie machen es einfach, Feindbilder aufzubauen.“

Fabian Günther sagt: „In meinem Fall geht es überhaupt nicht darum, irgendetwas zu leugnen. Es geht darum, wieder in den Dialog zu kommen mit Leuten, die sich radikalisiert haben oder fehlgeleitet sind, und die Gemeinsamkeiten zu entdecken, um aus dieser Herausforderung zu lernen.“

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